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Kommentar zum Fleisch: Wir essen wie die Könige

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Eine Probe aus einem Fertiggericht wird im Labor des Landesamtes für Lebensmittelsicherheit in Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) auf Pferdefleisch untersucht. Foto: dpa
Die kriminelle Energie hinter dem Pferdefleisch-Skandal ist empörend. Doch solche Skandale sind kein Grund, die moderne Lebensmittelindustrie zu verdammen. Eher im Gegenteil. Kommentar  Von
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Tote Pferde isst man nicht. Man verbrennt sie. Von Hühnern essen wir nur Brust und Keule, der Rest wird in die Dritte Welt verschifft. Innereien isst fast niemand mehr, deshalb müssen wir sie zu Tiermehl verarbeiten lassen, das mitunter Hühnern vorgesetzt wird und Schafen – von Letzteren essen wir nur noch die besten Stücke der Lämmchen, weil uns alles andere zu fett und zu aromatisch ist.

Dieser alltägliche Umgang mit Fleisch ist dekadent. Diese Dekadenz ist einer der Hintergründe, vor dem sich Medien und Verbraucherpolitiker darüber echauffieren, dass nun in Rinderresten ein geringer Anteil von Pferderesten entdeckt wurde. Zynisch könnte man ausrufen: Was hatten sie in Fertiggerichten auf Hackfleischgrundlage für 1,99 Euro erwartet Entrecôte?

Dabei rührt ein Teil der völlig überzogenen Aufregung aus der beschriebenen Dekadenz: Der moderne Mensch ekelt sich davor, Pferd zu essen, obwohl es weder aus hygienischen noch aus moralischen oder gesundheitlichen Gründen etwas dagegen einzuwenden gibt.

Es gibt aber einen guten Grund, sich über die Panscherei mit Pferd aufzuregen – die kriminelle Energie, die dahintersteckt: Menschen, die ihr Geld mit der Herstellung von Produkten verdienen, die andere Menschen verzehren sollen, haben etwas in diese Produkte gemischt, was dort laut Gesetz und Zutatenliste nicht hineingehört. Nur nebenbei werden die Zusammenhänge einer zentralisierten Lebensmittelindustrie deutlich, in der Grundbestandteile von einigen wenigen Herstellern bezogen werden – sonst hätte sich die Fleischmischung nicht über ganz Europa in Gerichten von Ravioli bis Chili con Carne verbreitet.

Die Zentralisierung ist in solchen Einzelfällen ein Risiko. Aber sie ist in den meisten anderen Fällen logisch, effizient und hilfreich. Die Tatsache, dass Lebensmittel heute so hochwertig, so umfassend kontrolliert, bis zu jeder einzelnen Portion nachvollziehbar und zudem so erschwinglich sind wie nie zuvor, hat mit moderner Produktion unter strengsten Auflagen zu tun.

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Trotzdem wird nach jedem Vorfall gefordert, wir sollten wieder zurückkehren zur regionalisierten Landwirtschaft. Das sind Wohlstandssprechblasen, nicht nur gespeist von Arroganz gegenüber Discounter-Kunden, sondern auch weltfremd. Ein hoch urbanisiertes 80-Millionen-Volk kann einen täglichen Bedarf von geschätzt 160 Milliarden Kilokalorien nicht von glücklichen Hühnern, frei laufenden Schweinen und selbst geernteten Kartoffeln decken. Erst recht nicht, wenn dieses Volk noch andere Dinge zu tun hat. Zum Beispiel, die stärkste Industrienation Europas am Laufen zu halten oder den höchsten Lebensstandard und die höchste Lebenserwartung in der Geschichte zu genießen. Eine hoch technisierte und rationalisierte Ernährungsmaschine garantiert, dass die breite Masse heute so speisen kann, wie es einst Königen vorbehalten war.

Aufgabe der Politik

Die Nebenwirkung können Dioxinspuren in Eiern, Pferdefleisch in der Lasagne, Salmonellen im Pudding sein. Es ist Aufgabe von Politik und Behörden, solche fast immer von Kriminellen oder durch Schlamperei verursachten Skandale aufzudecken, zu verfolgen, zu verhindern. Und das funktioniert, alles in allem, gut. So gut, dass Öko-Lobbygruppen und Teile der Politik sogar noch Zeit haben, wegen genveränderten Sojabohnen und Tomaten hysterisch zu werden.

Scharfe Kontrollen, penible Hygiene, Einhaltung von Kühlkreisläufen, ehrliche Etikettierung bedingen eine sichere Ernährung im 21. Jahrhundert. Insofern ist die Tatsache, dass selbst jedes Skandälchen für helle Aufregung sorgt, kein Beweis für dramatische Zustände. Im Gegenteil. Als Verbraucher in Deutschland kann man sich weitgehend auf diese Zustände verlassen. Und darüber hinaus nützt ein bisschen gesunder Menschenverstand bei der Auswahl von Produkten.

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