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Kommentar zum Berlin-Besuch: Eheberatung für Obama und Europa

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U.S. Prasident Barack Obama trifft seine europäischen Kollegen, darunter David Cameron (M.) and Kanzlerin Angela Merkel (r.) Foto: REUTERS
Nach der langen Phase der Verliebtheit ist die Ernüchterung für Europa hart: Barack Obama ist genauso amerikanisch wie sein Vorgänger George W. Bush. Die Beziehung ist wie eine alte Ehe geprägt von Missverständnissen. Ein Kommentar.  Von
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Die Geschichte von Barack Obama und den Europäern ist die Geschichte eines doppelten Missverständnisses. Viele in Europa sehnten die Zeit nach George W. Bush so sehr herbei, dass sie den offen und kommunikativ auftretenden Obama gleich für einen der ihren hielten. Dabei hätte jeder, der bei Obamas Rede in Berlin vor fünf Jahren genau zugehört hat, wissen können: Dieser Präsident würde so amerikanisch wie seine Vorgänger auch sein – und dabei amerikanische Interessen zielstrebig oder notfalls auch gelegentlich brachial durchsetzen.

Das zweite Missverständnis liegt auf der Seite Obamas. Vielleicht war er damals selbst berauscht vom Jubel, mit dem er in Berlin gefeiert wurde, und von der positiven Erwartungshaltung, die auf der ganzen Welt herrschte. Jedenfalls scheint er tatsächlich geglaubt zu haben, es reiche, ein bisschen nett zu sein, dann würden die Bündnispartner schon machen, was er vorgibt. Er hat unterschätzt, dass auch die Europäer – mal berechtigt, mal unberechtigt – eigenwillig und eigensinnig sein können. Zu allem Überfluss gilt das auch noch für jedes einzelne Land.

Die transatlantischen Beziehungen lassen sich am ehesten mit einem Paar vergleichen, das feststellt, wie eingefahren die eigene Ehe ist und wie wenig die gewohnte Rollenaufteilung noch funktioniert. Der müde, genervte Patriarch beklagt sich: „Immer muss ich mich um alles kümmern, und dann ist dir nie was recht.“ Von der anderen Seite schallt es entgegen: „Tu doch nicht so. Du entscheidest doch sowieso alles allein und erwartest dann, dass ich hinter dir her räume. Gib dir doch wenigstens mal etwas Mühe, mein Innenleben zu verstehen.“

Das Komplizierte ist, dass beide Partner auf ihre Art recht haben. Und dass sich auch nicht alles von jetzt auf gleich ändern lässt. Die Europäer sind auch künftig auf die militärische Stärke der USA angewiesen – nicht zuletzt, weil es lange dauern wird, bis sich die EU-Länder untereinander auf eine wirklich gemeinsame Sicherheitsstruktur verständigen. Nur: Solange die Amerikaner nicht bereit sind, zumindest Stück für Stück auch Führungsarbeit zu teilen und abzugeben, setzen sie keinen Anreiz, dass sich etwas ändert.

Ein Eheberater würde jetzt vielleicht empfehlen, ein neues gemeinsames Projekt zu starten – auf Augenhöhe! Eine Freihandelszone könnte ein solches Projekt sein. Es ist fraglos schwierig, sich über genmanipulierte Nahrungsmittel und andere Problemfelder zu verständigen, aber es lohnt sich. Mit einem gemeinsamen Wirtschaftsraum hätten EU und USA dem wirtschaftlich rasant aufsteigenden China etwas entgegenzusetzen. Geld ist Macht – und gerade Amerika hat viel zu viele Schulden in Peking. Wer will in einer Welt leben, in der die stärksten Kräfte im undemokratisch regierten China zu finden sind?

Die transatlantische Ehe muss halten, nicht zuletzt mangels Alternativen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Obama sollten dafür pragmatisch zusammenarbeiten können. Zumindest die beiden haben wohl nie falsche, euphorische Erwartungen aneinander gehabt. Mit dem „Prism“-Skandal um die Internetüberwachung durch die USA nähert sich das Vertrauen der Deutschen in Obama dem Nullpunkt. Das ist ein guter Moment, um reinen Tisch zu machen und neu anzufangen. Vielleicht, indem zum Beispiel der Präsident etwas genauer verrät, was seine Geheimdienste alles über uns wissen.

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