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Kommentar zum Kölner Rat: Live-Stream wäre wenig prickelnd

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Deine Freunde fordern eine Live-Übertragung der Ratssitzungen im Internet.  Foto: Hennes
Die Kölner Partei „Deine Freunde“ fordert die Einrichtung eines Live-Streams von den Ratssitzungen. Bloß nicht, meint unser Autor. Die zumeist vom Blatt abgelesenen Beiträge würden die Politikverdrossenheit verstärken. Anstoß, der Kommentar.  Von
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Köln

Es ist ein Lieblingsthema der Ein-Mann-Interessenvertretung im Kölner Ratssaal: „Deine Freunde“ wollen Liveübertragungen von Ratssitzungen. Natürlich darf der engagierte Ehrenfelder Ratsherr Thor Geir Zimmermann mit Recht kritisieren, dass es wieder einmal Ewigkeiten dauert, bis die Stadtverwaltung Ratsaufträge abarbeitet. Aber man darf auch noch einmal fragen: Was bezwecken die selbsternannten Freunde aller? Will das wirklich jemand? Dem Stadtrat live bei seinem stundenlangen, oft mühsamen Geschäft zuschauen?

Nun gibt es viele Programme im Fernsehen oder Internet, die kaum einer anschaut und für die trotzdem Geld ausgegeben wird. Da fällt eins mehr nicht besonders ins Gewicht. Doch was geschieht, wenn sich jemand aus Versehen ins unkommentierte Rats-TV verirrt und zum Beispiel Thor Geir Zimmermann live und in Farbe am Rednerpult sieht? Ein glänzender Redner ist der fleißige Mann nämlich nicht. Unser Freund liest Vorbereitetes vom Blatt ab, wie die meisten der ehrenamtlich tätigen Politiker.

Ein Beitrag gegen die Politikverdrossenheit könnte so ein Live-Streaming bieten, sagen die Befürworter. Doch das würde voraussetzen, dass die Fraktionen all ihre vielen Mitglieder erst einmal in eine kleine Rednerschule schicken müssten. Lebendige Demokratie bedarf lebendiger Debatten, Rede und Gegenrede, Emotion und ein bisschen Polemik, Witz und Schärfe – von all dem wird man in einer Übertragung wenig sehen.

Langweiliger Vorlesewettbewerb

Kaum einer ist in der Lage, spontan Stellung zu nehmen, kaum einer redet weitgehend frei – stattdessen quälen sich die Abgeordneten die meiste Zeit gegenseitig und das Publikum mit einem langweiligen Vorlesewettbewerb. Dass es auch anders gehen könnte, zeigen Einzelne, aber es sind Ausnahmen: SPD-Fraktionschef Martin Börschel, Grünen-Vize Jörg Frank, der Chef der Linken Jörg Detjen und sein Kollege Klaus Ludwig, die FDP-Männer Ralph Sterck, Ulrich Breite und Volker Görzel, ab und zu Grünen-Chefin Barbara Moritz und die CDU-Männer Karl Jürgen Klipper und Karsten Möring – hier paart sich in zumeist freier Rede Verstand mit Witz und Angriffslust. Da macht es Spaß, den Kommunalpolitikern zuzuschauen - so wie einst, als SPD-Ratsherr Götz Bacher am Rednerpult „Dat Jlockespill vum Rathuusturm“ sang, um für kölsche Liedkultur im Repertoire des Glockenspiels zu werben.

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Die meisten Redner werden aber eher für Politikunlust sorgen. Man wünscht es sich anders, aber man kann von ehrenamtlichen Kommunalpolitikern nicht erwarten, dass sie alle als Meister des politischen Diskurses auftreten. So birgt das Live Streaming die Gefahr, dass hier Menschen, die sich in ihrer Freizeit engagieren, öffentlich vorgeführt werden, Versprecher und Haspeleien bei Youtube oder als Lachnummer bei TV Total landen – das wäre kein Beitrag gegen Politikerverdrossenheit.

Und dann sitzt ja auch noch ein Klübchen voller Demagogen auf den Plätzen rechts außen im Rat, das mit unzähligen Anträgen, Einwürfen und Redebeiträgen für Endlossitzungen sorgt. Sie würden sich freuen über die kostenlose unkommentierte Live-Plattform zur Verbreitung ihrer kruden Sicht der Dinge.

Wichtiger als das Live-Streaming wären Schulungen für Ratsmitglieder, Spielregeln, die Ratsdebatten spannender machen, oder ein Gebot, nur mit Stichwörtern auf einem Spickzettel ans Rednerpult treten zu dürfen. Thor Geir Zimmermann aber wird weiter fürs Live Streaming streiten – mit vom Blatt abgelesenen Texten. Das kann er tun. Sehen muss man ihn dabei nicht.

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