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Holocaust-Überlebender: Straße erinnert an Jupp Weiss

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Atara Zachor Dayan (l.), Enkelin von Jupp Weiss, hatte es immer vermieden, Deutschland zu besuchen.  Foto: Johannes Bühl
In Flamersheim ist eine Straße nach dem letzten Judenältesten des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, Jupp Weiss, benannt worden. Zum Festakt erschienen auch seine Nachfahren – ein bewegender Moment für alle Beteiligten.  Von
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Euskirchen-Flamersheim

Atara Zachor Dayan hatte es immer vermieden, Deutschland zu besuchen. Die Vorstellung, in das Land zu reisen, von dem einst der Holocaust ausging, der millionenfache Mord an den Juden, schien der Israelin unerträglich.

Doch sie änderte ihre Meinung. Und zwar, als sie erfuhr, dass in Flamersheim eine Straße nach ihrem Großvater Josef („Jupp“) Weiss benannt werden sollte. Eine solche Wertschätzung hatte sie nicht erwartet.

„Nun stehen wir hier, das erste Mal auf deutschem Boden, in dem Dorf, wo Jupp geboren wurde, aufwuchs und zur Schule ging. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Es ist eine der emotionalsten Erfahrungen in meinem Leben“, sagte Zachor Dayan am Donnerstag. Sie gehörte zu den acht Verwandten, die aus Israel, England und den USA angereist waren, um an einer Doppelzeremonie teilzunehmen.

Nach dem Straßenschild im Wohngebiet „Im Mühlenacker“ wurde am Haus der Familie von Francesco Dello-Preite in der Pützgasse 16 auch eine Gedenktafel enthüllt, die an den charismatischen Judenältesten von Bergen-Belsen erinnert. Im Konzentrationslager musste der gebürtige Flamersheimer (1893-1976) einen Balanceakt vollführen als Bindeglied zwischen den jüdischen Häftlingen und der Lagerleitung. Er agierte ruhig und mutig, aber nicht waghalsig zugunsten seiner Mithäftlinge, wie Bürgermeister Uwe Friedl sagte, der auf Weiss’ Leben zurückblickte.

Listen mit Namen der Opfer

Weiss war auch zuständig für die Listen mit ein- und abgehenden Transporten sowie namentlich aufgeführten Todesfällen. Dies kann man der 700 Seiten starken Biografie entnehmen, die Hans-Dieter Arntz, Regionalhistoriker aus Rheder, verfasst hat.

Dank dieser Listen, die viele Tausend Namen enthielten, habe etwa der Vater von Anne Frank erfahren, dass seine Tochter, die später durch ihre Tagebuch bekannt wurde, in Bergen-Belsen umgekommen war, sagte Arntz.

Er würdigte Weiss nicht nur als Lebensretter, sondern auch als allseits anerkannten Zeitzeugen nach dem Krieg. Arntz hatte den Besuch von Weiss’ Verwandten in Zusammenarbeit mit den Allgemeinen Ortsvereinen (AOV) Flamersheim vorbereitet.

1933 vor den Nationalsozialisten geflüchtet
Im Konzentrationslager von Bergen-Belsen musste der Josef Weiss (1893-1976) als Judenältester einen Balanceakt vollführen als Bindeglied zwischen den jüdischen Häftlingen und der Lagerleitung.
Foto: Johannes Bühl

In dem Haus an der Pützgasse, an dem seit Donnerstag eine Gedenktafel hängt, wurde Josef („Jupp“) Weiss am 16. Mai 1893 als achtes von neun Kindern geboren. 1907 verließ er Flamersheim und machte in Köln Karriere als Personalleiter des Kaufhauses Michel und Co.

Wegen seiner jüdischen Herkunft flüchtete er 1933 mit seiner Familie in die Niederlande, wo er ehrenamtlich beim Zionistenbund arbeitete und vielen Juden zur Flucht verhalf. Sein Plan, mit der Familie nach Palästina auszureisen, wurde durch den Einmarsch der deutschen Truppen durchkreuzt.

Im Durchgangslager Westerbork, in dem er von 1942 bis 1944 mit Ehefrau Erna und Sohn Klaus-Albert inhaftiert war, richtete er für die Jugendlichen eine Lagerschule ein und rettete vielen Menschen, die für den Transport ins Vernichtungslager vorgesehen waren, das Leben, indem er Namenslisten fälschte. (ejb)

Der AOV-Vorsitzende Paul-Josef Kau richtete an Jupp Weiss’ 120. Geburtstag ebenso ein Grußwort an die Zuhörer, zu denen viele Einheimische gehörten, wie Hans-Dieter Arntz und der Euskirchener Landtagsabgeordnete Klaus Voussem. Kaus Stellvertreter Dieter Grützner übersetzte die in Englisch gehaltenen Reden der ausländischen Gäste – auch Atara Zachor Dayans Appell an die Anwesenden, ihre Kinder zu Toleranz und Hilfsbereitschaft zu erziehen. Bürgermeister Friedl sagte zum Abschluss über Weiss: „Seine Beständigkeit, Besonnenheit und Würde machten ihn zum Vorbild in einer Zeit und in Verhältnissen, die nicht menschenwürdig waren. Ich verneige mich in Anerkennung und Demut vor seinem Wirken.“

Eine bewegende Rede hatte zuvor auch Yona Weiss gehalten. Sie ist die Stieftochter von Jupp Weiss. Durch die Hochzeit mit seinem Sohn Wolfgang wurde sie zudem zu seiner Schwiegertochter. Die heute 78 Jahre alte Frau war mit Weiss, dessen erster Frau Erna und Sohn Klaus-Albert gleichzeitig in Westerbork und Bergen-Belsen interniert gewesen.

„Ich war damals noch ein Kind und kann mich nicht groß an diese schreckliche Zeit und die schlimmen Erlebnisse erinnern.“ Sie habe aber noch vor Augen, „wie Jupp, unser Judenältester, stolz und aufrecht mit den deutschen Soldaten zum Appell ging, während wir, manchmal stundenlang bei bitterer Kälte, stehen mussten, bis die Zählerei beendet war“. Weiss, so ihr Schlusswort, sei ein starker und fürsorglicher Mensch gewesen und „ein kostbares Licht in jener finsteren Zeit“.

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