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Interview: „Man kämpft - bis zum Ende“

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Florian Pöttinger (l.) und Olaf Thon. Foto: Rainer Dahmen
Florian Pöttinger hatte gerade mit dem Sportstudium begonnen, als die Ärzte bei ihm Krebs diagnostizierten. Den Traum, mit Olaf Thon eines seiner Vorbilder zu interviewen, hat er sich noch erfüllt. Vor wenigen Tagen ist Pöttinger verstorben.
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Köln

Vorbemerkung der Redaktion: Wenige Tage nach der ersten Veröffentlichung des Interviews auf ksta.de ist Florian Pöttinger verstorben.

Herr Thon, ich würde gerne über Pläne und Ziele sprechen und wie das ist, wenn man sie erreicht oder nicht. Sie hatten als Fußballer eine Traumkarriere, mit 17 Jahren waren Sie zum ersten Mal als Profi im Einsatz, für Schalke in der zweiten Liga.

Olaf Thon: Ja, und das war damals eine absolute Ausnahme. Die Mannschaft, mit der Dortmund jetzt Meister geworden ist, hatte ein Durchschnittsalter von 23. Aber als wir in Mexiko bei der WM 1986 antraten, war der Durchschnitt bei knapp 30 Jahren, vier Jahre später, als wir Weltmeister wurden, lag der Schnitt immer noch bei 28 Komma irgendwas. Erst seit ein paar Jahren gibt man in Deutschland – auch aus finanziellen Gründen – gezielt jungen Talenten mehr Chancen, Leuten wie Reus, Götze, Draxler, Müller... Besser geht es kaum, wir sind da international führend.

Sie waren sehr oft verletzt.

Thon: Verletzungen zogen sich wie ein roter Faden durch meine Karriere. Deshalb habe ich es nicht auf 150 Länderspiele gebracht wie Lothar Matthäus. Verletzungen haben letztlich meinen Wunsch verhindert, ins Ausland zu gehen. 1988, als Schalke abstieg, war das Thema aktuell, ich hatte schon Italienisch gelernt. Verona war im Gespräch, auch Spanien, Atletico Madrid – aber eben nicht die Riesenkracher, nicht Real Madrid oder der AC Milan. Uli Hoeness hat mich damals überredet, zu den Bayern zu kommen. Er war sehr hartnäckig, hat oft angerufen, mich überzeugt. Ich habe die Entscheidung nie bereut.

Welche Verletzung haben Sie als besonders einschneidend empfunden?

Thon: Ich hatte über zehn Operationen. Die einzig problematische Sache ist aber mein großer Zeh. Mit zehn Jahren bin ich in die Erde getreten, hatte eine Knochenabsplitterung und mit 17 eine Arthrose. Mit 16 haben mir die Ärzte gesagt, mit Fußball sei Schluss.

Wenn man ein Ziel hat, kämpft man dafür. Wenn man so kurz vor der Profikarriere steht, dann beißt man sich eben durch.

Thon: Obwohl Dir einer sagt: Hör auf! Es geht nicht! Aber man hat ein Ziel und kämpft, bis zum Ende.

Bis zum Ende, ja. Mir haben die Ärzte gesagt: Es ist im Prinzip vorbei, Sie kriegen palliative Chemo gegen den Krebs. Die Hoffnung gibt man aber nie auf. Ich denke, das ist gerade im Profisport auch eine der wichtigsten Tugenden: Nie sein Ziel aus den Augen zu lassen.

Thon: Jeder ist anders und geht anders damit um. Aber genau, diese Power muss man haben. Verletzungen haben mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen geholt, ich habe wohl auch deshalb nicht abgehoben. In meiner Jugend war ich kein Läufer. Durch die vielen Verletzungen war ich aber so froh, überhaupt auf dem Laufband zu sein und mich wieder heran zu kämpfen, zurück in die erste Elf. Das hat dazu geführt, dass ich gegen Ende der Karriere, mit 30, sogar Spaß am Laufen fand und danach Marathons gelaufen bin. Verletzungen öffnen auch wieder andere Türen.

Verletzungen können einen auch runterziehen. Haben Sie psychologische Hilfe benötigt, um diese anderen Türen zu sehen?

Thon: Nein, zum Glück nicht.

Und die Rolle der Familie?

Thon: Ist wichtig. Obwohl meine Frau immer frecher wird... Wichtig ist die Grundeinstellung: Für mich ist das Glas immer halb voll. Das will ich meinen Töchtern und meinen Spielern beibringen. Das gilt, auch wenn man sich mal unten fühlt. Man kann mal müde sein, aber man muss wieder aufstehen.

Für mich ist neben der Familie auch meine Freundin sehr wichtig. Wir sind jetzt sieben Monate zusammen. Trotz der harten Zeit ist sie für mich eine weitere Motivation, noch ein Ziel mehr. Man weiß, weshalb man sich jeden Tag bewegt und aufsteht.

Thon: Sie muss ein toller Mensch sein.

Ja, herzensgut – was ist Ihr Ziel?

Thon: Aus meiner Sicht wäre jetzt, nach knapp drei Jahren, eine Rückkehr zu Schalke eine Möglichkeit, ich habe darüber aber noch mit keinem der Verantwortlichen gesprochen. Vielleicht ergibt sich eine Möglichkeit, sich zu entwickeln und irgendwann den Traum Bundesligatrainer doch noch anzugehen. Ich werde jetzt in diesen Tagen grübeln und Gespräche führen. Ich habe mich immer auch für anderes interessiert als für Fußball, war in Aufsichtsräten – bei einer Computerfirma, aber auch bei Schalke. Ich habe nie alles auf die Karte Fußballtrainer gesetzt, weil man da in einem Abhängigkeitsverhältnis steht. Ich wollte immer meine Freiheit haben.

Sie haben aber frühzeitig einen Trainerschein gemacht.

Thon: Ja, gleich als ich 2002 als Profi aufhörte. Aber im Nachhinein betrachtet, habe ich viel zu spät begonnen, das auch mit Leben zu füllen. Ich habe nach der Profi-Karriere vor allem im Management gearbeitet als Berater und im Marketing. Dort habe ich viele Erfahrungen gesammelt. Das hätte ich aber auch als Trainer tun sollen. Weil ich das nicht gemacht habe, fasse ich heute nur schwer im Trainergeschäft Fuß. Zutrauen würde ich mir das schon. Ob es soweit kommt, wird sich in den nächsten drei bis fünf Jahren zeigen. Ich bin Optimist und Realist, die Chancen sind unter 50 Prozent.

Waren Sie im Gespräch bei Schalke, um Huub Stevens abzulösen?

Thon: Nein, dieses Mal nicht. Man sollte aktuell einschlägig tätig sein – bei den Amateuren oder im Jugendbereich, zum Beispiel bei Schalke. So wie Stevens’ Übergangsnachfolger Jens Keller, der zuvor bei Schalke die U17 trainierte. Oder wie Mike Büskens, Trainer von Greuther Fürth, und Armin Veh von Eintracht Frankfurt, die wohl auch Kandidaten für die endgültige Nachfolge sind. Gegen solche Leute habe ich eigentlich keine Chance, weil ich nichts vorweisen kann wie: Abstieg verhindert, Aufstieg geschafft. Die besten Karten haben zudem die Leute, die Manager Horst Heldt gut kennt und mit denen er sich eine Zusammenarbeit vorstellen kann.

Als Trainer gearbeitet haben Sie schon: Sie haben von Februar 2010 an den NRW-Ligisten VfB Hüls trainiert und sind im September wegen Differenzen mit älteren Spielern in der Mannschaft zurückgetreten.

Thon: Ich bin ein Typ, der über Negatives nicht lange nachdenkt und schnell vergessen kann. Unterm Strich muss ich sagen, ich hätte länger bleiben sollen. Es gab vieles, das gut lief, aber auch anderes. Die Spieler wollten nur dreimal pro Woche trainieren, ich viermal, der Verein war in Geldnot, und ich habe Fehler gemacht in der Reihenfolge, wie ich Personalentscheidungen getroffen habe.

Und nun: Möchten Sie im Management bleiben oder als Trainer arbeiten?

Thon: Im neuen Jahr möchte ich auf alle Fälle wieder als Trainer arbeiten und habe auch ein paar Gespräche gehabt im unterklassigen Bereich, zum Beispiel in Schermbeck, wo ich wohne.

Empfehlen Sie rückblickend, wenn sich das Talent abzeichnet, alles auf die Fußballkarriere zu setzen?

Thon: Nein, ich empfehle: Schule, Schule, Schule. Es gibt mittlerweile Schulen, deren Stundenplan speziell zusammengestellt ist wie die Gesamtschule Berger Feld in Gelsenkirchen – eine Eliteschule für Fußball, wo ich auch Manuel Neuer trainiert habe. Grundlage ist die Kooperation der Schule mit Schalke. Da werden Schule und Fußball so verbunden, dass beides optimal gefördert wird.

Man muss auch an die Karriere nach der Karriere denken.

Thon: Genau, das ist ganz wichtig. Ich hatte das Glück, 19 Jahre lang Profi zu sein. Aber es kann auch anders kommen.

Das Gespräch wurde geführt von Florian Pöttinger und aufgezeichnet von Marlis Prinzing

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