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Weihnachten: „Edith! Bist Du es wirklich?“

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Edith Wrobel und Gretel Welsch trafen sich an einem ganz besonderem Weihnachtsfest wieder. Foto: Privat
KStA-Leserin Carmen Seeger aus Erftstadt-Lechenich hat uns dieses wahre Weihnachtserlebnis geschickt. Die rührende Geschichte wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten. Frohe Weihnacht und viel Vergnügen beim Lesen.
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Rhein-Erft / Köln

Es war Heilig Abend im Jahr 1959. Voller Vorfreude saß ich in meinem Zimmer und wartete auf die Bescherung. Unsere Wohnzimmeruhr schlug gerade 17.00 Uhr, als ich ein klirrendes, dumpfes Geräusch wahrnahm. Etwas irritiert lief ich in den Flur, wo mir meine Mutter ganz aufgelöst und weinend entgegenkam. „Der Weihnachtsbaum ..., er ist umgefallen! Was machen wir nur?“ Zu jener Zeit hatte Weihnachtsschmuck schon einen besonderen Wert, und man verpackte ihn nach dem Fest sorgsam für’s nächste Jahr. Ich lugte durch die Wohnzimmertür und sah das Unglück. Fast alle Kugeln lagen zerbrochen auf der Erde! Der Anblick stimmte mich sehr traurig. Da half nur ein: Neue Kugeln! Aber woher nehmen um diese Zeit? Alle Geschäfte hatten doch schon lange zu.

Kurz entschlossen nahm ich meinen Mantel und lief los – zunächst zu meiner alten Klavierlehrerin, die nur um die Ecke wohnte. Erstaunt öffnete sie mir die Tür und hörte sich meine Geschichte an. „Ach Kind“ – ich war damals 16 Jahre alt – meinte sie, „meinen ganzen Weihnachtsschmuck habe ich letztes Jahr verschenkt, ich mache mir keinen Weihnachtsbaum mehr. Aber lauf doch mal zu Welsch, dem Schreibwarenladen am Ende der Straße. Vielleicht haben die noch auf.“ Im Laufschritt flitzte ich die Straße entlang – in diesem Geschäft war ich vorher noch nie gewesen, weil es von unserer Wohnung aus etwas zu weit entfernt lag. Wir wohnten nämlich noch nicht so lange in Köln.

Als ich nach Luft ringend endlich vor dem Schreibwarenladen ankam, war ich sehr verwundert, dass er geöffnet hatte! Ich trat ein und trug halb schluchzend unser Malheur mit unserem Christbaum vor. Da meinte Frau Welsch, die Inhaberin, „Ach, das tut mir leid, ich habe alle Kugeln verkauft! Aber weißt Du was? Ich gebe Dir meinen ganzen Weihnachtsschmuck aus den beiden Schaufenstern mit. Das reicht bestimmt für Euren Weihnachtsbaum!“ Und schon holte sie einen großen Karton und sammelte sämtliche Kugeln, große und kleine – sie waren viel schöner als unsere - zusammen und schenkte sie mir. Ich war einfach überwältigt vor Glück, bedankte mich herzlich und eilte nach Hause.

Meine Eltern waren schon besorgt, weil ich so lange fort war. Sie hatten den Baum notdürftig mit Lametta geschmückt. Als ich dann mit meinem Karton voller neuer Kugeln zu Hause ankam, war die Freue groß! Letztendlich wurde es doch noch ein frohes Weihnachtsfest! Aber damit nicht genug: Nach den Festtagen wollten sich meine Mutter und ich noch einmal bei Frau Welsch für die wunderschönen Kugeln bedanken. Wir betraten als den Schreibwarenlagen, und es geschah erstmal nichts!
Zwei Frauen standen sich sekundenlang wortlos gegenüber und musterten sich ungläubig und verwirrt, bis Frau Welsch sagte: „Edith! Bist Du es wirklich?“

Meine Mutter meinte: „Gretel! Wie kann das sein? Durch die Kriegswirren vor 25 Jahren hatten sich in Ostpreußen zwei Schulfreundinnen aus den Augen verloren und auf diese ungewöhnliche Weise in Köln wiedergefunden! So brachte ein umgefallener Weihnachtsbaum zwei Freundinnen wieder zusammen!

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