Ehrenfeld
Bickendorf, Bocklemünd/Mengenich, Ehrenfeld, Neuehrenfeld, Ossendorf, Vogelsang

Vorlesen
8 Kommentare

Nachbarschaftshilfe: Ein Tauschring für Zeit und Talent

Erstellt
Atilla (v.l.), Soheila und Ingrid finden beim Tauschring immer Verwendung für ihre grünen Talentstunden-Marken. Foto: Lepping
Wer was kann, bietet beim Tauschring Können und Freizeit an und bekommt dafür eine andere Dienstleistung. Für die Kölner Mitglieder bedeutet das echte Nachbarschaftshilfe - ein Besuch auf dem alternativen Marktplatz.  Von
Drucken per Mail
Ehrenfeld

Bevor im Raum Türkis des Cardea-Gesundheitszentrums Geschäfte gemacht werden wie in uralten Zeiten, muss erst einmal Ordnung her. Unter Anleitung von Marina Gernhardt und Gemurmel und Gelächter bilden die Anwesenden einen großen Stuhlkreis. Die Sitzordnung richtet sich nach Stadtteilen. Der Süden Kölns ist ganz links von der Tür zu finden. Dann geht es im Uhrzeigersinn über Zollstock, Sülz, Junkersdorf, Weiden, Innenstadt, Ehrenfeld über Chorweiler ins Rechtsrheinische bis nach Bergisch Gladbach. 45 Teilnehmer plus eine Handvoll Gäste treffen sich zum monatlichen Tauschring-Treffen im Rücken des Barthonia-Forums an der Vogelsanger Straße. 170 Mitglieder zählt derzeit der Kölner Tauschring, der auch eine eigene Website hat. Hier können sich Mitglieder ein Profil anlegen und virtuell Kontakte knüpfen.

Bei den Treffen im realen Leben geht es locker zu. Viele sind Stammgäste, die schon lange miteinander im bargeldlosen Geschäft sind. Für die Neuen erklärt Marina Gernhardt noch einmal die Regeln: "In der ersten Runde sagt ihr euren Namen, den Stadtteil und drei Angebote, aber bitte fasst euch kurz. Und wer Interesse hat, merkt sich den Menschen!"

Dann geht es los: Melanie aus der Innenstadt bietet ihre Dienste in Sachen Grafik-Design, Bewerbungsfotos und im Haushalt an. Werner aus Weiden hilft beim Verkauf von Sachen im Internet, gestaltet Wordpress-Blogs und kann Buchhaltung. Sabine bietet Rhetorik-Training, Ghost-Writing und häkelt Handytaschen. Heinz kann Märchen erzählen, hilft bei Umzügen und kann schreinern. Sieglinde macht vegane Büffets, Kochkurse und hilft im Garten, Rüdiger aus dem Agnesviertel hat seine Klarinette mitgebracht und ist gespannt auf Angebote.

Massage für Website

Nach der Biete-Runde kommt die Suche-Runde. Jetzt darf jeder, der möchte, sagen, was er braucht. Dabei geht es von Umzugshilfe über Klavierunterricht bis zu speziellen Wünschen wie "Ich suche einen Seminarraum im Agnesviertel am 10. Januar".

Nach Abschluss der zweiten Runde wird es wuselig. Denn jetzt dürfen Suchende und Bietende miteinander in Kontakt treten. Ingrid, Gesundheitspraktikerin aus Marienburg, ist bei einem der vergangenen Treffen auf diese Weise mit Webdesigner Atilla (32) aus Porz zusammengekommen. "Er hat mir meine Website gestaltet, dafür habe ich ihm eine Cranio-Sakral-Massage gemacht." Für die 55-Jährige, die erst seit einem Jahr in Köln wohnt, ist der Tauschring eine erweiterte Form des Netzwerkens. "Ich kann hier gezielt nach Dienstleistungen suchen. Selbst ein großer Freundeskreis kann das nicht bieten."

Auch für Kosmetikerin Linda aus Hürth verläuft der Abend erfolgreich: Sie hat Gaby aus Merheim gefunden, die ihr ihre Kommode ölen wird. Dafür bekommt Gaby eine Pediküre. "Das Schöne am Tauschring ist für mich, dass die Leistung nicht bewertet wird, es zählt allein die Zeit", sagt die 61-jährige Linda. "So können sich auch Menschen, die finanziell nicht auf Rosen gebettet sind, zum Beispiel eine Massage leisten." Oder einen Computerfachmann. "Als mir einmal der Computer abgestürzt ist, hat mir Michael geholfen, das ist unser Computergenie hier - und das, obwohl ich nicht einmal genug Talentstunden hatte", erzählt Soheila, Persönlichkeitsberaterin aus Nippes, die seit drei Jahren im Tauschring ist.

Bezahlt wird mit Talentstunden. So heißt die Währung des Tauschrings. "Wer neu ist im Tauschring, muss also erst einmal warten, bis er einen Auftrag bekommt", erklärt Marina Gernhardt, die die Tauschtreffen unentgeltlich moderiert. Wer zum Beispiel fünf Stunden für andere gearbeitet hat, kann also auch selbst fünf Arbeitsstunden mit einer Leistung seiner Wahl in Anspruch nehmen. Wer fleißig putzt oder werkelt, der kann sich dann auch mal etwas Luxuriöseres, wie etwa eine Farbberatung oder eine Massage erlauben, die
im wahren Leben richtig teuer sind.

Geld ein Auslaufmodell?

Für Marina Gernhardt, die als Gesundheitscoach arbeitet, ist der Tauschring eine ganz archaische Form des Handels. "Bei uns werden die Dienstleistungen nicht bewertet, sondern allein die Zeit, die man investiert, zählt. So haben alle die gleichen Startbedingungen, egal ob sie Gartenarbeit oder Grafik-Design anbieten."

Aber natürlich gibt es ein glasklares Ranking: "Die Top-3 sind Handwerk, PC, Putzen. Wer etwas in dieser Richtung anbietet, muss nicht lange warten bis er die ersten Talentstunden einheimst." Marina Gernhardt hat den Tauschring vor etwa zehn Jahren in Köln ins Leben gerufen. "In Deutschland gibt es in jeder größeren Stadt einen. Ich fand die Idee schon immer charmant, sich ohne Bargeld etwas leisten zu können, und habe dann meinen eigenen Tauschring gegründet."

Auch Atilla aus Porz fasziniert der Gedanke einer post-pekuniären Ära. Für ihn ist das Geld, so wie wir es kennen, ein Auslaufmodell. Das sehe man ja schon an der Eurokrise. Für die Zeit nach dem Geld hat er sich schon mal die Website tauschmarkt.com gesichert. "Ich finde die Idee gut, dass sich Menschen gegenseitig helfen und dabei auf ihre ganz individuellen Fähigkeiten zurückgreifen, sei es Putzen, Webdesign, Kochen oder Möbel packen."

Das nächste Tauschring-Treffen

Die nächsten Tauschring-Treffen sind am 7. Januar und am 5. Februar, jeweils 18 - 21 Uhr. Da es nur eine begrenzte Zahl von Plätzen gibt, müssen Interessierte sich vorher auf der Website oder mit einer E-Mail anmelden.
www.tauschring-koeln.de

info@tauschring-koeln.de

Auch interessant
KVB Fahrplan
Start
Ziel
Datum
Zeit
 
Effizient und multimedial ins neue Modelljahr
Anzeige
Toyota Verso

Zahlreiche neue Funktionen des Toyota Touch2&Go Navigationssystem.

Videos
FACEBOOK
Blog
Digitale Themen
Das Logo von Rheinklick

Mini-Coding-Schulungen, Analysen oder Veranstaltungen, hier geht es um Themen rund um die digitale (Kölner) Szene.

Weitere Serien
Nachwuchs-Autoren

Szene, Lifestyle, Trends, coole Events: Schüler, Studenten und Auszubildende schreiben für junge Leute.

Kleinanzeigen
ipad
Tablet-Ausgabe

Jetzt noch lokaler und umfangreicher: Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ für das Tablet lädt zur Erlebnisreise durch die Themen des Tages ein. Jetzt 20 Tage lang gratis testen!