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Tango: Getanzte Leidenschaft

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Vor drei Jahren tanzten sich Raquel und Ricardo Lang bei der Tango Weltmeisterschaft in Buenos Aires unter die Finalisten.  Foto: tango-argentino-koeln.de
Es ist kein Tanz, es ist Gefühl, es ist Tango. Mittlerweile wird der aus Buenos Aires stammende Tanz auf der ganzen Welt getanzt. Auch in Köln sind Hunderte Paare infiziert vom Tango-Fieber und liegen sich in schummrigen Lokalen in den Armen.  Von
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Köln

Seitdem sie stehen kann, tanzt sie. Ballett, Individualtänze, klassische Paartänze, Salsa – Raquel Lang hat viel ausprobiert in ihrem Leben. Wirklich glücklich wurde sie jedoch nicht. Die klassische Musik war ihr zu klassisch. Der Frohsinn beim Tanz zu fröhlich. „Alles war zu steif.“ Es brauchte die etwas gedämpfteren, sinnlicheren Töne Argentiniens, die Klänge eines Astor Piazzola, das Glissando von Violinen und stechenden Streichern, um der 32-jährigen Kölnerin wieder Lust zu verschaffen. Lust am Tanzen. Und seit nunmehr neun Jahren: Lust am argentinischen Tango.


„Es ist eigentlich kein Tanz, mehr ein Gefühl“, erklärt die gebürtige Schweizerin den Tango Argentino. George Bernhard Shaw sagte mal, Tango sei „der vertikale Ausdruck eines horizontalen Verlangens“ – „Es ist mehr Erotik als Sex“, findet die Tänzerin. „Es ist eine echte Leidenschaft.“ Eine Leidenschaft, der mit ihr mittlerweile viele Kölner verfallen sind. Etwa 300 Tänzer zieht es an jedem zweiten und vierten Samstag im Monat ins schummrige Licht des „Tango Colón“ – zu einem „Milonga“ genannten Tanzabend in Köln Bickendorf.


„Tango braucht viel Zeit“, erklärt Raquel. „Es ist ein schwieriger Tanz, bei dem es nicht unbedingt um das Erlernen bestimmter Schrittfolgen geht.“ Es gehe um eine besondere Hingabe zum Tanzpartner. Um Mut, sich fallen zu lassen. „Das ist für viele das wirklich Schwierige.“ Und der Unterricht, dessen es bedarf, um auf dem Parkett mithalten zu können, verschlingt monatlich mehr als der regelmäßige Besuch eines Fitnessstudios. Dazu erklingt jene eigenartige Musik, die Raquel so fasziniert – dominiert von einer Spezialquetschkommode namens „Bandoneon“.


Nach einer elektronischen Phase des „Neotango“ sind heute die Klassiker der 40er, 30er und 20er Jahre wieder gefragt. Dieser Retrokult dürfte nicht zuletzt damit zu tun haben, dass die Tanzpaare einander beim klassischen Tango so nahe kommen wie bei keinem anderen Tanz: Die Umarmungen sind hier viel enger. So eng, dass sich Raquel nach einem einjährigen Besuch in Argentinien – dem Mutterland des klassischen Stils – ihrem Tanzpartner Ricardo viel verbundener fühlte. Bis heute tanzen die beiden nicht nur, sondern leben zusammen. Und haben eine Tango-Schule in Köln.


Entstanden ist der Tango zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter Einwanderern aus Europa und der Pampa in den Rotlichtvierteln von Buenos Aires. Die damalige Lage auf dem Markt der Geschlechter prägt den Charakter des Tanzes bis heute. Weil es weit mehr Männer als Frauen in den Bars und Ballrooms gab, entwickelte sich der typische Tangosound: Romantisch, schmachtend, zuweilen schwülstig. Im Mittelpunkt der oft larmoyanten Lieder stehen Verlassenheit und Vergeblichkeit, Eifersucht und Zorn. Die Texte versteht die Mehrheit der Tänzer hierzulande nicht. Aber die Stimmung der Musik fährt ihnen in die Glieder und entführt sie in eine Welt weit jenseits ihres Alltags. Denn mit seiner Melange aus emotionalem Sog und technischer Finesse erlaubt der Tango Herz wie Verstand kein Abschweifen von der Tanzfläche ins wirkliche Leben. So führt ein kurzer Weg von der Tristesse in den Immigrantenpuffs am Rio de la Plata zur Melancholie moderner Großstadtmenschen.


Wer Tangotänzern wie Raquel und Ricardo zuschaut, sieht ein komplexes Geflecht von Schritten und Figuren. Anders als in den anderen Paartänzen gibt es keine festgelegten Abläufe, nicht einmal ein selbstverständliches Tempo: Man kann auf jeden Taktschlag einen Schritt tun, aber auch zwei oder die Füße nur auf jedem zweiten oder vierten bewegen – und dazu eine schier unendliche Zahl von Kombinationen, Drehungen und Hakeleien mit den Beinen veranstalten. Dies choreografische Kamasutra führt die Tanzenden nicht nur in hoher Frequenz in die Tangoschulen, sondern vor allem in eine streng hierarchische Abhängigkeit voneinander. Er führt, sie folgt. „Im Normalfall übernimmt der Mann auf dem Parkett das Kommando. Die Frau führt nur Befehle aus“, erläutert Tango-Lehrerin Raquel.


Die psychologischen Erklärungsversuche für diesen weiblichen Hang zur Selbstaufgabe führen in eine ähnliche Richtung wie bei männlichen Spitzenmanagern, die es nach Dominas dürstet. Die beruflich und auch sonst erfolgreiche Dame möchte der Emanzipation entfliehen, sich fallen lassen und endlich mal wieder gezeigt bekommen, wo es lang geht.
Umgekehrt läuft mancher im alltäglichen Leben weniger reüssierende Mann als Teilzeit-Macho auf dem Parkett zur Höchstform auf – gerade weil er sich in den schwachen Part einfühlen kann. Beide genießen es dabei, sich nicht unter ihrem Niveau zu amüsieren, sondern frönen einem Vergnügen, dessen Vollendung unendliche Steigerung verspricht.


Das klassische Tanzhaltung im Tango ähnelt einem umgekehrten „V“: Frontal voreinander platziert, nehmen Mann und Frau sich eng in die Arme – er schlingt seinen rechten komplett um ihren Oberkörper, sie legt ihren linken auf oder über seine rechte Schulter. Ihre rechte Hand ruht in seiner erhobenen linken. Wange liegt an Wange. Oder aber Stirn seitlich an Stirn. Am weitesten bleiben die Füße auseinander: Sie brauchen Platz für Schritte und Figuren.


Erfahrene Tänzerinnen schließen die Augen. Ihre Sinne sind komplett auf den Führenden fokussiert, der wiederum vom Brustkorb bis zu den Ballen auf sie eingestellt ist, damit sein Körper ihre Schritte lenken kann. Stimmt die Verbundenheit innerhalb des Paares, nimmt sie die Intention eines Bewegungsimpulses schon wahr, noch ehe er ihn ausgeführt hat. Das lässt sich sportwissenschaftlich erklären – und bleibt dennoch irgendwie Tango-Magie. Und muss Teil dieses besonderen Gefühls sein, das Raquel beschreibt.


Die Wirkungsmacht des Zaubers beginnt schon vor dem ersten Schritt. Denn ähnlich wie, pardon, Hunde nur kurz an einander zu schnuppern brauchen, um ihrer Kompatibilität gewahr zu werden, reicht erfahrenen Tangueras und Tangueros – wie die Tango-Tänzer genannt werden – der taktile Ersteindruck: Sie vertraut sich ihm in der Aufstellung zum Tanz an. Er wiegt sie in Sicherheit, ohne sie übergriffig einzuengen. Wenn innerhalb weniger Sekunden der gewisse Ruck durch ihre Körper geht – oder eben nicht – wissen beide, ob sie einen stinknormalen Tanz beginnen oder ihnen etwas Außergewöhnliches widerfährt.


Jene Nähe erzeugt eine ungeheuere Intimität. Auf dem Parkett verschmilzt das tanzende Paar zu einem „Tangotier“ – mit einem Kopf, zwei Rücken und vier Beinen. Die erotische Provokation des Tangos wirkt umso faszinierender, als es sich um einen Gesellschaftstanz handelt: Selbst wer als Paar eine Milonga betritt, tanzt an einem Abend mit unterschiedlichen, zum Teil wildfremden Partnern. „Doch Tango ist ein sehr disziplinierter Tanz. Eifersucht spielt daher bei mir persönlich keine Rolle“, bekennt Raquel.


Tatsächlich hat die Tangotradition ein strenges Regelwerk. Erstaunlicherweise beginnt es mit einer Relativierung des Machismo. Zwar lässt der Mann auf der Suche nach einer passenden Partnerin den Blick durch den Tanzsaal schweifen. Aber es ist an den Frauen, den Kontaktversuch zu erwidern. Tun sie es nicht, wird er ein „Darf ich bitten?“ unterlassen. Zu Zeiten des Männermangels schlagen die Frauen allerdings eher selten die Augen nieder.


Aber unabhängig von der Marktlage bleiben sie es, die bestimmen, wem sie sich für die dreieinhalb Minuten eines Tangos ausliefern. Mehr noch: Indem sie sich ihm unterwirft, dient er ihrer Tanzlust. Zur sozial verträglichen Begrenzung suboptimaler Begegnungen, mehr aber noch zum Schutz vor einem Überschießen der getanzten Intimität ins wirkliche Leben, ist das Treffen limitiert. Nach drei oder vier Tänzen, einer „Tanda“, verwandelt sich das Tangotier zurück in zwei selbstständige Individuen – die auseinander gehen, Platz nehmen und nach einer Verschnaufpause aufbrechen zur nächsten Verschmelzung. Nur manchmal bleibt das Tangotier bestehen, so wie bei Raquel und Ricardo.

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Quelle: Onmeda

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