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Interview zum Zeugnistag: "Bei Noten ist es wie bei Drogen"

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Zum Zeugnistag erklärt Psychologe Georg Lind, warum er nichts von Noten hält. Foto: Fotolia
Viele Schüler in Köln und der Region haben an diesem Freitag ihre Halbjahreszeugnisse bekommen. ksta.de hat sich mit dem Psychologen Georg Lind über den Sinn und Unsinn von Noten für Grundschüler unterhalten.
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Köln

Herr Professor Lind, in Nordrhein-Westfalen dürfen Grundschulen die Notengebung vom dritten auf das vierte Schuljahr verschieben. Viele Eltern lehnen das ab. Warum wollen Eltern Noten und Lehrer nicht?

Georg Lind Dafür gibt es eine ganz simple Erklärung: Wir Eltern haben das als Schüler selbst so erlebt, und diese Gewohnheit nimmt uns gefangen. Deshalb erwarten die meisten Mütter und Väter, dass auch ihre Kinder Noten bekommen. Sie fragen: Und? Was hast du im Mathetest? Die Inhalte werden dabei zweitrangig – und genau das ist das Problem.

Sind verbale Beurteilungen besser als klassische Ziffernoten?

Lind Nein, weil auch sie sich nicht an individuellen Lernzielen orientieren, sondern lediglich Vergleichsurteile sind. Kinder und Eltern haben zudem eine Übersetzungshilfe im Kopf, mit der sie verbale Beurteilungen in Noten umsetzen. Nehmen wir die Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg, die weitgehend ohne Ziffernoten auskommen sollten. Das Ministerium hat die Schulen angewiesen, ihre Beurteilungen in Ziffernoten zu übersetzen, wenn Eltern das verlangen. Da untergräbt die grün-rote Regierung ihre eigene Bildungspolitik – und die Schüler fühlen sich zu Recht ausgetrickst.

Fragt man Schüler, ob sie Noten haben wollen, sagen die meisten ja. Sie wollen wissen, wo sie stehen. Was ist daran falsch?

Lind Wenn Schüler unbedingt Alkohol trinken wollen, dann sagen wir doch auch nicht: O. k., es schmeckt dir halt, trink ruhig weiter! Und bei Noten ist es wie bei den Drogen: Schüler werden regelrecht süchtig nach der Bestätigung von außen. Sie sollten aber lernen, sich auf den Inhalt zu konzentrieren und die eigene Leistung selbst einzuschätzen.

Interview

Georg Lind ist emeritierter Professor an der Uni Konstanz. Der Psychologe befasst sich mit Moral- und Demokratiekompetenz.

Mal ehrlich: Haben Sie sich nie über eine Eins oder Zwei gefreut?

Lind Das hat vielleicht meiner Eitelkeit geschmeichelt, aber im Prinzip waren mir Noten gleichgültig. Vielleicht war ich deshalb ein guter Schüler, weil ich den Rat meiner Mutter im Ohr hatte, die sagte: „Du musst selbst wissen, wo du stehst.“ Ich habe deshalb immer gern gelernt – bis heute.

Können Noten Kinder nicht auch motivieren?

Lind Nein. Noten hindern Kinder am Lernen – egal, ob sie gute oder schlechte Schüler sind. Denn klassische Noten messen die Kinder nicht an Lernzielen, sondern am Klassendurchschnitt. Das ist völlig unsachlich, und es verschiebt den natürlichen Eifer der Kinder auf die Bewertung. Belege hierfür hat unter anderem Hans Brügelmann in seinem Gutachten für den Grundschulverband zusammengetragen. Das erklärt auch, warum Kinder ganz lange im Kopf behalten, wann sie eine Eins oder eine Fünf hatten. Aber sie erinnern sich nicht daran, für welche Inhalte sie diese bekamen.

Wie sollen Lehrer die Leistungen ohne Noten bewerten?

Lind Wir müssen Leistung in den Schulen ganz anders definieren und einem Schüler Rückmeldungen geben über seine individuellen Fortschritte oder Defizite. Sinnvoll sind auch qualifizierte Prüfungen – wie beim Führerschein. Der Schüler soll lediglich wissen, ob er die Lernziele erreicht hat oder nicht. Zusätzlich könnte man freiwillige Leistungen und soziales Engagement in der Klasse als exzellente Leistung hervorheben.

Josef Kraus vom konservativen Deutschen Lehrerverband nennt das „biedere Gefälligkeitspädagogik“. Sind Sie sicher, dass die Lehrer da mitmachen würden?

Lind Mit Gefälligkeit hat das nichts zu tun. Wenn wir das Lernklima an den Schulen verbessern, dann erreichen wir auch bessere Ergebnisse. Es gibt natürlich viele Vorbehalte. Für Lehrer, die nicht gut unterrichten können, sind Noten ein Rettungsanker, weil sie damit die Klasse disziplinieren. Aber ein guter Lehrer braucht keine Noten, weil er die Kinder für den Stoff begeistern kann.

An den meisten Schulen haben Lehrer gar keine Wahl. Sie müssen spätestens beim Übertritt auf die weiterführenden Schulen benoten. Was bringt also die Debatte um die notenfreie Grundschule?

Lind Warum sollten wir Kinder möglichst früh auf eine schlechte Praxis vorbereiten? Das ist doch nicht logisch. Es gibt viele Modellschulen in Deutschland, die sehr gut ohne Noten auskommen. Auch die Schulen des Pisa-Siegers Finnland unterrichten lange ohne Noten. An diesen Beispielen sieht man doch, welches Lern- und Leistungspotenzial unsere Kinder mitbringen.

Gaukeln wir ihnen nicht eine heile Welt vor? Schließlich geben Noten den Ausschlag bei der Lehrstellensuche. Auch beim Studium mit Numerus clausus (NC) ist der Notendurchschnitt entscheidend.

Lind Hier sehe ich Anzeichen für einen langsamen Wandel. Eine gute Universität setzt nicht auf den NC, sondern auf qualifizierte Eingangsprüfungen und persönliche Auswahlgespräche. Viele Elitehochschulen machen damit sehr gute Erfahrungen. Auch Arbeitgeber denken um. Es gab kürzlich eine Anzeigenserie von Handwerkern mit dem Titel „Noten sind uns egal“. Auch ein Unternehmen aus der Fahrzeugbranche warb mit dem Slogan: „Noten sind uns egal – technischer Sachverstand ist viel wichtiger.“

Viele empirische Bildungsforscher halten die klassischen Noten jedoch für annähernd gerecht. Studien belegen, dass Abiturnoten eine relativ gute Prognose für den Studienerfolg sind. Haben all diese Experten unrecht?

Lind Viele empirische Bildungsforscher sind Interessenvertreter der Testindustrie, die von Leistungsvergleichen wie Pisa lebt. Da geht es um maximale Vergleichbarkeit, damit man die Ergebnisse anschließend in schöne Grafiken pressen kann. Ziel der Schule muss es aber sein, Wissen und Lernmotivation zu vermitteln – und nicht Menschen zu bewerten.

Das Gespräch führte Katja Irle

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