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Interview: Pirelli-Chef Hembery glaubt an Vettel

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Pirelli-Motosportchef Paul Hembey Foto: dpa
Pirellis Motorsport-Chef Paul Hembery muss sich dem Ärger der Fomel 1-Piloten aussetzen. Ganz bewusst gibt es in der neuen Saison Reifen, die deutlich schneller abnutzen. Sebastian Vettel ist für ihn der Reifenflüsterer der Formel 1.
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Herr Hembery, sind Sie noch glücklich mit Ihrem Job? Die Formel-1-Saison 2013 hat noch nicht richtig begonnen, und schon tobt wieder ein Reifenkrieg der speziellen Art. Die Fahrer ärgern sich bei den Testfahrten über schnell abbauende Pneus.

PAUL HEMBERY: Was sich während der Wintertests alljährlich wiederholt, ist ziemlich bizarr. Es war einfach zu kalt, die niedrigen Temperaturen beeinflussen die Funktion der Reifen. Wir haben sie unter den richtigen Bedingungen getestet, wir wissen, wie die Mischung arbeitet, und wir sind deshalb sicher, dass die Reifen unter korrekten Umständen funktionieren, ohne jedes Drama.

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Dennoch entsteht der Eindruck, dass die Reifen auch in dieser Formel-1-Saison wieder einmal die Schlüsselrolle spielen.

HEMBERY: Was heißt Schlüsselrolle? Wir sind seinerzeit vom Promoter und den Teams selbst aufgefordert worden, etwas Neues zu kreieren, um das Interesse zu steigern. Man wollte weg von Ein-Stopp-Rennen und verschleißarmen Reifen. Das sollte Vergangenheit sein, und wir sind dafür kritisiert worden, dass am Ende der vorigen Saison diese Verhältnisse zurückkehrten und es wieder langweilig zu werden drohte. Wir haben deshalb versucht, mit ein paar neuen Ideen die Teams vor eine neue Herausforderung zu stellen. Das Entscheidende dabei ist: Es ist für alle gleich. Es liegt nun an den Teams und Fahrern, die beste Vorstellung zu liefern.

Sie haben die Haltbarkeit der Reifen reduziert, mit anderen Worten bewusst manipuliert.

HEMBERY: Was die Mischung angeht, ja. Aber natürlich ist Zuverlässigkeit unserer Reifen außerordentlich, wir hatten in zwei Jahren keinen Versager. Alles andere liegt im Sinne der Kunst des Reifenbaus, die aus dem Weglassen oder Hinzufügen von Zutaten besteht.

Sie müssen mit der Kritik leben, dass die Pirelli-Reifen den Charakter der Formel 1 massiv verändern.

HEMBERY: Ich bezweifele, dass Kritik das richtige Wort ist, ich betrachte das als Kompliment von vielen Leuten weltweit. Im vergangenen Jahr waren die Autos leistungsmäßig sehr nahe beieinander, was natürlich auch notwendig ist, um aufregende Rennen zu kreieren. Wir haben unseren Beitrag dazu geleistet, was für einen Reifenhersteller wirklich nicht einfach ist. Wenn ein Fahrer gewinnt, bedankt er sich nie bei dem Reifenproduzenten, wenn das Team nicht gewinnt, wird oft dem Reifen die Schuld zugeschoben. Man muss bedenken, dass das Investment meiner Firma nicht gerade gering ist. Wenn niemand über dich redet, wird es schwer, das Investment zu rechtfertigen.

Michael Schumacher war 2012 Ihr prominentester Kritiker, Sie müssen froh sein über seinen Rücktritt.

HEMBERY: Nein, nein. Michael ist ein großartiger Champion und ein großartiger Fahrer. Er vertritt eine Philosophie, die sich von unserem Auftrag unterscheidet. Er weiß genau, dass wir in der Lage gewesen wären, das zu liefern, was er gebraucht hätte. Und am Schluss der Saison hatten wir ja extrem verschleißarme Reifen und Ein-Stopp-Rennen, also genau das, was viele langweilig nannten. Und vergessen Sie nicht, glücklich ist am Schluss nur der Sieger, die anderen geben Kommentare ab.

Ist das nicht ein fundamentaler Konflikt, wenn Vollblut-Rennfahrer Topspeed in jeder Kurve verlangen, aber Sie als Reifenhersteller sagen: Freundchen, fahre schonend.

HEMBERY: Jeder muss am Limit seines Pakets arbeiten, das ist in jedem Motorsport so, egal, ob Formel 1, MotoGP oder Rallye-WM. Das ist Teil der Herausforderung. Glauben Sie mir, wenn es keine Beschränkungen gäbe, könnten wir die Autos zehn Sekunden schneller machen.

Ihre Argumente wirken stichhaltig, führen aber automatisch zu der Frage: Wirkt es nicht lächerlich, wenn manche Teams 200 Millionen Euro in High-End-Technik investieren, die dann durch Gummi-Schnipsel eingebremst wird?

HEMBERY: Sie werden nicht gebremst! Es ist einfach die Herausforderung! Warum fragen Sie das eigentlich mich? Das war ja nicht unsere Entscheidung, wir haben nur das umgesetzt, worum wir gebeten wurden. Fragen Sie die Teams, ob sie bereit sind, etwas anderes zu verlangen. Wir liefern nur. Wenn die Teams unbedingt langweilige Rennen haben wollen, können wir auch das arrangieren.

Stimmt es, dass Sie auf die Verlängerung des Vertrags drängen?

HEMBERY: Alle sind glücklich mit unserem Engagement. Die Resonanz bei Öffentlichkeit und Fernsehen ist positiv, von einer negativ gestimmten Minorität mal abgesehen. Wir wollen in dem Sport bleiben und wenn wir eine Vereinbarung finden, die allen Partner dient, also den Veranstaltern, den Teams und uns - dann bleiben wir. Die Kosten müssen jedoch vertretbar sein, es geht um Business.

Sie sind in dem Städtchen Yeovil geboren. Bei Wikipedia kann man über Yeovil nachlesen, dass es dort einige lokale Berühmtheiten gibt, einen Rennfahrer namens Jamie ...

HEMBERY: ... Davies, ich kenne Jamie ...

... und die Schauspielerin Sarah Parish ...

HEMBERY: ... yes ...

... aber ...

HEMBERY: ... nichts über mich? ...

... nichts über Sie ...

HEMBERY (laut auflachend): ...ich glaube, weil ich nur als Baby dort war. Ich habe nicht lange da gelebt, ich verließ die Stadt mit sechs Monaten. Ich bin in Bristol aufgewachsen, das ist meine Heimat.

Es ist ein ziemlich langer Weg von der englischen Grafschaft Somerset nach Mailand, wo Sie seit über 20 Jahren arbeiten. Und wie wird man überhaupt Gummi-Experte?

HEMBERY: Ich habe Autos immer geliebt. Nach meinem Studium wollte ich in die Autoindustrie und entschied mich für die Reifensparte, denn Reifen braucht jedes Auto. Ich bekam einen Job und landete später bei Pirelli in Mailand.

Und Sie hatten keine Ambitionen, selbst Rennen zu fahren?

HEMBERY: Nein. Ich spielte Rugby. Fahren war eigentlich das Letzte, was ich wollte, denn ich habe festgestellt, dass ich mehr Mut als Verstand besaß, was beim Autofahren sehr gefährlich ist.

Als Alleinausrüster sind Sie eigentlich zur Objektivität verpflichtet, aber verraten Sie bitte trotzdem, wer Ihr Lieblingspilot ist.

HEMBERY: Sie haben ja schon erwähnt, dass ich aus Yeovil in Somerset stamme. Jenson Button kommt auch aus Somerset. Also sage ich: Jenson.

Und wer ist der beste sogenannte Reifenflüsterer der Formel 1?

HEMBERY: Ich tendiere zu Sebastian Vettel, er hat drei Titel in Folge gewonnen, also muss er mit den Reifen gut klarkommen.

Wer wird Weltmeister 2013?

HEMBERY: Ich wäre froh, wenn ich das wüsste. Im vorigen Jahr habe ich Wetten abgeschlossen und keine einzige gewonnen ...

... keine einzige ...?

HEMBERY: ... leider habe ich gewettet, Michael Schumacher würde ein Rennen gewinnen. Er hätte es in Monaco geschafft, wenn er nicht wegen des Unfalls in Barcelona mit dem Verlust der Pole-Position bestraft worden wäre. Das hat mich 200 Pfund gekostet. Egal. Ich denke, Vettel wird wieder stark sein. Ein Sieger-Team, große Erfahrung, schwer zu schlagen. Die Außenseiterwette würde ich auf Lewis Hamilton und das Mercedes-Team platzieren.

Das Gepräch führte Olaf Bachmann

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