29.07.2016
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Drews wird 65: Was zählt, ist Zähigkeit

Jürgen Drews

Selbsternannter König von Mallorca: Jürgen Drews (Bild: dpa)

Würde. Wohl das letzte Wort, das einem zu Jürgen Drews einfällt. Diesen Freitag wird er 65. Andere gehen da in Rente. In Würde gealtert. Würde Jürgen Drews nie passieren. Denn der abgebrochene Medizinstudent aus Schleswig hat sich irgendwann entschieden, alle Zurückhaltung und Scham fahren zu lassen und alle Mauern, die brave Bürger zwischen ihrem Privatleben und dem öffentlichen Auftreten ziehen, zu schleifen. Drews singt als Löwe verkleidet in einem Raubtierkäfig des Berliner Zoos. Drews schiebt seine demenzkranke Mutter im Roll stuhl auf die Bühne und setzt ihr eine Krone auf. Drews spritzt die Muttermilch seiner stillenden Frau in die Kamera des Boulevardmagazins.

Über die anschließend silikongestopften Brüste seiner Frau müssen sich Journalisten, die Drews treffen, hochnotpeinliche Antworten anhören. Auf Fragen, die sie gar nicht gestellt haben.

Drews redet, wie er singt. Mit der ausgeleierten Verführerstimme eines volltrunkenen Junggesellenausflüglers. Drews redet über seine Selbstbefriedigungsgewohnheiten und seine Hämorridenoperation, die in der „Bild“-Schlagzeile, er ließe sich den Hintern liften, gipfelte. Das Schlimmste, was ihm passieren könne - das erzählt Drews ebenfalls oft und gerne - sei, dass sich niemand mehr über ihn aufrege. Die Gefahr besteht allerdings. Denn Drews war in Deutschland einer der ersten, der die medienbeförderten niederen Instinkte des Publikums für sich zum biblischen Lebensgebot erhob.

Lebe so, dass die Leute heimlich gerne zugucken. Inzwischen gehört das zur Karriereplanung jedes Unterhaltungskünstlers. In diesem Raubtierkäfig ist Drews das Alttier. Doch als Drews Anfang der 90er Jahre in den Absturzdiskotheken Mallorcas eine neue Nische für erfolglose Schlagersänger entdeckte, galt er noch als Tiefseetaucher im Abgrund der Peinlichkeit. Erklärte sich jede Nacht vor einer Horde Betrunkener erneut zum „König von Mallorca“, während die „Jürgen Drews ist homosexuell“ skandieren. Dass er privat keinen Tropfen Alkohol trinkt, muss nicht verwundern.

Aber Drews war nicht immer der zotige „Onkel Jürgen“, als der er sich so gerne stilisiert. Nicht vor seinem einen großen Hit „Ein Bett im Kornfeld“, als er als Mitglied der „Les Humphries Singers“ Hippie-Fröhlichkeit in deutsche Partykeller trug. Und nicht danach, als er in die USA ging, sich unter dem Pseudonym J.D. Drews als Rockstar zu etablieren suchte und scheiterte. Drews kam zurück und traf eine Entscheidung. Mochten andere Sänger verzweifeln, wenn sie zum zehntausendsten Mal ihr „Hossa“ durch Möbelhaushallen erschallen ließen. Drews singt sein „Bett im Kornfeld“ bei Auftritten in Einkaufsmeilen gerne auch mehrmals.

Er geht dahin, wo es wehtut. Er übererfüllt das Soll. Und wenn der letzte Betrunkene sich nach Hause geschleppt hat und die letzte Schamgrenze gefallen ist: Jürgen Drews kann noch, gibt noch mehr. Würde wird überbewertet, Zähigkeit zählt. Was ist schon dabei?


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