26.09.2016
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Weinkolumne: Was biodynamischen Weinbau ausmacht

Demeter-Weinbau setzt nicht auf ewige Optimierung.

Demeter-Weinbau setzt nicht auf ewige Optimierung.

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Kneschke/Fotolia

Noch vor 20 Jahren wurden Winzer, die den landwirtschaftlichen Empfehlungen des Anthroposophen Rudolf Steiner folgten, als esoterische Öko-Krieger belächelt. Gelächelt wird heute nicht mehr. Besonders, seitdem eine Welle von Spitzenbetrieben, darunter Top-Châteaux in Bordeaux oder das Champagnerhaus Roederer, auf diese ökologische Wirtschaftsweise umgestellt haben.

Was ist so besonders?

Die älteste Ökobewegung entstand als Antwort auf die Industrialisierung der Landwirtschaft. Diese setzte im 20. Jahrhundert ein und wird von der vom Dualismus bestimmten Agrarwissenschaft geprägt, die die Natur auf chemische und physikalische Prozesse reduziert. Hinzu kommt die ökonomische Lehre, die den Umgang mit Lebewesen auf das rein Wirtschaftliche beschränkt. Entscheidend wirkt sich die Entwicklung des „Haber-Bosch-Verfahrens“ 1916 aus, mit dem es möglich wurde, künstlich Stickstoff zu erzeugen und so in großen Mengen mineralischen Dünger zu verteilen, was den Nutzpflanzen vorher nur durch geschickt geplante Fruchtfolgen und enger Verknüpfung von Viehwirtschaft und Ackerbau zur Verfügung stand. Die Industrialisierung wischt das über Jahrtausende hinweg gesammelte Wissen der Landwirte im Sinne der Optimierung weg, und es beginnt der fatale Negativkreislauf, der uns heute mit Lebensmittelskandalen in Atem hält und den aufmerksame Landwirte schon Anfang des 20. Jahrhunderts erkennen konnten.

Natürliche Bodengesundheit

Im Jahre 1924 hielt der Sozialreformer und Schulgründer Rudolf Steiner auf Drängen von besorgten Bauern Vorträge, die den Grundstein für die biologisch-dynamische Bewegung legten. Daraus entstand wenig später die Organisation Demeter, die heute unter anderem Bauern und Winzer nach den biologisch-dynamischen Richtlinien zertifiziert. Steiner gibt Empfehlungen, etwa für den natürlichen Erhalt der Bodengesundheit und -fruchtbarkeit, die sein enormes, altes Wissen verraten. Hinzu kommen die geisteswissenschaftlichen Grundlagen.

Rudolf Steiner

Denn für Steiner lässt sich die Natur eben nicht nur wissenschaftlich erklären, sondern es fließen auch subjektiv sinnliche Eindrücke in die Erkenntnis ein. Das erklärt, warum er etwa den Sternenlauf in die Arbeit einbezieht oder homöopathische Hilfsmittel empfiehlt, die man sich anfangs nicht erklären kann – die aber trotzdem wirken. So schwärmen Winzer vom Humusaufbau und vitalerem Bodenleben, seitdem sie den mit Kuhmist und homöopathischen Präparaten versetzten Kompost in ihren Weinbergen ausbringen. Ein lebendiger, humusreicher Boden ist gerade in Zeiten des Klimawandels wichtig, weil dieser mehr Wasser speichern kann und damit besser für Wetterextreme gerüstet ist – um nur ein Beispiel zu nennen. Die Erfolge, die sich mit dieser Wirtschaftsweise erzielen lassen, sind ein Grund, warum es einen eindeutigen Trend dazu gibt.

Es ist aber auch ein Verdacht, den viele von uns nie ganz losgeworden sind, nämlich dass es doch größere Zusammenhänge in der Natur gibt, als es die Wissenschaft zu erklären vermag. Am Ende ist die Biodynamik ein Weg, sich Gefühl, Erfahrung und das alte Wissen über die Natur wieder zu erarbeiten.


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