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Liveübertragung: Abscheuliches Spektakel

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Breivik Attentat Prozess
Die größtmögliche Verbreitung seines Gedankenguts wurde Breivik verweigert. (Bild: dapd)

Im Prozess gegen Anders Breivik haben der Massenmörder und die norwegischen Medien zu einer denkwürdigen Koalition gefunden. Beide haben verlangt, dass die auf mehrere Tage angesetzte Aussage Breiviks live im Fernsehen übertragen werden dürfe. Breivik wünscht das, um nach der Propaganda der Tat der Propaganda seiner Rechtfertigung größtmögliche Verbreitung zu garantieren. Der norwegische Journalistenverband wiederum besteht auf der Fernseh-Liveübertragung der Aussage Breiviks selbstverständlich unter Berufung auf das Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit. Das Amtsgericht hat beide Anträge verworfen. Zu Recht. Die Richter haben Breivik und den Medien verweigert, was beide übereinstimmend kaum verhüllt begehrten – die Umwidmung des Strafverfahrens in einen Sensationsprozess und die mediale Metamorphose Breiviks vom Massenmörder zum Diskursteilnehmer.

Hätte das Gericht gestattet, die Aussage Breiviks tagelang live im Fernsehen auszustrahlen, hätte das den ultimativen Triumph Breiviks bedeutet, die postmortale Verhöhnung seiner 77 Opfer. Wer gehört und gesehen hat, wie Breivik zum Auftakt des Prozesses gelassen vor den Kameras und in die Mikrofone seine Morde als Notwehr beschrieb,der musste spüren, dass dem Beobachter hier nicht die Rolle als interessierter Bürger, als Teil der Öffentlichkeit zugewiesen wurde, sondern als Voyeur eines abscheulichen Spektakels.

Die Motive des Täters, die Planung der Tat, der Ablauf des Verbrechens und das Selbstbild des Verbrechers – das alles ist seit langem bekannt, und es ist nicht zu erwarten, dass das auf zehn Wochen angelegte Verfahren neue Erkenntnisse zutage fördern wird. Die einzige wirklich prozessentscheidende Frage , die das Gericht am Ende zu beantworten haben wird, ist die Frage nach der Schuldfähigkeit Anders Breiviks. Sie wird von einigen Gutachtern bejaht, von anderen verneint, doch wirkt sie – nicht nur in diesem Fall – wie ein rührendes Relikt. So wie bei den Mitgliedern der Rote Armee Fraktion oder den Dschihadisten ist auch bei Breivik der Befund der Paranoia offensichtlich.

Nie ist allerdings ein Gericht auf die Idee gekommen, die Killerkommandos der RAF könnten schuldunfähig sein oder Osama bin Laden und seine Gesinnungsgenossen, die im September 2011 das World Trade Center in Schutt und Asche legten, oder die Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), die neun Ausländer und eine Polizistin ermordeten.Nur Breiviks Einsichtsfähigkeit wird bezweifelt. Weil er Einzeltäter war? Das war er, aber allein ist er nicht.

Terroristen jeglicher Couleur bilden eine Gemeinschaft. Sie wird zusammengehalten von der Überzeugung, Kämpfer in einem Krieg zu sein, der sie zu jedem Mord berechtigt und verpflichtet. Literatur, die ihre Einschätzung der Lage jederzeit bestätigt, steht unbeschränkt zur Verfügung, seit ein paar Jahren vor allem auch im Internet. Breivik wird – so oder so – für Jahrzehnte eingesperrt. Die Paranoia aber lebt in Freiheit fort, im Buch wie auf den Websites.

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