30.08.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Falsche Öko-Ware: Die Bio-Mafia macht Kasse
07. December 2011
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Falsche Öko-Ware: Die Bio-Mafia macht Kasse

Bio-Gemüse

In Italien haben Kriminelle Biolebensmittel gefälscht. (Bild: dapd)

KÖLN - Von Betrug ist die Rede, von Korruption und sogar von "mafiösen Strukturen": Jahrelang soll eine Bande italienischer Fälscher Hunderttausende Tonnen konventioneller Lebensmittel als Bio-Ware verkauft und damit ordentlich Kasse gemacht haben. Sieben Verdächtige wurden jetzt nach Angaben der italienischen Polizei festgenommen - darunter auch die Chefs der Lebensmittelkonzerne Sunny Land, Sona und Bioecoitalia. Insgesamt ermittelt die Polizei landesweit gegen rund 30 Produktions- und Vertriebsfirmen. Besonders pikant: Auch der Direktor einer Öko-Zertifizierungsstelle wurde verhaftet. Es besteht offenbar der Verdacht, dass die Kontrollstelle in den Betrug verwickelt ist.

Nachgemachte Siegel

Die Bande soll mehr als 700.000 Tonnen Mehl, Soja, Trockenfrüchte und andere Produkte mit gefälschten Bio-Siegeln im Wert von 220 Millionen Euro in mehrere europäische Länder exportiert haben. Auch in Deutschland wurde die Ware verkauft. Beschlagnahmt wurden in Italien nun 2500 Tonnen Mehl, Soja und Trockenobst mit gefälschten Siegeln. Die Rohstoffe wurden den Angaben zufolge über Tarnfirmen in Rumänien und Italien gekauft. Die Produkte seien dann mit einer gefälschten Dokumentation als "biologisch" deklariert und über ein Großhändler-Netz europaweit vertrieben worden - zum Teil zum Vierfachen des Preises für konventionelle Ware.

Der italienische Verband für Biolebensmittel erklärte, die Ermittlungen zeigten die "Schwachstellen": Die Branche müsse strenger überwacht werden, um die "Infiltration eines expandierenden Sektors durch die Mafia" zu verhindern.

Deutsche Öko-Verbände reagierten bestürzt über das Ausmaß krimineller Energie, betonen aber gleichwohl, dass es sich einen "sehr bedauerlichen Einzelfall" handele. Bio-Produkte seien besser kontrolliert als alle anderen Lebensmittel. " Aber kein System ist vor Betrug gefeit", sagte Alexander Beck, Vorstand des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft, des Spitzenverbandes von Erzeugern, Verarbeitern und Händlern ökologischer Lebensmittel in Deutschland. "Das Biosystem greift, es kann aber nirgendwo eine 100-prozentige Sicherheit geben".

Bedauerlicherweise habe es gerade in Italien in den vergangenen Jahren immer wieder "Probleme" gegeben - im Gemüse wurden verbotene Pestizide gefunden, vor wenigen Jahren habe es einen großen Getreideskandal gegeben. "Ein gutes Konzept ist aber in der Lage, solchen Betrug aufzudecken", so Beck.

Am besten regionale Produkte kaufen

Es wäre bedauerlich, wenn Verbraucher sich jetzt vom Bio-Kauf abhalten ließen, sagt Christiane Kunzel, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale NRW. Denn das System funktioniere. "Wo Bio drauf steht, muss auch Bio drin sein." Sie empfiehlt verunsicherten Verbrauchern, genau hinzuschauen und möglichst regionale Produkte mit Bio-Siegel zu bevorzugen. Dabei spiele es keine Rolle, ob man Bio-Ware nun im Supermarkt kaufe oder im Bio-Handel. Große Handelsketten und Hersteller von Bio-Markenprodukten könnten es sich gar nicht erlauben, gefälschte Ware zu verkaufen.

Den pauschalen Rat, Produkte bestimmter Anbauverbände zu bevorzugen, die neben den EU-Vorgaben strengere, verbandseigene Anbauregeln befolgen, mag die Verbraucherschützerin nicht geben. Ob Demeter-Produkt oder nicht: Alle Bio-Produkte müssten den gleichen gesetzlichen Anforderungen entsprechen. S

iegel von Anbauverbänden wie Demeter böten dazu noch ein "Extra", etwa die anthroposophische Orientierung, betont dagegen Beck. Sie stünden mit ihrem Namen für die Qualität der Ware ein. "Für kleine Produzenten wäre ein Skandal eine existenzbedrohende Situation." Alle Beteiligten hätten ein starkes Interesse daran, dass das Kontrollsystem funktioniere. (mit afp)