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Arbeiterstrich: „Immer noch besser als in Bulgarien“

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Tagelöhner warten auf Arbeit. Foto: Arton Krasniqi, KSTA
Der Zoll stößt bei Schwarzarbeiterkontrollen auf Baustellen immer wieder auch auf Bulgaren vom „Arbeiterstrich“. 200 bis 300 Bulgaren wohnen in Ehrenfeld, viele teilen sich zu fünft oder sechst ein Ein-Zimmer-Appartement.  Von 
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Ordnungsamt, Polizei und Zoll kennen den Tagelöhnermarkt an der Venloer Straße. „Wir wissen, dass die Situation manche Leute beunruhigt“, sagt Ordnungsamtschef Robert Kilp. Es sei ein schwieriges Thema, man nehme es sehr ernst, sei auch regelmäßig vor Ort. Aber das bloße Herumstehen im öffentlichen Raum sei nicht verboten. Die Polizei schlichtet zwar so manche Ruhestörung, ein Kriminalitätsschwerpunkt sei die Straßenecke aber nicht, betont ein Polizeisprecher.

Der Zoll stößt bei Schwarzarbeiterkontrollen auf Baustellen immer wieder auch auf Bulgaren vom „Arbeiterstrich“, berichtet Behördensprecher Jens Ahland. Aber die Beamten hätten keine Befugnis, die wartenden Männer auf der Venloer Straße einfach anzusprechen und zu kontrollieren. Sie zu observieren und bis zu den Baustellen zu verfolgen, falle nicht unter den Prüfauftrag der Finanzkontrolle Schwarzarbeit.

Mit den Tagelöhnern selbst ins Gespräch zu kommen, ist schwierig. „Polizei“, „Ordnungsamt“ und „keine Probleme“ sind oft die einzigen deutschen Wörter, die sie kennen. Aleko könnte übersetzen, aber sie möchten trotzdem nicht sprechen. Auch Dimitri, der Mann mit der roten Sporttasche, schüttelt freundlich den Kopf und winkt ab. „Sie haben Angst“, sagt Aleko.

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200 bis 300 Bulgaren wohnen in Ehrenfeld, schätzt er, die meisten in den Seitenstraßen entlang der Venloer. Viele teilen sich zu fünft oder sechst ein Ein-Zimmer-Appartement, andere schlafen auf Bänken im Park neben dem Bezirksrathaus oder auf dem Spielplatz an der Philippstraße. Manche schlagen die Nächte auch in einem 24-Stunden-Kiosk tot. Das meiste Geld, das sie hier verdienen, schicken sie in die Heimat. „Von hundert Euro kann eine Frau mit zwei Kindern da einen Monat sehr gut leben“, schildert Aleko. Einige Männer haben ihre Familie mitgebracht nach Deutschland, manche Frauen gehen hier putzen. In Beratungsgesprächen mit Mitarbeitern der Caritas beklagen sich polnische Reinigungsfrauen zunehmend, dass sie gekündigt würden, weil die Bulgarinnen die gleichen Jobs zum halben Preis machen, berichtet Susanne Rabe-Rahman vom Caritasverband Köln.

Bulgaren brauchen keine Aufenthaltsgenehmigung

Als EU-Bürger brauchen bulgarische Staatsbürger in Deutschland keine Aufenthaltsgenehmigung. Sie haben Anspruch auf Kindergeld. Wer hier einmal sozialversicherungspflichtig beschäftigt war und erwerbslos wird, kann auch Arbeitslosengeld oder Hartz IV beantragen. Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist ungelernten bulgarischen Arbeitern allerdings erschwert. Für eine Festanstellung brauchen sie ein Stellenangebot und den Nachweis, dass kein Deutscher oder sonstiger EU-Bürger für den Job zur Verfügung steht. Saisonarbeiter, Selbstständige und Akademiker benötigen dagegen keine Arbeitserlaubnis.

Ab 2014 ist allen bulgarischen Staatsangehörigen der volle Zugang zum Arbeitsmarkt gewährt – ohne Einschränkungen. Rechtlich umstritten ist noch, ob sie mit der Einreise auch automatisch Ansprüche auf Sozialleistungen wie Hartz IV haben. (ts)

Aleko sagt: „Und trotzdem: Für sie ist es hier immer noch besser als in Bulgarien.“ Die meisten Männer von der Venloer Straße stammen aus der Region um die 80 000-Einwohner-Stadt Pasardschik. Sie gehören dort zur diskriminierten Minderheit Türkisch sprechender Roma. Die Not ist groß, 90 Prozent der Einwohner arbeitslos. Die Menschen leben von Kindergeld und geringen Sozialleistungen. „Sie haben resigniert. Wer gehen kann, nutzt die Chance“, sagt Claudia Hämmerling von der Malteser Migranten Medizin in München. Dort sind die Tagelöhnermärkte noch weiter verbreitet als in Köln.

Zurück auf der Venloer Straße. Kurz nach zwölf Uhr gibt Dimitri auf. Verabschiedet sich von den anderen Männern und tritt den Heimweg an. Am nächsten Morgen steht er wieder vor der Bäckerei, pünktlich um sechs.

AUTOR
Tim Stinauer
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