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Kritik am Regime: Erstes Musikvideo von Ai Weiwei

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Der chinesische Regimekritiker Ai Weiwei hat ein Musikvideo veröffentlicht. Foto: REUTERS
Chinas Regimegegner Ai Weiwei hat sein erstes Musikvideo veröffentlicht. Dabei geht es dem Konzeptkünstler und Bildhauer aus dem Land der Mitte weniger darum sein Gesangstalent der Öffentlichkeit zu präsentieren. Ein Kommentar  Von
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Der Künstler wird unter die Dusche gestellt, auf die Toilette gesetzt und schlafen gelegt. Unter strenger Bewachung, im Licht einer einsamen Glühbirne. Ai Weiwei hat sein erstes Musikvideo veröffentlicht, zählt man eine launige Parodie auf Psys „Gangnam Style“ nicht mit.

„Dumbass“ („Dumpfbacke“) heißt die erste Single des chinesischen Künstlers, auf der er zu schwermetallenen Gitarrenriffs – man muss schon sagen: jodelnd – seine fast dreimonatige Haft in deutlichen Worten verarbeitet.

Musikalisch hat es inspiriertere Ausflüge bildender Künstler ins Fach der Populärmusik gegeben, die Rockplatten Rodney Grahams etwa oder Martin Kippenbergers Coverversion von Adriano Celentanos „Yuppi Du“ (es gibt auch Schlimmeres, man erinnere sich nur an Joseph Beuys’ „Sonne statt Reagan“). Ai Weiwei hat sich jedenfalls beeilt zuzugeben, dass er kein Talent zum Singen besitze. Es geht wohl eher ums Video, fotografiert von Christopher Doyle, dem langjährigen Kameramann Wong Kar-Wais. Für den Clip, behauptet der Regimekritiker, habe er Zoll für Zoll seine Zelle nachgebaut. Genauso sei es gewesen. Oder doch nicht, denn plötzlich steigert sich die Szene ins Surreale: Schalentiere steigen aus der Kloschüssel auf, eine Sexpuppe nimmt die Stelle des Künstlers ein. Der erscheint jetzt in der Uniform seiner Aufpasser und peitscht diese genüsslich aus. Zwei Damen in Dessous begleiten ihn. Schließlich schert ihm sein kleiner Sohn den Kopf. Im letzten Bild wird Ai Weiwei als kahlköpfige, grell geschminkte Dragqueen abgeführt.

Sind das die erotischen Fantasien der Beamten? Oder die Flucht ins Triebleben des von der Staatsmacht Gegängelten? Auf jeden Fall ist es der größtmögliche Stinkefinger, den Ai Weiwei den Autoritäten zeigen konnte. Wer hätte gedacht, dass ein Musikvideo noch einmal so viel subversive Wucht entwickeln könnte.

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