25.08.2016
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Der Weg ins Abseits

Bild: St. Worring

„Es sieht von Amerika so aus, als ob die Deutschen den Glauben an sich selbst und ihre Wirtschaft aus den Augen verloren hätten”: Alfred Neven DuMont ist Herausgeber des „Kölner Stadt-Anzeiger”, Express und „Mitteldeutsche Zeitung”.

Wer als Deutscher in diesen Tagen zu einer Reise in die USA aufbricht, um Gespräche mit politisch interessierten Kreisen zu führen, der sollte sich warm anziehen. Sprechen wir nicht von einer Begegnung mit Anhängern der Bush-Regierung, deren überzeugter Kern sich immerhin, was insbesondere den vorgesehenen Irak-Krieg anbelangt, auf ein gutes Drittel der Bevölkerung der Vereinigten Staaten beläuft! Dort sind wir ohnedies als Drückeberger, soweit es um die internationale Bekämpfung des Terrorismus geht, abgestempelt.

Aber auch bei den Gruppierungen, die einem Irak-Krieg nur bei einer Befürwortung eines Großteils der betroffenen Völkergemeinschaft und insbesondere im Sicherheitsrat der UN zustimmen - und diese stellen die überwiegende Mehrheit der US-Bevölkerung dar -, wird der deutsche Besucher auf Zurückhaltung stoßen.

Dass der Bundeskanzler sich einseitig und ohne Not festgelegt und einem möglichen Irak-Krieg eine vorschnelle Absage erteilt hat, wird der Bundesrepublik übel genommen. Vor allem sieht man in diesem Schritt ein In-den-Rücken-Fallen - oder zumindest ein Infragestellen - gegenüber Blix, seiner tapferen Mannschaft bei der Inspektion im Irak und damit der ganzen UN gegenüber. Dass Schröder mit diesem spektakulären Alleingang einen wesentlichen Beitrag zu seinem Erfolg für die Bundestagswahl erzielen konnte, ist weniger bekannt. Der Preis, was das deutsche Ansehen in der wichtigsten Nation der Welt anbelangt, ist auf alle Fälle sehr hoch. Sehr wahrscheinlich zu hoch.

In den USA geht man davon aus, dass man sich in letzter Minute mit den Vetomächten im Sicherheitsrat einigen wird. Der Angriff auf den Irak wird unter strategischen und vor allem wirtschaftlichen Aspekten gesehen. Wenn die Welt den Irak kontrollieren möchte, glaubt Washington in der Lage zu sein, einen wesentlichen, bislang entbehrten, nachhaltigen Einfluss auf die arabische Welt, auf die Region und den Islam überhaupt zu erlangen.

Natürlich spielt das Öl, immer noch der Rohstoff Nummer eins weltweit, eine erhebliche Rolle. Die enormen Reserven des Irak verheißen nicht nur hervorragende Geschäfte. Darüber hinaus wird es immer deutlicher, dass die USA mit Hilfe der irakischen Ölquellen ihren Einfluss auf die Regulierung des Ölpreises glauben wesentlich verbessern zu können - eine Frage, die in der Bundesrepublik bislang unverständlicherweise weitgehend ausgeklammert wurde.

Als Leidtragender wird in einem solchen Szenario in erster Linie Russland angesehen, dessen dahinvegetierende Volkswirtschaft ganz entscheidend auf die Höhe des Ölpreises auf dem Weltmarkt angewiesen zu sein scheint.

Moskau und Paris pokern, und in den letzten Tagen gemeinsam, hoch. Wie weit Washington den beiden Vetomächten, vielfältig verbunden, in der einen oder anderen Form entgegenkommen wird, bleibt abzuwarten. Ebenfalls, ob der französische Präsident nicht kurz vor Toresschluss - und bis dahin sind es nur noch wenige Tage - umschwenkt, wie es angenommen wird. Wo sich in einem solchen Fall die Bundesrepublik befinden würde, abgeschlagen, allein gelassen, die man heute schon nur noch im Geleitzug hinter Frankreich ausmachen möchte, braucht nicht weiter kommentiert zu werden.

Präsident Bush hat gelegentlich, wenn auch verklausuliert, deutlich gemacht, dass nach einem erfolgreichen Irak-Krieg nur die Nationen ihren Teil am Ergebnis erhalten, die auch ihren Beitrag zu dem Erfolg geleistet haben. So wird jetzt schon über Großbritannien gelästert, das, wie gemutmaßt wird, an die Erfolge der früheren englisch-irakischen Ölgesellschaft anknüpfen möchte.

Der frühere Wirtschaftsriese und Politzwerg Deutschland steht heute mit seinem Ansehen insbesondere in den USA nicht gut da, ja man kann mit Fug und Recht sagen, schlechter als jemals seit der Nachkriegszeit.

Die deutsche Vereinigung wurde weltweit bewundert, und große Hoffnungen wurden damit verknüpft. Aber selbst der Wirtschaftsriese von ehedem zeigt sich nun zerzaust und altersschwach. Es sieht von Amerika so aus, als ob die Deutschen den Glauben an sich selbst und ihre Wirtschaft aus den Augen verloren hätten. Mit Unverständnis wird registriert, dass die deutsche Regierung glaubt, mit Dirigismus und kleinen Vorgaben, die Hoheitsallüren gleichkommen, der Wirtschaft den Weg weisen zu können. Nicht aber bereit ist, die Wirtschaft, die schließlich die Arbeitsplätze schafft und die Steuern für den Staat einfährt, als gleichberechtigten Partner mit dem entsprechenden Freiraum anzuerkennen. Von sozialer Gerechtigkeit sei immer die Rede, aber anstatt nachhaltig die Niedrigeinkommen zu entlasten, sei man eher bereit, die Besserverdienenden - offenbar immer noch ein Schimpfwort - weiter zu schröpfen.

Eine grundsätzliche Neuorientierung der Wirtschaft, auch von Seiten der Opposition, wird Deutschland derzeit nicht zugetraut. Dass die Gewerkschaften auf der Regierungsbank Schröder /Fischer sichtbar oder unsichtbar Platz genommen haben, wird aus dem Blickwinkel der USA als ein demokratischer Sündenfall angesehen, vergleichbar mit dem früheren Einfluss der Kirchen auf den deutschen Staat, von dem er sich längst gelöst hat. Die Wirtschaftsnation USA glaubt dagegen ungebrochen an den Erfolg des Tüchtigen, der nicht nur zu seinem eigenen Nutzen, sondern zum Allgemeinwohl nachhaltig beiträgt. Kriege, oft als Kreuzzüge verschönt, dienten, solange die Menschheit lebt, immer der eigenen Vorteilsnahme. Wenn die Bundesrepublik Deutschland mit dem Kriegführen wegen ihrer Vergangenheit und den schuldhaften Verstrickungen ihre besonderen Probleme hat, so ist das innerhalb der eigenen Grenzen verständlich und sympathisch, wird aber darüber hinaus mit der zunehmenden zeitlichen und räumlichen Entfernung auf immer weniger Verständnis stoßen.

Ein Letztes bleibt anzumerken: Das deutsche Volk hat sich, so meinen viele, seiner belastenden Vergangenheit beispielhaft gestellt. Umso erstaunlicher ist es, dass die Deutschen in der Konfrontation mit dem heranrückenden Irak-Krieg die Tatsache offenbar völlig verdrängt haben, dass die Hitler-Barbarei nur mit einem gewaltigen Feldzug von außen zu beseitigen war. Wir alle, unsere Demokratie, unser Wohlstand, sind Kinder eines Befreiungskrieges, ohne den Einsatz der USA undenkbar. Dies ist die Wahrheit, der wir uns stellen müssen. Was aber längst nicht heißt, dass damit jeder Angriffskrieg sanktioniert ist.

Ob der Irak-Krieg nun stattfindet oder nicht, die Reputation der Bundesrepublik wird so oder so weniger durch die Einstellung des deutschen Volkes als durch das Verhalten seiner Regierung leiden. Der Aufruf einiger Kongressabgeordneter zum Boykott deutscher und französischer Waren ist nur der Anfang. Gepaart mit unserer wirtschaftlichen Misere, keine guten Aussichten. Aber es sieht eher so aus, als ob Amerika aufs Ganze geht. Warnungen wie von Alan Greenspan, Federal Reserve Chairman, wegen zu erwartender Wirtschaftsprobleme werden genauso Marginalien der Geschichte bleiben wie der deutsche Gang ins Abseits.


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