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Keupstraße: Mandantenfang für den NSU-Prozess

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Bei der Explosion einer Nagelbombe in der Keupstraße wurden am 9. Juni 2004 22 Menschen verletzt. Foto: dpa
Auf der Keupstraße sind offenbar Rechtsanwälte unterwegs, die nach weiteren Opfern des Nagelbombenattentats suchen. Sie sollen den Menschen versprechen, sich im NSU-Prozess für Schadensersatzansprüche stark zu machen.  Von 
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Mülheim

Mehrere Anwälte suchen offenbar nach potenziellen Opfern, die sich auch neun Jahre nach dem Nagelbombenanschlag noch nicht gemeldet haben. „Diese Anwälte versuchen, sich in die Nebenklage reinzuschleichen“, sagt Rechtsanwalt Reinhard Schön, der fünf Opfer des Attentats von der Keupstraße beim NSU-Prozess in München vertritt.

NSU-Prozess: Mandantenfang

Bewohner der Straße berichten von Aushängen, auf denen die geschäftstüchtigen Anwälte aus ganz Deutschland ihre Telefonnummer hinterlassen. Die Juristen hielten auf der Straße Informationsveranstaltungen „zwischen Tür und Angel“ ab, versprechen den Menschen angeblich, sich im NSU-Prozess für Schadensersatzansprüche stark zu machen, wenn man sie denn beauftragen würde. Einige machten die zum Prozess zugelassenen Nebenklagevertreter schlecht, behaupten, sie selbst würden es viel besser machen, berichtet Mitat Özdemir, Chef der Interessengemeinschaft Keupstraße.

„Ich finde dieses Verhalten unerhört, das ist unseriös.“ Es gebe Tage, an denen ihn zwei oder drei Anwälte anriefen und ihre Dienste anböten. Er wisse bislang von sieben Anwälten, die auf der Keupstraße auf Mandantenfang gegangen seien, sagt Özdemir und stellt klar:  „Wir lehnen dieses Verhalten strikt ab.“ Auch Abdulla Özkan, der beim Nagelbombenattentat im Juni 2004  verletzt wurde und sich von Reinhard Schön beim NSU-Prozess vertreten lässt, sagt, er habe kein Verständnis dafür, wenn sich neun  Jahre nach dem Attentat auf einmal Menschen als Opfer bezeichnen würden, die sich bislang nie zu Wort gemeldet hätten.

Das Attentat in der Keupstraße

Am 9. Juni 2004 explodierte in der Keupstraße eine ferngezündete Nagelbombe auf einem abgestellten Fahrrad. 22 Menschen wurden verletzt, ein Friseursalon verwüstet. Im November 2011 wurde die rechtsterroristische Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) als Täter bekannt. (aef)

Der Hintergrund ist brisant: Der Vorsitzende Richter, Manfred Götzl, hatte am Dienstag angedeutet, den Kölner Anschlag womöglich vom Verfahren abzutrennen, da sich noch viele Geschädigte als Nebenkläger melden könnten. Dann würde es zu eng im Gerichtssaal. Schon jetzt sind in dem Prozess 86 Nebenkläger zugelassen. Am Mittwoch präzisierte Götzl dann, er sehe „derzeit“ keinen Anlass, den Komplex Keupstraße abzutrennen. Doch das kann sich jederzeit ändern. Die sechs Kölner Anwälte, die im Prozess als Nebenklagevertreter vieler Keupstraßen-Opfer auftreten, fürchten, dass die juristische Aufarbeitung des Nagelbombenattentas mit einer Abtrennung wohl beendet wäre. Denn das Kölner Attentat würde erst im Anschluss an das Verfahren um die mutmaßliche Mordserie des NSU mit zehn Toten verhandelt. Die Kölner Anwälte sind überzeugt: Würde die Hauptangeklagte Beate Zschäpe tatsächlich wegen Mordes verurteilt, drohe die Einstellung des Verfahrens um den Kölner Anschlag, da dort keine höhere Strafe mehr möglich wäre. „Das wäre meinen Mandanten nicht mehr vermittelbar“, sagt Monika Müller-Laschet, die in München drei Opfer von der Keupstraße vertritt. „Eine Verfahrensabtrennung hätte fatale Konsequenzen.“

AUTOR
Tim Stinauer
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