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kreuz.net: Ein Problem am rechten Rand

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Symbol der Initiative "Stoppt kreuz.net" Foto: Stoppt kreuz.net
Auch nach der Abschaltung der Hetz-Seite kreuz.net ist der Sumpf aus undemokratisch-faschistischen Hasstiraden keineswegs trocken. Das konservative Lager sollte sich künftig nicht auf dubiose Helfer stützen. Anstoß, der Kommentar  Von
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Am Ende dürfte es mit dem Kampf gegen christlich verbrämte Menschenverachtung und Hetze im Internet enden wie bei dem kleinen Jungen am Strand: Er versucht, so erzählt es der Kirchenvater Augustinus, das Meer mit einem Löffel auszuschöpfen – ein poetisches Bild für die unermessliche Größe Gottes im Vergleich zum menschlichen Geist. Sehr viel prosaischer ist der Vergleichspunkt beim Hass-Portal kreuz.net, das seit Sonntag überraschend aus dem Netz verschwunden ist. Unauffindbar sind damit auch Tiraden gegen Schwule und Lesben, Muslime, Juden, Protestanten, Reformkatholiken und überhaupt gegen alles und jedes, was im verengten Weltbild der kreuz.net-Betreiber keinen Platz haben sollte.

Nun haben die Betreiber sich allem Anschein nach erst einmal selbst Offline gesetzt. Damit hat die Kampagne „Stoppt kreuz.net“ wenige Wochen nach ihrer Gründung einen Erfolg erzielt, den kaum jemand in so kurzer Zeit für möglich gehalten hätte. Mit seinem Löffel hat der Knabe „Stoppt kreuz.net“ so kräftig im Sumpf gerührt, dass es ungemütlich wurde für die kreuz.net-Aktivisten irgendwo Abgründen des Internets. Einer der Autoren, ein Mainzer Pfarrer, ist inzwischen enttarnt und von seinen Vorgesetzten gerügt worden. Eine Reihe anderer Namen kursiert in den Medien und ist bei der Berliner Staatsanwaltschaft gelandet.

Jahrelang hatten sich diese Leute sich in der Gewissheit gesuhlt, ihre Identität verbergen zu können. Wechselnde Standorte des Servers in Übersee schienen es unmöglich zu machen, derjenigen habhaft zu werden, die sich zuletzt in widerwärtiger Weise über den verstorbenen Schauspieler Dirk Bach ausgelassen hatten.

Doch ist der Sumpf nach der Entfernung von kreuz.net natürlich keineswegs leer gelöffelt. Die Betreiber, Autoren mit ihrem Gedankengut, sind weiterhin präsent. Sie werden versuchen, Spuren zu verwischen. Und sie werden überlegen, wo und wie sie sich erneut aus der Deckung wagen. Ihr Gedankengut, von den Behörden als verfassungswidrig eingeschätzt, lässt sich nicht einfach abknipsen.

Christliches Mäntelchen

Irritierend daran ist vor allem die „feindliche Übernahme“ von Begriffen wie christlich und katholisch. Schon die Lektüre einiger weniger einschlägiger Eigenbeträge (ganz zu schweigen von den ungehemmt hereingeschwappten Kommentaren) musste jedem klarmachen, dass solche Gehässigkeit unvereinbar ist mit den Idealen des Jesus von Nazareth. Damals wie heute. Ein christliches Mäntelchen für undemokratisch-faschistische Umtriebe, so kam kreuz.net daher, das sich großspurig als „Gottes eigenes Portal“ überhöhte. Der Verfassungsschutz hat in mindestens einem Fall eine Querverbindung zu „Pro Köln“ herstellen können, einem alles andere als christlichen Club.

Doch hat sich ansatzweise bewahrheitet, was kreuz.net von sich selbst behauptet hat: Zu den Verantwortlichen gehören Mitarbeiter im kirchlichen Dienst – wie eben jener Pfarrer Hendrick Jolie, der bis vor kurzem auch Sprecher des „Netzwerks katholischer Priester“ war. Das zeigt, dass die katholische Kirche ein Problem am rechten Rand hat, das sie nicht einfach durch verbale Abgrenzung erledigen kann.

Für Argumente nicht zugänglich

Alle scharfen Distanzierungen der Bischöfe von kreuz.net haben manche aus den eigenen Reihen nicht davon abhalten können, diese Plattform als scheinbar legitimen Ort der Kommunikation zu nutzen. Ihnen war die Autorität der Kirchenleitung – also der Bischöfe bis hin zum Papst – immer nur lange etwas wert, wie sie zu den selbst gesetzten Normen der kreuz.net-Extremisten passte. Sonst erklärten sie einen gestandenen Erzbischof schnell mal zum „Homoporn-Kardinal“ und stempelten gar den Papst höchstpersönlich als weltfremd ab.

Wer so vorgeht, ist Argumenten schon lange nicht mehr zugänglich. Im Streit über den künftigen Kurs der katholischen Kirche gibt es eine legitime Bandbreite. In den vergangenen Jahren freilich hat die Schärfe des Konflikts zwischen „Progressiven“ und „Konservativen“ deutlich zugenommen. Das ist Indiz einer wachsenden Verunsicherung über den richtigen Weg und einer inneren Unwucht des kirchlichen Getriebes. Jedes Schielen des konservativen Lagers auf publizistische Hilfstruppen, wie sie kreuz.net dargestellt hat und ähnliche Portale weiterhin darstellen, schadet am Ende der Kirche als ganzer.

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