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Selbsthilfegruppe: Auch Großeltern brauchen eine Lobby

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Gerade in heutigen Zeiten sind stabile Beziehungen und Vertrauenspersonen für Kinder essentiell. Großeltern sind dabei eine wichtige Instanz. Foto: Claudia Hoffmann
Die Bundesinitiative Großeltern (BIGE) setzt sich auch im Raum Euskirchen dafür ein, dass die Beziehungen zwischen Kindern, Eltern und Großeltern nach Trennung und Scheidung oder in anderen Konfliktsituationen nicht abbrechen.  Von
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Die kleine Holzeisenbahn mit der roten Lokomotive steht verlassen im Wohnzimmer, am Küchentisch wickelt Marga Schneider (alle Namen geändert) ein Päckchen in buntes Papier. Doch sie weiß, dass das Geschenk seinen Adressaten nicht erreichen wird. Wie beim Osterfest im vergangenen Jahr, als das Paket ungeöffnet zurückkam, begleitet von einem Brief ihres Enkelsohns und den bestürzenden Zeilen, dass er das Geschenk nicht annehmen dürfe.

Seit der Scheidung vor einigen Jahren hat ihre Schwiegertochter den Eltern ihres Ex-Mannes jeden Kontakt mit den Enkelkindern untersagt. Nicht nur an Weihnachten, nicht nur an Ostern. Für immer. Warum, das ist den Großeltern bis heute unbegreiflich „Wir sind offensichtlich in einer Art Kollektivschuld. Es scheint so, dass wir mitverantwortlich für die Trennung gemacht werden. Der Vater ist schuld und die Großeltern gleich mit.“

Nur noch angeschrien

Das ist für Marga Schneider die plausibelste Erklärung. Seit der mittlere von drei Enkelsöhnen wieder bei seinem Vater lebt, ist es noch schlimmer geworden. Der Große, inzwischen volljährig, hat sie bei einem ihrer letzten Telefonate angeschrien. „Aber wenigstens sprechen wir miteinander.“ Ein Hoffnungsschimmer. Etwas von dem, was Marga Schneider ihrem Enkel vermitteln wollte, scheint angekommen zu sein, denn beim nächsten Mal war das Gespräch schon weniger laut. Doch was das jüngste Enkelkind angeht, herrscht weiterhin Funkstille. Sie hofft, dass er irgendwann alt genug ist, um sich eine eigene Meinung zu bilden.

Kinderwunsch
Weihnachten wieder mit den Großeltern verbringen zu dürfen, ist der große Wunsch von Lukas und Lisa.
Foto: Claudia Hoffmann

In ihrer Verzweiflung fand Marga Schneider schließlich Hilfe bei der Bundesinitiative Großeltern (BIGE). Der im Jahre 2002 gegründete Verein, der 2010 den „Preis der Kinderrechte“ des WDR erhalten hat, setzt sich dafür ein, dass die Beziehungen zwischen Kindern, Eltern und Großeltern auch nach Trennung und Scheidung oder in anderen Konfliktsituationen nicht abbrechen.

Die Mitglieder der BIGE-Regionalgruppe Euskirchen treffen sich einmal im Monat im Mehrgenerationenhaus des DRK. Ins Leben gerufen wurde die Euskirchener Selbsthilfegruppe 2008 von Annemie Wittgen, damals selbst eine Betroffene. Sie möchte Großeltern „eine Lobby geben“.

BIGE
Annemie Wittgen ist Mitbegründerin der BIGE-Regionalgruppe.
Foto: Claudia Hoffmann

Johann Freytag hat seinen Enkel seit vielen Jahren nicht gesehen, zum letzten Mal beim Euskirchener Martinszug. Beim Anblick der bunten Lichter hatte der damals sechsjährige Jonas zu ihm gesagt: „Opa, wenn das Sternschnuppen wären, würde ich mir wünschen, dass ich dich wieder besuchen darf.“ Die Erinnerung an diesen Satz zerreißt ihm das Herz. Das Besuchsrecht hat er mittlerweile auf juristischem Wege erstritten. Doch dann fingen in seinen Augen die Ausreden an: „Der Junge muss Schularbeiten machen, zum Fußballtraining, ist bei Freunden eingeladen und hat überhaupt wenig Zeit“, hieß es.

Johann Freytag will nun nichts mehr unternehmen: „Ich muss kleine Brötchen backen. Sonst ist alles wieder vorbei.“

Für andere Betroffene in der Euskirchener Selbsthilfegruppe ist die gerichtliche Auseinandersetzung kein gangbarer Weg. Zum einen, um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Zum anderen, weil in Paragraph 1685 BGB zwar ein Umgangsrecht für Großeltern und Geschwister vorgesehen ist, die Großeltern jedoch beweisen müssen, dass der Umgang mit ihnen dem Wohle des Kindes dient – ein schwieriges Unterfangen.

Die Schicksale der Betroffenen sind so unterschiedlich wie die zum Teil diametral entgegengesetzten Versionen ein- und derselben Geschichte. Das macht es auch für die Mitarbeiter des Jugendamtes nicht leicht. Sie halten ebenfalls Beratungsangebote für die Betroffenen bereit und vermitteln, wenn es zum Wohle der Kinder ist.

Unterschiedliche Erfahrungen

Damit haben die Mitglieder der Regionalgruppe jedoch unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Vor allem dann, wenn durch den scheidungsbedingten Umzug Behörden in anderen Teilen Deutschlands involviert waren. „Man hat den Eindruck, dass die Jugendämter überfordert sind, weil die Fälle, die auf sie zukommen, immer größer werden. Oder sie sitzen das aus“, spekuliert Großvater Manfred Karl.

Bewährt hat sich indes das Handlungsmodell eines Cochemer Familienrichters, der alle Beteiligten zeitnah an einen Tisch bringt: Eltern, Großeltern, Beratungsstellen, Vertreter von Jugendamt und Familiengericht, Verfahrenspfleger, Mediatoren, Psychologen, Sachverständige und Anwälte arbeiten zusammen, um nach jeweils optimalen Lösungen für betroffene Kinder und ihre Familienangehörigen zu suchen und ihnen langwierige gerichtliche Auseinandersetzungen zu ersparen.

In diese Richtung geht auch die Auffassung des Euskirchener Jugendamtsleiters Erdmann Bierdel: „Es muss gelingen, an den Überzeugungen der Erwachsenen zu arbeiten, anstatt mit der Brechstange vor Gericht etwas zu versuchen. Denn die Situation der Kinder und der seelische Druck potenzieren sich.“ Annemie Wittgen würde sich in jedem Fall wünschen, dass die verantwortlichen Politiker die Rahmenbedingungen für eine solche gelungene, interdisziplinäre Zusammenarbeit schaffen.

Erwachsen geworden

„Was habe ich falsch gemacht? Habe ich mich vielleicht zu sehr eingemischt?“ Auch um diese Fragen geht es in den Gesprächen der BIGE-Regionalgruppe. Denn dass Eltern mitunter vergessen, dass ihre Kinder erwachsen geworden sind und ihre eigenen Entscheidungen treffen, das wissen nicht nur Psychologen. Zumal im Erziehungskonzept älterer Generationen hierarchisch nicht immer unbedingt eine Ebenbürtigkeit gegeben ist.

Tatsache bleibt: Ist die Wut auf den Partner größer als die Liebe zum gemeinsamen Kind, haben die Großeltern kaum eine Chance. Umgekehrt sind allerdings auch die Fälle, in denen Großeltern ihre Enkel gegen den abtrünnigen Partner instrumentalisieren, nicht unbedingt ein Novum. Starke Emotionen, Beleidigungen, seelische Verletzungen führen oft zu harten Fronten.

Nicht selten müssen Eltern wie Großeltern erst wieder lernen, das Wohl des Kindes in den Mittelpunkt zu stellen. Daran sollte alle Beteiligten denken: Für Kinder bricht im Trennungskonflikt eine Welt zusammen. Sie entscheiden sich nicht für oder gegen jemanden. Für sie wird entschieden.

Stabilität und Vertrauen

Und wie auch immer das neue Familienmodell nach der Trennung aussehen mag: „Gerade in immer unsicherer werdenden Zeiten sind stabile Beziehungen und Vertrauenspersonen für Kinder essentiell. Und Großeltern sind hier sicher eine wichtige Instanz“, bestätigte auch Dr. Dirk Arenz, der Chefarzt der Abteilung für klinische Psychiatrie und Psychotherapie des Marien-Hospitals Euskirchen.

Marga Schneider will nicht aufgeben, sucht immer und immer wieder den Dialog, packt Päckchen und schreibt Briefe an ihre Enkelkinder. Sie will nicht zulassen, dass dieser so wichtige Teil ihrer gemeinsamen Vergangenheit wortlos gekappt wird. Sie hofft, dass mit der kleinen Eisenbahn eines Tages wieder gespielt wird und dass wieder Kinderlachen ihr Wohnzimmer erfüllt.

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