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Tagelöhner in Ehrenfeld: Die Arbeiter haben keinerlei Lobby

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Arbeit gesucht: Tagelöhner auf der Venloer Straße. Foto: Arton Krasniqi, KSTA
Im Zusammenhang mit dem „Arbeiterstrich“ erhebt Bezirksbürgermeister Josef Wirges Vorwürfe gegen den Zoll. Die Ermittler täten zu wenig, um Schwarzarbeitern und Bauunternehmern das Handwerk zu legen.  Von 
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Herr Wirges, der sogenannte Arbeiterstrich auf der Venloer Straße verunsichert Anwohner und Geschäftsleute. Wie gut kennen Sie die Situation vor Ort?

JOSEF WIRGES: Das Thema beschäftigt uns schon seit vier Jahren. 2010 habe ich im Bezirksrathaus die erste Gesprächsrunde mit Anwohnern organisiert, drei weitere folgten. Vertreter von Polizei, Ordnungsamt und der Zollbehörde waren auch dabei. Vor einem Jahr haben wir mit Hilfe eines Dolmetschers auch die Bulgaren zu einem Gespräch mit Polizei und Ordnungsamt eingeladen. 19 sind gekommen.

Worüber beklagen sich die Anwohner bei Ihnen?

WIRGES: Es geht vor allem um den Spielplatz an der Hansemannstraße. Den nutzen die bulgarischen Männer als Schlafplatz oder Aufenthaltsort, oft länger als acht Stunden am Tag. Manche verrichten ihre Notdurft dort. Das geht natürlich nicht. Viele Eltern und Spielplatzpaten spüren ein Unbehagen. Dazu beklagen sich Anwohner der Hansemannstraße über Ruhestörungen.

ROLF PAFFENHOLZ: Frühmorgens, wenn die Arbeiter an der Venloer Straße aufgesammelt werden, wird gehupt, das Autoradio spielt, die Männer verhandeln. Oder nachts, wenn die Kneipen schließen und die Männer auf der Straße stehen. Das nervt viele Anwohner. Manche geben auch Hinweise auf illegale Beschäftigung.

Und was haben die Bulgaren Ihnen bei dem Treffen geantwortet?

WIRGES: Die 19, die gekommen sind, sagten, sie hätten alle einen Gewerbeschein, demnach arbeiten sie legal. Sie waren sehr zugänglich, sagten aber, die Probleme machten andere aus der Gruppe. Wir haben sie gebeten, die legale Arbeitsaufnahme hundert Meter weiter an die Bartholomäus-Schink-Straße zu verlagern. Da gibt es keine Anwohner, die sich gestört fühlen könnten. Leider ist das bis heute nicht geschehen.

Es soll aber auch diejenigen geben, die keinen Gewerbeschein haben und illegal arbeiten. Wie kann es sein, dass seit vier Jahren mitten auf der Venloer Straße Menschen in Schwarzarbeit vermittelt werden, und alle gucken tatenlos zu?

PAFFENHOLZ: In den vergangenen drei Jahren sind aus der Umgebung der Hansemannstraße 30 Beschwerden bei Stadt und Polizei eingegangen. Das ging vom Herumstehen an der Ecke über die Probleme auf dem Spielplatz bis zu Mitteilungen über illegale Arbeitsaufnahme. Letzteres ist für die Polizei real schwer zu klären. Das geht es um Finanzermittlungen, für die wir nicht zuständig sind und die zum anderen vor Ort schwer überprüfbar sind.

WIRGES: Das ist ganz klar eine Aufgabe für die Bundeszollverwaltung. Der Zoll leistet da in meinen Augen zu wenig.
Der Zoll war Montag nicht für eine Stellungnahme erreichbar, hat aber vorige Woche schon mitgeteilt, das falle nicht unter seinen Prüfauftrag.

WIRGES: Der Prüfauftrag bezieht sich auf die Baustellenkontrollen. Aber es macht auch Sinn, die Wege des Anwerbens von illegalen Arbeitern zu verfolgen. Man kann den Arbeitern doch mal hinterherfahren und feststellen, auf welchen Baustellen die eingesetzt werden. Womöglich ergeben sich dadurch ganz neue Ermittlungsansätze. Es geht ja nicht nur um zwei oder drei Menschen, die hier abgeholt werden, sondern um deutlich mehr.
Und um viele weitere Profiteure.

WIRGES: Ja, vom Bauunternehmer über den Subunternehmer bis zu den Menschen, die bulgarische Arbeiter vermitteln. All denen müssen wir das Handwerk legen. Reiseveranstalter profitieren, Schlepper, die Busreisen aus den ärmsten Regionen Bulgariens nach Köln organisieren und den Menschen für die Kosten ihr letztes Hab und Gut abknöpfen. Und natürlich profitiert der Bauherr, der sich sein Badezimmer in Schwarzarbeit fliesen lässt – obwohl er es sich eigentlich anders leisten könnte, das Geld aber lieber spart, um sich ein dickes Auto zu kaufen. Das ist komplett ehrlos.

Viele Arbeiter wohnen entlang der Venloer Straße zu fünft oder sechst in Ein-Zimmer-Appartements. Nachbarn berichten von menschenunwürdigen Zuständen.

WIRGES: Auf der Hansemannstraße gab es einen Hotelbetrieb, wo acht, neun Menschen in einem engen Raum gewohnt haben, manche hatten sogar Säuglinge dabei. Und die mussten auch noch für das Zimmer löhnen. Das ist eine Sauerei: Menschen wie Vieh in einen Raum zu pferchen und daran auch noch zu verdienen.

Gibt es das Hotel noch?

WIRGES: Nein. Die Stadt Köln hat es mit Hilfe der Feuerwehr und dem Bauaufsichtsamt geschlossen. Es gab keinen Rettungsweg, die Menschen wären bei einem Feuer elendig verbrannt.

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PAFFENHOLZ: Die Arbeiter haben keinerlei Lobby. Nur ein Beispiel: Für das eben erwähnte Treffen mit ihnen wollten wir eine der Gaststätten an der Venloer Straße nutzen, in denen sie regelmäßig verkehren. Aber kein Wirt war dazu bereit. Niemand wollte, dass seine Gaststätte nach außen wie ein offizieller Treffpunkt für Bulgaren wirkt.

WIRGES: Wir haben das Treffen dann schließlich in den Räumen des Ehrenfelder Vereins für Arbeit und Qualifizierung abgehalten.

Herr Wirges, was konkret können Sie tun, um die Situation für die Anwohner wie für die Bulgaren erträglich zu gestalten?

WIRGES: Die Kölner Linie ist deutlich, und sie ist ein Gegensatz zur Neuköllner Linie von Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky in Berlin: Wir hier wollen präventiv arbeiten. Wir sind alle Ehrenfelder. Wir wollen mit den Anwohnern und den Bulgaren engen Kontakt halten und Probleme auf der Gesprächsebene lösen. Zurzeit versuchen wir, über den Verein Veedelsmanagement e.V. eine Stelle für einen Streetworker im Bereich Hansemannstraße zu finanzieren. Klar ist: Als EU-Bürger genießen Bulgaren Freizügigkeit, sie haben das Recht, zu uns zu kommen.

PAFFENHOLZ: Viele Anwohner sind es aber auch leid, zur Erklärung immer wieder auf die EU-Osterweiterung hingewiesen zu werden. Zollkontrollen auf der Venloer Straße könnten dazu beitragen, den sozialen Frieden zu wahren. Dann hätte man nämlich Klarheit darüber, wer dort legal Arbeit anbietet, weil er einen Gewerbeschein besitzt und wer es illegal tut. Möglicherweise diskreditiert man einfach viele zu Unrecht.

Das Gespräch führte Tim Stinauer

AUTOR
Tim Stinauer
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