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Räumungsbeschluss: Künstler wollen in Kolbfabrik bleiben

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Auf dem Heck des Oldtimers wird die Post für die einzelnen Bewohner ausgelegt. Foto: Bleier
Die Künstler der Kolbfabrik protestieren am Donnerstag gegen die Räumung des Geländes in der Helmholtzstraße. Als vor mehr als 23 Jahren der Mietvertrag mit der Stadt geschlossen wurde, ging man von einem Projekt auf Lebenszeit aus.  Von
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„Wir sehen uns gar nicht als Feinde, uns und die Stadt", sagt Michael Reinker, Kunst- und Musiktherapeut in Köln. Er wohnt und arbeitet seit 1992 in der Kolbfabrik, die sich selbst als Artist Community sieht. Er sitzt am großen Tisch in der Küche, dreht sich eine Zigarette nach dem Essen. Hier im ersten Stock, auf der Galerie, trifft man sich am Abend, isst zusammen, diskutiert zusammen. Künstlerinnen und Künstler aus mehreren Ländern leben hier seit fast einem Vierteljahrhundert.

Am 11. März sollte Schluss damit sein. Für diesen Tag erging an den Verein Wir selbst e.V., der die Halle in der Helmholtzstraße betreibt, der Räumungsbescheid. In letzter Minute ist er noch einmal aufgeschoben worden. „Aber nicht aufgehoben", wie Inge Schürmann, Sprecherin der Stadt Köln dem „Kölner Stadt-Anzeiger" sagte. Grund für die Räumung: Die Untermieter hätten seit dem Jahr 2006 keine Miete mehr bezahlt. Bei einer jährlichen Summe von 60.000 Euro, die die Stadt an den Eigentümer des Kolb-Geländes, die NRW Urban, zahlen muss, eine satte Summe. Eigentlich ein klarer Fall: Wer seine Miete nicht bezahlt, muss ausziehen.

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„Ganz so einfach ist es nicht", sagt Uli Schulz (48) und kramt Gerichtsurteile heraus. Schulz baut kinetische Maschinen im Stil der Rube-Goldberg-Maschinen, bei denen ein Ereignis unweigerlich weitere nach sich zieht. Und ein wenig fühlt man sich auch an eine nur noch schwer aufhaltbare Kettenreaktion erinnert, wenn er den Ablauf des seit nunmehr 13 Jahren andauernden Streits mit der Stadt rekonstruiert.

Kinetische Maschine von Uli Schulz
Kinetische Maschine von Uli Schulz
Foto: Bleier

Der Ärger habe am 11. April 2000 angefangen, als die Stadt einen Räumungstitel gegen eine Einzelperson, die in der Fabrik wohnte, durchsetzen wollte. Ein Teil der Mauer wurde eingerissen, mehrere Zirkuswagen zerstört und weggeschleppt. Man zog vors Landgericht, die Stadt wurde dazu verurteilt, die „Umfriedungsmauer" wieder aufzubauen sowie weitere Mängel zu beseitigen. Bis heute aber klafft das Loch in der Mauer wie eine offene Wunde. Bis die Stadt ihren Verpflichtungen als Vermieterin nachkomme, haben die Bewohner die Miete gemindert, zum Schluss um 80 Prozent. Auch für eine Sprinkleranlage, ein Teerdach, eine Dachentlüftung sowie Rettungswege hätte die Stadt sorgen müssen.

Doch: "Die Stadt ist unkooperativ", sagen die Bewohner. "Wir investieren jedes Jahr zehn- bis zwölftausend Euro in die Instandsetzung der Halle. Fenster, Türen, Toiletten werden von uns renoviert und erneuert", so Schulz. Schließlich ging der Streit bis zum Oberlandesgericht. Und irgendwann ging es nicht mehr nur ums Geld, sondern darum, ob es sich überhaupt um einen Wohnmietvertrag handele - oder um einen Gewerbemietvertrag. Strafen an das Ordnungsamt mussten bezahlt werden, weil die Künstler für eine Veranstaltung Geld verlangt hätten. Irgendwann, so scheint es, haben beide Seiten den Überblick verloren.

Blick in die Halle und in die Galerie mit Wohnateliers und Gemeinschaftsküche
Blick in die Halle und in die Galerie mit Wohnateliers und Gemeinschaftsküche
Foto: Bleier

Dabei war die Stadt nicht immer unkooperativ. Immerhin hat sie selbst viel Geld in die Bewirtschaftung der ehemaligen Maschinenhalle gesteckt. Allein die Galerie, in der bis zu zwölf Wohn-Ateliers Platz finden, habe "750.000 damals noch Mark gekostet, allein das Material 150.000. Daran kann man schon sehen: Das war ein Projekt auf Lebenszeit", erklärt Michael Reinker.

Michael Reinker bedient tibetische Klangschalen - Teil seines Hugo-Kükelhaus-Projektes
Michael Reinker bedient tibetische Klangschalen - Teil seines Hugo-Kükelhaus-Projektes
Foto: Bleier

Der 53-Jährige möchte hier sein Hugo-Kükelhaus-Projekt verwirklichen. Er baut an der Installation der "Helmholtzschen Rohre" - meterlange Klangkörper, die für jeden zugänglich an der einst von Baggern niedergerissenen Mauer entstehen sollen. Mit der Experimentier- und Spielstation wird Passanten, Nachbarn, Interessierten die Möglichkeit geboten, die „Gesetzlichkeiten der äußeren Natur - Schwingung, Schwerkraft, Polarität, Farbe - unmittelbar zu erfahren".

Integriert werden soll die Installation in ein extravagantes Kunstwerk des russisch-deutschen Künstlers Sergei Didriger; der 34-Jährige will die Lücke an der Mauer mit Steinfiguren und einem Feuer speienden Kopf schließen. Von einem Sockel aus fließt beiger Beton an lebensgroßen Mensch-Ärgere-dich-nicht-Skulpturen vorbei und schlängelt sich flammengleich Richtung Eingangstor. Ist das Gesamtkunstwerk einmal fertig, kann man von außen in den Hof hineinschauen - und vor allem hineinhören. Faszinierende Geräusche, wie von unter Wasser, dringen an das Ohr, der Hörer wähnt sich auf einem anderen Planeten. Didriger und Reinker bauen seit 2010 an ihrem Kunstwerk.

Sergei Dridiger hat die riesigen Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren geschaffen. Sie sollen die Lücke in der Mauer in der Helmholtzstraße schließen.
Sergei Dridiger hat die riesigen Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren geschaffen. Sie sollen die Lücke in der Mauer in der Helmholtzstraße schließen.
Foto: Bleier

"Die Kolbfabrik ist ein offenes Konzept, ein nicht-kommerzielles Kunstprojekt, an dem jeder teilhaben kann, ohne etwas dafür zu bezahlen" - auch für John Iven ist es unvorstellbar, dass es die Art Community in der Helmholtzstraße schon bald nicht mehr geben soll. Der Ehrenfelder wohnt selbst nicht in der Halle, holt sich aber hier seine Inspiration. Zusammen mit der Künstlergruppe „Captain Borderline" hat der 33-Jährige beispielsweise das Mahnmal an der Fassade des Ehrenfelder Bahnhofs geschaffen, das von der Rolle der Edelweißpiraten im Nationalsozialismus erzählt. Iven schwärmt von den Abenden, an denen er den afrikanischen Künstlerin bei ihren Jam-Sessions in der Kolbfabrik zuhört, oder von Aktionen wie dem Cityleaks-Festival in Köln, bei dem die Kolbfabrik als einer der großen Ausrichter auftrat. „Wenn Besuch kommt, führe ich den als erstes in die Kolbfabrik".

„Wir sind Künstler, keine Manager"

Um diesen schöpferischen Ort zu erhalten, gehen die Künstler am Donnerstag auf die Straße. "Wir sind Künstler, keine Manager", sagen sie. Wie man sich strategisch in einem Streit um ein Mietobjekt verhält, wissen sie nicht. Sie kämpfen mit ihren eigenen Mitteln. Und so werden die Kölner am Donnerstagnachmittag nicht nur Gelegenheit haben, sich über die Kolbfabrik und ihr Anliegen zu informieren, sondern auch einen Teil der bizarren Werke zu sehen bekommen - wenn sie per Wägelchen durch die Straßen gezogen werden. Der Protestzug startet um 15 Uhr am Rudolfplatz und soll gegen 17 Uhr in der Ehrenfelder Kolbhalle enden.

Am Wochenende ist noch einmal Tag der offenen Tür: am Samstag ab 15 Uhr und am Sonntag ab 12 Uhr sind Interessierte willkommen, sich in der Halle umzuschauen, die Objekte zu bestaunen und mit den Künstlern zu diskutieren. Vielleicht zum letzten Mal. Falls nicht doch noch ein Stein im Getriebe der Rube-Goldberg-Maschine die Kettenreaktion aufhalten kann.

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