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Anonymous-Interview: „Wir sind Netzkinder“

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Die Hacker-Gruppe Anonymous entstand auf dem Imageboard 4chan, einer Online-Plattform, auf der Nutzer ohne Anmeldung, also auch anonym, Bilder und Texte einstellen können. Foto: Fotolia
Wofür kämpfen die Aktivisten der Hacker-Gruppe Anonymous? Wie funktioniert die Organisation? KStA-Mitarbeiter Philip Sagioglou hat vieles über Anonymous in einem der seltenen Interviews erfahren — per Mail, anonym.  Von
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Köln

Ein Interview mit Anonymous? Unser erster Gedanke: Wie soll man ein Kollektiv aus Hackern befragen, dessen Organisation nicht bekannt ist? Wir bemühen uns dennoch um ein Gespräch mit der populären und polarisierenden Gruppierung, lesen uns in die wenigen bekannten Strukturen ein, fragen über alle Kanäle an – und siehe da: einige Tage und viele Nachrichten später haben wir tatsächlich regelmäßigen Kontakt zur Hamburger Zelle.

Es ist schon ein komisches Gefühl, nicht zu wissen, welcher Anon unsere E-Mails beantwortet. Das spielt allerdings keine allzu große Rolle, denn laut unseres Dialogpartners (oder: unserer Dialogpartner – wir hatten den Eindruck, es waren verschiedene) spricht die Hamburger Zelle alle Aussagen untereinander ab.

Der Anlass des Interviews war das Sonderheft der Magazin-Redaktion zum Thema „Hacker“ (Freitagausgabe des „Kölner Stadt-Anzeiger") sowie die „Operation North Korea“, im Zuge derer Anonymous unter anderem die Propaganda-Seite des Landes gehackt hat. Im Folgenden lesen Sie, wie die Hamburger Zelle es beurteilt, dass Anonymous sich in die Weltpolitik einmischt. Welche Beweggründe das Kollektiv hat. Und wie die Organisation funktioniert unter Tausenden Menschen, die sich nicht persönlich kennen.

Haltet Ihr es für richtig, dass sich Menschen anonym in die Weltpolitik einmischen, obwohl es bei der Nordkorea-Thematik auch um den möglichen Gebrauch von Atomwaffen geht?

Anonymous: Wie „groß angelegt“ die Aktion nachher sein wird, bleibt abzuwarten. Nur weil ein Youtube-Video existiert und die Medien das hypen, heißt das nicht, dass die Operation auch erfolgreich sein wird. Von Attacken auf die Medien halten die meisten von uns in Hamburg nichts, da die Medien ein wichtiger Teil des demokratischen Apparates sind - natürlich ist das in Korea nicht der Fall, aber das ist einfach so eine Prinzipiengeschichte: Never attack the media.

Wusstet Ihr vorab davon?

Anonymous: Nein.

 Also waren keine Hamburger Anons daran beteiligt?

Anonymous: Nein, wir haben uns bereits vor längerer Zeit entschieden, uns als Gruppe nicht an illegalen Aktionen zu beteiligen. Was genau Einzelpersonen machen oder nicht machen ist uns unbekannt und sollte auch so bleiben. Wir konzentrieren uns mehr auf netzpolitische Themen, zum Beispiel Netzneutralität und Vorratsdatenspeicherung.

Vielleicht könnt Ihr kurz beschreiben, wie Ihr Euch organisiert? 

Anonymous: Wir haben verschiedene Kommunikationswege, nutzen aber vornehmlich bereits existierende Plattformen. Je nachdem, was organisiert und/oder geplant werden soll, gibt es passende Dienste. Zum Beispiel der Internet Relay Chat (IRC), aber auch VoiceServer- und VoIP-Dienste, oder – bei Anons, die man schon länger „kennt“ auch mal per Anon-Handy. Das sind dann Prepaid-Handys, die auf unechten Namen laufen. Zudem haben wir ein eigenes Forum und ein Imageboard und nutzen eine Kollaborationsplattform.

Anonymous

Anonymous entstand auf dem Imageboard 4chan, einer Online-Plattform, auf der Nutzer ohne Anmeldung, also auch anonym, Bilder und Texte einstellen können. Auch das Kollektiv ist ein loser Zusammenschluss ohne Hierarchien und zentrale Beschlussgremien. Seit 2008 tritt Anonymous zunehmend politisch auf, etwa mit Aktionen – Hackerangriffen, aber auch Demonstrationen – für Redefreiheit, die Unabhängigkeit des Internets und gegen das Urheberrecht sowie Organisationen wie Scientology, Behörden, globale Konzerne.
Die Mitglieder des Kollektivs, abgekürzt „Anons“ genannt, treten auf Demonstrationen häufig mit einer stilisierten Maske des britischen Revolutionärs Guy Fawkes auf.

Ihr seid ein Kollektiv, kennt Euch aber nicht persönlich. Das dürfte für Laien zunächst kaum nachvollziehbar sein.

Anonymous: Es ist vielleicht leichter zu verstehen, wenn man Teil der Netzcommunity ist. Viele Leute kennt man einfach unter Nicknamen - da interessieren echte Namen schlichtweg nicht. Da man zusammen arbeiten will und vorrankommen will, gibt es vorher auch keine lange Diskussion darüber, wer wie angesprochen werden will. Ein "Eh du" reicht zum Beispiel auf Protesten vollkommen aus um eine Kommunikation zu starten. Im Idealfall steht die Tatsache, wer eine Person ist und welchen Hintergrund sie hat, vollständig im Hintergrund, und man arbeitet und bewertet eben nur mit dem Input, den sie bringt.

Wie sichert ihr Euch gegen eine Unterwanderung des Kollektivs ab?

Anonymous: Wirklich absichern kann man sich nicht. Zum Beispiel: Wir selbst wurden schon von einem Agenten der OSA (Geheimdienst der Sekte Scientology) unterwandert - siehe Verfassungschutzbericht. Das kann Job, Familie, Privatsphäre und so weiter einzelner gefährden. Aber in der Regel werden es solche Unterwanderer nicht schaffen, Anonymous zu instrumentalisieren, da die Ziele von Anonymous unberechenbar und meist weit entfernt von den Vorstellungen dieser Leute sind.

"Wir sind keine Hackergemeinschaft"

Wie nennt Ihr Euch?

Anonymous: Das Wort "Hacker-Kollektiv" wurde von amerikanischen Unterschichtmedien eingeführt und wird von uns eher scherzhaft verwendet. Wir sind keine Hackergemeinschaft, wir sind Netzkinder. Als das Netz groß geworden ist, sind wir im Netz aufgewachsen. Und jetzt nutzen wir dessen Möglichkeiten.

Haltet Ihr es nicht für gefährlich, dass eine Gruppe von Menschen versucht, ohne jegliche Kontrolle durch höhere Instanzen aktiv zu sein und sich in Dinge wie Politik und Wirtschaft einzuklinken. Das ist doch im Prinzip auch gegen den Gedanken der Demokratie und hört sich vielmehr wie eine Anarchie an.

Anonymous: Anarchie gibt es in gewissen Grenzen natürlich in Anonymous, aber im Endeffekt sollte man nicht vergessen, dass auch wir Bürger sind.

Anonymous ist für mich persönlich eine Möglichkeit meine Meinung zu politischen Dingen zu sagen, ohne dafür meinen Job, meine Familie oder meine Privatsphäre zu gefährden oder mich vor eine Kamera begeben zu müssen. Im Endeffekt sind wir nicht anders als NGOs (nicht staatliche Organisationen, d.Red.) - mit dem Unterschied das wir eben nicht unsere Namen benutzen und teilweise etwas besser vernetzt sind.

 Mal abgesehen davon, dass Ihr die Aktion laut eigener Aussage peinlich fandet: Als Anonymous die Occupy-Protestbewegung unterstützt hat, gab es teilweise auch Sympathie für das Kollektiv. Zuletzt soll aber zum Beispiel eine Blockbuster-Liste von Constantin Film gestohlen worden sein und es wurde verkündet, dass die Schauspielerin Emma Watson in 50 Shades of Grey mitspielen wird. Welche Ideologie kann da noch dahinter stecken? Geht es in solchen Fällen nicht doch darum, sich als Hacker gegenüber der IT-Sicherheit zu profilieren?

Anonymous: Das mag den Personen, die den Hack durchgeführt haben, durchaus darum zu gehen. Jeder Anon hat eben andere Motive, sich einer Sache anzuschließen - manche machen es für den persönlichen Fame oder um sich selbst etwas zu beweisen, manche weil sie gerade Langeweile haben, andere weil sie es lustig finden oder einfach nur weil sie es können.

Unterstützung von Occupy

 Wieso fandet Ihr die Unterstützung von Occupy durch Anonymous peinlich?

Anonymous: Die Occupy Bewegung, hat nichts mehr mit dem Internet, also den Wurzeln von Anonymous zu tun. Auch wenn es in den USA als Mittel zu mehr Bürgerbeteiligung am politischen Diskurs sinnvoll ist, hat Occupy in Deutschland keine Daseinsberechtigung. Sie setzt sich hier aus einem Potpourri von Links- und Rechtsradikalen, Verschwörungstheoretikern, Antisemiten und ähnlichen geistigen Tieffliegern zusammen.

Menschen, mit denen man nicht in Verbindung gebracht werden möchte, wenn man Aktivismus betreibt. Zu beobachten ist hier, dass unter dem Label der „Wirtschafts- und Staatskritik“ oft rechte Ideen und Mythen einen Platz finden und kommuniziert werden. Des Weiteren zeigt sich in Hamburg, dass das Camp - wie aus einschlägigen Presseberichten bekannt -  nicht als Ideen- und Aktivismus-Inkubator neuer Kapitalismus-Ersatz- Systeme dient, sondern als Campingplatz mit Open-Air Toilette.

 Völlige Einigkeit herrscht in einem Kollektiv wohl nie, oder?

Anonymous: Jeder hat seine eigenen Gründe, dabei zu sein.

 Und was macht Ihr mit jemandem, der sich Anonymous nennt, das aber Eurer Auffassung nach nicht tun sollte. Kann man aus Anonymous rausgeschmissen werden?

Anonymous: Einen Rausschmiss in dem Sinne gibt es natürlich nicht.

Jeder kann aber offen und mit harten Bandagen sagen, wie schlecht er gewisse Aktionen und Typen findet. Man muss ein dickes Fell entwickeln, um in einem solchen Umfeld zu arbeiten. Das merken diese Menschen meist sehr schnell.

Gibt es tatsächlich keine Hierarchie? Wer entscheidet denn dann, welche Aktionen durchgeführt werden – und wer sie durchführt?

Anonymous: Eine Hierachie gibt es nicht. Jeder, der seinen Hintern hochkriegt, kann eine Aktion zu jeder Zeit starten oder ansprechen - und dann schauen, wie weit das Können reicht. Es gibt keine allgemeingültigen Entscheidungen: Einige tun etwas, und wenn es der Mehrheit gefällt,  springen weitere auf – oder wenn nicht, alle ab. Anonymous kennt jedoch das Konzept der Ad-Hoc-Leadership – also wenn jemand Kenntnisse auf einem Gebiet besitzt und eben kurz die Führung ergreift. Dauert dieses zu lange, gibt es natürlich starke und handfeste Bestrebungen, diese Person aus seiner Rolle zu entfernen. Das ist schon mehrfach passiert.

Wer postet bei Twitter und FB? 

Wie wird denn dann bestimmt, wer etwa das E-Mail-Postfach organisiert und Journalisten wie mir antwortet? Wer postet bei Twitter und Facebook?

Anonymous: Den Zugriff auf den haben einige Anons, die schon viele Jahre dabei sind und viele Dinge organisiert haben. Auch liebevoll Postfachschlampen genannt. Die entsprechenden E-Mails werden dann über Kollaborations-Plattformen für die aktiven Veröffentlicht.

„Bestimmt“ hat das niemand so - es hat sich halt herauskristallisiert.

Danach wird gemeinsam eine Antwort geschrieben und nach großer Zustimmung versendet. Gerade bei Facebook und Twitter sorgen Multi-User-Accounts für Verfügbarkeit und Abwechslung.

Ist die Freiheit der Taten und Gedanken der Menschen in Deutschland eurer Meinung nach bedroht?

Anonymous: Die Freiheit der Taten und Gedanken sind durch steigende Überwachung in unseren Augen bedroht. Steigende Überwachung sorgt nachhaltig für ein verändertes Verhaltensmuster bei den Menschen und bringt, wie durch viele Studien bewiesen, im Endeffekt wenig Verbesserung der eigentlich angedachten Situation. Menschen verhalten sich anders, wenn sie wissen, dass sie gefilmt oder abgehört werden.

Anonymous
Die typische Maske der Anonymous-Aktivisten.
Foto: Bild: gaelx/Flickr

Warum maskieren?

Die Idee, dass eine Meinung nicht von der jeweiligen Person abhängig gemacht wird, klingt zunächst charmant. Aber stört es Euch nicht, dass Ihr mit den Guy-Fawkes-Masken und eurem einprägsamen Motto „Wir sind Anonymous. Wir sind Viele. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Erwartet uns“ auch beim Normalbürger eher für Angst als für Hoffnung sorgt?

Anonymous: Die Guy-Fawkes-Maske wird von vielen von uns nicht mehr benutzt, da sie inzwischen mit zu vielen anderen Dingen, zum Beispiel Occupy, in Verbindung gebracht wird. Sie stand ursprünglich für eine Zeichentrickfigur („Epic Fail Guy“) und sollte die Identität der Anons bei den Protesten gegen die Sekte Scientology schützen – und Scientology zeigen: „Ihr seid epic fail.“ Bei unseren monatlichen Demonstrationen kommt die Maske aber weiterhin gut an, viele Menschen kennen uns ja mittlerweile und wissen, dass unsere Demonstrationen immer friedlich verlaufen.

Die Art der Maskierung ist auf Demos nicht vorgeschrieben, bei uns setzt sich langsam der Green-Skin durch, eine Hommage an den ursprünglichen Anonymous-Avatar. Das Credo stammt noch aus der Anfangszeit von Anonymous. Damals gab es nur Aktionen, die Online stattgefunden haben und die auch eher die Absicht hatten, dass, wie erwähnt, eher Angst vor dem Unbekannten verbreiten soll. Da jeder Anonymous sein kann, ist Anonymous theoretisch überall anzutreffen. Ob man davor Angst haben soll oder es für Hoffnung sorgt, ist reine Ansichtssache.

 Anonymous setzt sich unter anderem gegen die Scientology-Kirche und Copyright-Lobbyismus sowie für zensurfreies Internet ein. Wofür kämpft die Hamburger Zelle?

Anonymous: Das sind unsere Kernthemen und zu denen stehen wir.

Wir unterstützen den Kampf für ein freies Internet, sind für Netzneutralität und freien Content - weswegen wir alle unsere Arbeiten auch unter den Creative Commons Lizenzen veröffentlichen. Wir unterstützen den Grundgedanken des Internets: Das Internet soll das Leben für die Menschen einfacher machen und eine Bereicherung sein. Und wir stellen uns gegen die menschenverachtende Sekte Scientology - weil es uns Spaß macht. Und weil wir es können.

 

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