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Kommentar zum Klonen: Wie tief in die Natur eingreifen?

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Wissenschaftler in Oregon haben ein menschliches Embryo gezüchtet. Foto: dpa
Die Vorgänge in hochmodernen Laboratorien in den USA gleichen auf ironische Weise denen im Labor Frankensteins aus Mary Shelly's Roman. Noch können menschschliche Klone nicht lebensfähig vervielfältigt werden – aber der Grundstein ist gelegt.  Von
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Ist das Frankensteins Labor? Dunkle Gemäuer, ein einsamer Wissenschaftler und ein Wesen, das mit Hilfe eines Stromschlages zum Leben erweckt wird. Der im 19. Jahrhundert geschriebene Gruselstoff von Mary Shelley hat ironischerweise tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit den Vorgängen in einem hochmodernen Laboratorium in den USA. Nur, dass das Lebewesen, um das es geht, viel, viel kleiner als Frankensteins Monster ist. Es ist ein Punkt, winziger als der am Ende dieses Satzes, welcher sich unter dem Mikroskop befindet und durch Stromschläge zur Teilung angeregt wird. Ein Wissenschaftler hat ihm seine genetische Identität gegeben. Es ist ein Klon, dessen genetisches Programm dem seines Spenders zu 100 Prozent gleicht. So geschehen in Oregon, in einem Labor einer öffentlichen Universität – alles andere als ein dunkles Gemäuer.

Womit das internationale Forscherteam die Menschheit überrascht hat, ist weit entfernt von dem, was sich in dem Grusel-Klassiker von Mary Shelley findet. Einen Menschen kann man – noch – nicht so vervielfältigen, dass seine Klone lebensfähig wären. Die Forscher haben die Grundlagen dazu gelegt, dass aus den geklonten Embryonen jene Zellen gewonnen werden können, die ein enormes Potenzial für die moderne Medizin besitzen. Mehr nicht. Ihr Ziel ist nicht der Doppelgänger, ihnen geht es um das Heilen und Helfen.

Science-Fiction ist längst Realität

Eine schöne neue Welt? Wir beobachten das Ganze mit Schaudern, Interesse und Hoffnung. Denn zu helfen ist ein moralisches Gebot. Menschen zu klonen hingegen ein ethisches Verbot. Wir stecken fest in einem Dilemma, aus dem uns keiner herausholt. Denn wir tun uns schwer damit, eindeutig sagen zu können, ob der Durchbruch der Wissenschaftler in dem Labor gut oder schlecht, moralisch geboten oder verwerflich ist. Wir können die Religionen zu Hilfe rufen. Aber selbst in den Glaubensgemeinschaften ist umstritten, wann menschliches Leben beginnt. Auch die philosophischen Moraltheorien bieten keinen Halt mehr.

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Die Welt, die in Science-Fiction-Literatur und -Filmen entworfen wird, ist längst real geworden, nur wir wollen es noch nicht wahrhaben. Die Klonforscher aus Oregon sind ja nur ein Teil des wissenschaftlichen Aufbruchs ins Unbekannte. Craig Venter baut in seinen Labors Bakterien künstlich nach. Mütter können Bluttests machen lassen, um eine mögliche Down-Syndrom-Erkrankung ihres Kindes testen zu lassen. In der Petrischale lassen sich Embryonen auf Erbschäden untersuchen und aussortieren.

Heute und nicht in fünf oder zehn Jahren entscheiden wir darüber, ob die Gesellschaft eine Medizin zu akzeptieren bereit ist, die auf der Manipulation menschlichen Lebens basiert. Die Genomtechniken hierfür sind verfügbar. Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern wofür sie genutzt werden. Und der damit einhergehende Tatbestand schafft den normativen Rahmen für das, was später erlaubt oder zu unterlassen ist. Was als Forschungserfolg gefeiert wird, wird die Verfügungsmacht des Menschen über seine eigene Natur weiter vorantreiben.

Die Wissenschaft liefert Fakten und schafft damit Normen. Die Forschung erkennt immer mehr, der Mensch aber versteht immer weniger. Was wir brauchen, ist eine Art moralischer Pfadfinder, der es versteht, im großen Buch der Natur mitzulesen. Nicht die Wissenschaft, der Mensch muss über seine Natur bestimmen können.

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