Fußball
Nachrichten aus der Fußball-Bundesliga

Vorlesen
0 Kommentare

Oliver Kahn: „Wir sind doch alle ein bisschen eitel“

Erstellt
Oliver Kahn als TV-Experte bei einem Champions League-Spiel seines langjährigen Clubs Bayern München.  Foto: dapd
Der ehemalige Nationaltorwart Oliver Kahn hat umgeschult auf TV-Experte — und macht neuerdings auch Werbung für einen Diät-Anbieter. Im Interview mit ksta.de spricht er über Genuss und Gewicht, gesunden und falschen Ehrgeiz.  Von
Drucken per Mail

Oliver Kahns Werbepartner dürfen zufrieden sein. Der pensionierte Nationaltorwart zeigt sich dermaßen begeistert vom Konzept eines Diät-Unternehmens zur Gewichtskontrolle, als hätte er nur darauf gewartet, endlich Ernährungspunkte zählen zu dürfen. Auch im Leben nach dem Sport nimmt er das, was er tut, enorm wichtig. Auf die eigens mitgebrachte Personenwaage mag sich Kahn dann allerdings doch nicht begeben. Seine schwere Lederjacke, sagt er, würde das Ergebnis ja sowieso verfälschen.

Herr Kahn, wann haben Sie zuletzt auf der Waage gestanden?

OLIVER KAHN: Vorgestern.

Was hat sie angezeigt?

KAHN: Dass ich mich wieder meinem früheren Kampfgewicht annähere – langsam, aber sicher. Das ist ein gutes Gefühl. Dass ich zwischendurch mehr auf die Waage gebracht habe ich als normal empfunden, da ich nach meinem Karriere-Ende genauso weiter gegessen habe wie während meiner aktiven Zeit.

Das heißt vor allem: Kohlenhydrate en masse?

KAHN: Als Leistungssportler sind diese notwendig. Inzwischen habe ich ein Unternehmen mitaufgebaut und ein Studium abgeschlossen. Sehr viel sitzen und denken und weniger laufen und trainieren. Am Anfang merkst du das gar nicht, dass du an Gewicht zulegst. Aber dann kommt der Zeitpunkt, an dem die Kleidung nicht mehr richtig passt, es hier und da zwickt. Der österreichische Tennis-Profi Thomas Muster hat mal erzählt, als er irgendwann ein aktuelles Foto von sich in der Zeitung gesehen habe, da habe es ihm endgültig gereicht.

Der Eitelkeits-Faktor?

KAHN: Wir sind doch alle ein bisschen eitel. Ich habe das Glück, dass sich die Pfunde bei mir ziemlich gleichmäßig verteilen da sieht man es nicht so extrem. Es geht darum, sich wohlzufühlen in seiner Haut. Und du merkst es eben auch gesundheitlich, wenn du zehn Prozent deines Körpergewichts zulegst.

Wie denn?

KAHN: Beim Sport zum Beispiel: Gelenke, Wirbelsäule – die sind einfach viel stärker belastet. Eine andere Sache ist die Konzentration. Ich hätte das nicht gedacht, aber mit weniger Gewicht fühle ich mich frischer und bin schneller im Kopf.

Wie mag ein Helmut Kohl dann 16 Jahre das Land regiert haben?

KAHN: Der war seine zwei Zentner plus gewohnt. Ich war immer austrainiert. Ein so austrainierter Körper muss erst einmal fertig werden mit den zusätzlichen Kilos.

Von Ihrem früheren Torwart-Kollegen Bobby Dekeyser habe ich mal Ernährungspläne aus seiner aktiven Zeit gesehen. 8 Uhr morgens das und so. 12 Uhr soundso viel. Das hatte schon etwas Zwanghaftes. War das bei Ihnen auch so? Dieser penible Umgang mit Essen und Trinken?

KAHN: Bei mir weniger. Viele denken vielleicht Profi-Fußballer wüssten besonders gut Bescheid über Ernährung. Das stimmt aber nicht unbedingt. Letztlich zählte immer nur die Waage. Beim FC Bayern war es so, dass wir jede Woche unser Gewicht angeben mussten. Das wurde überprüft, und du musstest schauen, dass du dein Gewicht hältst und nicht groß drüber liegst. Sonst gab’s eine Geldstrafe.

Echt? Wie hoch?

KAHN: Das war gar nicht mal so wenig. Der Wiegeappell war immer dienstags. Montags wäre auch unfair gewesen. Nach dem Spiel geht man am Wochenende ja schon mal gut essen. Sonntag dann Familientag – wie’s halt so ist.

Beim Boxen können ein paar hundert Gramm über die Gewichtsklasse entscheiden. Für die Skispringer hängt die Weite unmittelbar vom Gewicht ab. Aber beim Fußball – warum diese Akribie?

KAHN: Weil auch im Fußball Top-Leistung nur bei Top-Form möglich ist. Nur: Als junger Mann interessierst du dich nicht wirklich für Ernährungsphysiologie:  Was sind wertvolle Nährstoffe? Was lasse ich lieber weg? Wie ist es mit Fleisch, mit Zucker, mit Früchten. Darauf habe ich früher nicht besonders geachtet. Durch Weight Watchers hat sich das geändert, jetzt habe ich ein genaues Bild davon, welche Lebensmittel wirklich für meinen Körper in meiner jetzigen Lebenssituation gut sind.

Wir reden jetzt immer vom Zählen, Rechnen, Messen. Das passt zu einem so auf Wille und Leistung getrimmten Menschen, wie Sie einer sind. Aber wo bleibt der Genuss?

KAHN: Ich bin ein großer Genussmensch. Nur: Was ist denn Genuss? Dass ich solange esse bis ich nicht mehr kann? Eben nicht - und das habe ich vor allem in letzter Zeit gelernt. Abends gönne ich mir auch mal etwas, z.B. einen oder zwei Schokoküsse. Was glauben Sie, wie ich mir die am Ende des Tages schmecken lasse! Aber eben nicht fünf Stück. Das nenne ich wahren Genuss.

Immer mit dem inneren Antreiber im Nacken: Reiß dich zusammen, achte auf das, was du isst?

KAHN: Ein bisschen Anstrengung gehört schon dazu, wenn du dir vornimmst, ein bestimmtes Gewicht zu erreichen.

Wie ist das denn bei Ihrer Frau? In der Modelbranche geht es ja nicht bloß um Kilos, sondern um jedes Gramm.

KAHN: Wichtig ist, dass man Unterstützung hat. Jemanden an der Seite zu haben, der auch noch selber mitmacht – das hilft natürlich. Also mir jedenfalls.

Jetzt stehen die Weihnachtsfeiertage bevor – mit viel Essen, vielen Süßigkeiten. „Das große Fressen“, sagen manche. Eine Horrorvorstellung für Sie?

KAHN: Nein. Beim bewussten Essen geht es darum, den Moment herauszufinden, wann du satt bist. Also nicht erst, wenn du fast platzt, sondern wenn du denkst, „es ginge vielleicht noch was, aber eigentlich reicht es mir jetzt auch“. Diesen Punkt musst du spüren lernen. Aber das heißt nicht, dass man nicht auch mal locker lassen dürfte. Und Weihnachten – da schlägt man dann halt zwei Tage über die Stränge. Das ist nicht das Problem.

Wie läuft das Weihnachtsfest ab im Hause Kahn?

KAHN: Relativ traditionell.

Nämlich?

KAHN: Da gibt es zum Beispiel Lachs, Kartoffelsalat, Wiener Würstchen und natürlich die Weihnachtsgans. Alles Dinge, stelle ich gerade fest, die im Ernährungsplan ziemlich heftig zu Buche schlagen. Genau wie das Weihnachtsgebäck, Lebkuchen beispielsweise. Fünf Stück davon  und Sie haben Ihre Tagesration an Punkten zur Hälfte verbraucht. Verzichten werden wir darauf an Weihnachten trotzdem nicht. Garantiert!

Aber am dritten Feiertag wachen Sie dann morgens auf und denken, verdammt noch mal, jetzt muss ich das alles wieder von den Rippen kriegen?

KAHN: Nein, Genuss ohne Reue! Nach Weihnachten reiße ich mich dann halt wieder ein bisschen mehr zusammen. Aber auch da: ohne Zwang, ohne Nulldiät, die eh zu nichts führt außer zum Jojo-Effekt.

Sie klingen ganz locker. Sind Sie heute entspannter als früher?

KAHN: Grundsätzlich war ich schon immer relaxed.

Mir fallen bestimmte Ausraster und Spielszenen ein, bei denen ich das vehement bestreiten würde.

KAHN: Für einen Torwart geht es auf dem Platz nicht unbedingt relaxed zu. Das ist ein harter Job, der einen immensen Aufwand erfordert, um über 20 Jahre hinweg ein hohes Level aufrechterhalten zu können. Aber wenn man als Torwart seine Karriere beendet, so wie ich 2008, und danach nicht ein Stück gelassener wird, dann läuft etwas extrem verkehrt.

In einem Ihrer Bücher haben Sie unterschieden zwischen dem Wettkampf-Ich, dem privaten Ich und der Ware Ich. Wenn Sie sich selbst als entspannten Menschen beschreiben – hat das damit zu tun, dass wir von außen nie das private Ich zu sehen bekommen haben?

KAHN: Es ist völlig ausreichend, wenn den privaten Menschen meine Familie und meine Freunde kennen. Um über 14 Jahre den hohen Ansprüchen beim FC Bayern München gerecht zu werden entwickelte ich ein „Wettkampf-Ich“. Das ist aber in jedem anderen anstrengenden Beruf ähnlich. Im Job zeigen die Leute ein anderes Gesicht als zuhause. Deshalb habe ich in meinem Buch „Ich. Erfolg kommt von innen“, das Sie erwähnen, diese verschiedenen Ich-Rollen definiert. Das hat auch nichts mit Persönlichkeitsspaltung zu tun.

Sondern?

KAHN: Es kann einem helfen, sich auf Situationen einzustellen, die einen total fordern. Dann baue ich innerlich alles auf, was ich für eine erfolgreiche Bewältigung der Situation brauche. Aber wenn der Tag oder der Wettkampf dann vorbei ist, bin ich wieder ein ganz normaler Mensch. Viele Sportler erkennen Sie nicht wieder, wenn Sie sie mal privat erleben würden.

Bedauern Sie, dass Ihr Bild in der Öffentlichkeit demnach so einseitig vom Wettkampf-Kahn-Ich geprägt ist – verbissen bis an die Grenze des Besessenen?

KAHN: Nein, weil es noch nie mein Bestreben war, der Sympathikus zu sein. Wichtiger ist mir immer der Respekt gewesen, den man mir entgegengebracht hat. Sympathie erreichen zu wollen, halte ich für einen sehr fragwürdigen und auch verzweifelten Akt. Menschen, die dieses Ziel anstreben, haben es meines Erachtens schwer, weil sie dieses Ziel kaum erreichen können. Wer immer versucht sympathisch sein zu wollen neigt zur Anbiederung, was denjenigen dann schon wieder unsympathisch macht...

In seiner aktiven Zeit hatte Oliver Kahn oft mit Anfeindungen zu kämpfen - und bei Auswärtsspielen mit fliegenden Bananen.
In seiner aktiven Zeit hatte Oliver Kahn oft mit Anfeindungen zu kämpfen - und bei Auswärtsspielen mit fliegenden Bananen.
Foto: dpa

Sie waren zeitweilig das Ziel von Spott und Häme, dann aber  der große Held. „King Kahn“, der „Titan“ und wie Sie sonst noch genannt wurden. Ein solcher Gegensatz trotz gleich guter Leistung – zeigt das nicht, dass es um mehr geht als um „Respekt“?

KAHN: Der Kern ist die Anerkennung, nach der alle Menschen, wenn sie ehrlich sind, streben. Nach der Weltmeisterschaft 2002 in Südkorea und Japan haben die Leute anerkannt, was ich sportlich geleistet habe. 2006 bei der WM in Deutschland haben sie respektiert, dass ich mich der Situation gestellt habe, nicht mehr die Nummer eins im Tor zu sein; dass ich mich auf die Bank gesetzt und versucht habe, mich trotzdem positiv in die Mannschaft einzubringen. Das sind die Dinge, die mir wichtig sind im Leben.

Nach dem Ende Ihrer Aktiven-Laufbahn haben Sie von einer dreijährigen Orientierungsphase gesprochen. Die drei Jahre sind vorbei. Was ist das Ergebnis?

KAHN: Schon mein MBA-Studium hatte ich mit dem Ziel aufgenommen, stärker unternehmerisch tätig zu sein. Zwischenzeitlich habe ich die „Oliver Kahn Stiftung“ gegründet und mit meinem langjährigen Freund und Partner Dr. Peter Ruppert die Titaneon Media AG - aufgebaut. Wir betreiben die Internet-Plattform „Fanorakel“ und bilden  permanent die Meinung der Vielen zum Thema Fußball ab. Darüber hinaus analysiere ich als ZDF-Experte die Spiele der Nationalmannschaft und die Champions League. Gemeinsam mit meinen Werbepartnern versuchen wir spannende und emotionale Inhalte zu generieren, um einen zusätzlichen Mehrwert für beide Seiten zu schaffen. Das geht weit über das klassische Testimonial-Business hinaus.

Wie meinen Sie das?

KAHN: Heute geht es mehr darum sich auf Basis seiner Kernkompetenzen, bei mir ist das ja der Fussball, weiterzuentwickeln und zusammen mit seinen Partnern Projekte umzusetzen von denen im Idealfall beide Marken profitieren können.

Was Sie einmal Vermarktung der eigenen „Heritage“, Ihres „Erbes“ bezeichnet haben?

KAHN: Es geht darum, das im Sport Erreichte sinnvoll in das danach folgende Leben zu transferieren.

Wäre der sinnvollste Transfer nicht doch das Sport-Management, wie es viele andere von Ihren ehemaligen … Oh, Sie schmunzeln schon, noch ehe die Frage beendet ist?

KAHN: Ich weiß, was jetzt kommt: Trainer, Sportdirektor, usw.. Sicherlich ist es immer reizvoll ins Fussballgeschäft zurückzukehren. Aber ich habe wie bereits erwähnt viele Aufgaben, die mich voll fordern und auf die ich mich konzentriere. Aus all diesen unterschiedlichen Tätigkeiten ein großes Ganzes zu machen, das ist eine echte Herausforderung.

Als Sport-Kommentator verbreiten Sie Weisheiten und guten Rat, wovon Sie früher vielleicht selbst gesagt hätten, „geh mir bloß weg mit diesem Gequatsche!“

KAHN: Natürlich habe ich mich über Kritik, vor allem wenn sie unberechtigt war geärgert.

Ein O-Ton aus der damaligen Zeit?

KAHN: Als Spieler haben wir uns manchmal aufgeregt über diese Experten und was sie wieder mal ganz besonders genau erkannt haben wollten. Nun bin ich selbst ja noch nicht so weit weg vom Fussball.Ich weiß also schon noch was die Jungs unten auf dem Platz denken und fühlen, was den Trainern durch den Kopf geht. Wenn Sie meine Expertenrolle verfolgen, werden Sie feststellen: Es geht mir nicht darum, Leute in die Pfanne zu hauen oder durch provokative Aussagen Schlagzeilen zu erzeugen. Ich übe keine Kritik um der Kritik willen, sondern versuche Lösungen anzubieten. Und da kann ich natürlich aus meinem reichen Erfahrungsschatz schöpfen – ohne die Anmutung des Besserwissers, der immer und überall seinen Senf dazugeben will.

Sie wurden anfangs und werden manchmal immer noch mit Jürgen Klopp verglichen, der vor Ihnen die Länderspiele kommentiert hat. Vom „Anti-Klopp“ war bisweilen die Rede. Als jemand, der vor allem „Respekt“ für die ureigene Leistung haben will – wie gehen Sie mit damit um, an einem anderen gemessen zu werden?

KAHN: Ich habe das überhaupt nicht so empfunden. Jürgen Klopp hat den Job auf seine Art gemacht, ich auf meine. Wieso sollte ich mich an ihm orientieren? Gott sei Dank werde ich anders wahrgenommen. Ich bin jetzt seit 2008 dabei, habe gerade meinen Vertrag bis 2015 verlängert. So ist das eben in der Medienwelt. Dem einen gefällt die Nase besser, dem anderen wiederum eine ganz andere. Und daran sehen Sie auch wieder, wie unmöglich das reine Streben nach Sympathie ist.

Sie sind von dem, der von den Medien beleuchtet wird, zu einem Teil der „dunklen Seite der Macht“ geworden, die die Medien haben. Was haben Sie dadurch Neues über diese Machtmaschinerie gelernt?

KAHN: Ich sehe mich ganz bestimmt nicht als Teil der "dunklen Seite der Macht" der Medien. In meiner Zeit als aktiver Spieler haben wir manche Medien oder bestimmte Journalisten zu persönlichen Feindbildern erkoren. Das hatte sogar etwas Motivierendes – kurzfristig. Langfristig eher weniger. Ich habe die Medienarbeit schon als Spieler immer ganz gut verstanden.

Nämlich wie?

KAHN: Schneller sein als die Konkurrenz. Zuspitzen, um die Aufmerksamkeit zu erhöhen. Reibungsenergie erzeugen, um die Maschine am Laufen zu halten.

Wieso?

KAHN: Weil wir bei „Titaneon Media“ einen neuen Medienansatz verfolgen.

Das klingt, als wollten  Sie den Stein der Weisen gefunden haben.

KAHN: Indem wir bündeln, was Fußballinteressierte über sämtliche Themen rund um den Fußball denken, bilden wir Resonanzmuster ab. Dadurch generieren wir einen neuartigen publizistischen Rohstoff: die Meinung der Vielen. Daraus lässt sich eine Menge machen. Ich betrachte die Meinung der Fans, vergleiche sie mit der veröffentlichten Meinung in den Medien und entwickle zwischen beiden eine eigene Position beispielsweise in meinem Blog bei Bild.de.  Diesen Ansatz, Orientierung zu geben, halte ich für relativ neu und zukunftsweisend, da die Meinungsmacht der Medien zusehends schwindet.

Ist das aus Ihrer Sicht eine positive Entwicklung?

KAHN: Das kommt darauf an. Ich will den Medien nicht unterstellen, sie hätten ihre Macht missbräuchlich eingesetzt. Aber die Gefahr ist ebenso gegeben wie der Versuch, Meinungsmacht zu kaufen, sich Meinungen machen zu lassen. Die Erfolgsaussichten solcher Manipulationen sind umso geringer, je größer die Zahl der Informationskanäle ist, je umfassender die Möglichkeiten der Meinungsbildung. Was liegt dann näher, als sich die Meinung der Vielen einzuholen.

Ihren Blog schreiben Sie für die Bild-Zeitung. Mehr geballte Meinungsmacht als dort gibt es im deutschen Fußball kaum irgendwo sonst.

KAHN: Ich glaube, auch das ist nicht mehr ganz so wie früher. Ich merke das daran, dass ich in meinem Blog schreiben kann, was ich möchte. Und dass von Seiten der Bild Widerspruch sogar erwünscht ist, wenn sie etwas schreiben, was nicht unbedingt meiner Meinung entspricht.

Gab’s diesen Fall schon?

KAHN: Interessanterweise noch nicht. Aber wenn er eintreten sollte, werde ich bloggen, wie ich zu diesem Thema stehe. Schon den Verzicht auf jede Vorgabe halte ich für ein deutliches Zeichen des weiter fortschreitenden Wandels der Medienlandschaft.

Sie betreiben einen Mordsaufwand, um Meinungen zu erfahren – über Fußball! Als ob das für die Gesellschaft das wichtigste Thema überhaupt wäre. Ist das nicht auch eine Art Manipulation, die Suggestion nämlich, die Zukunft der Gesellschaft würde auf dem Platz entschieden.

KAHN: Das glaube ich nicht. Schauen Sie sich an, welche Breitenwirkung der Fußball inzwischen hat. Er ist von einem fast reinen Männersport zur Familiensache geworden. Männer, Frauen, Väter, Mütter, Kinder – alle gehen ins Stadion und fiebern mit. Bei vielen muss man den Eindruck gewinnen, Fußball sei ernster als Politik.

Ja, eben!

KAHN: Nur: Wenn das so ist, können Sie das doch nicht einfach ignorieren und so tun, als spielten die Emotionen und Meinungen der Menschen zu einem so massen-affinen Thema keine Rolle. Jetzt könnten Sie sich hinstellen, mit den Füßen auf den Boden stampfen und sagen: „Ist nicht erwünscht! Hat nicht stattzufinden!“ Aber so funktioniert das nicht. Die Entscheidung darüber muss man schon jedem selbst überlassen. In vielen Bundesliga-Vereinen entsteht der Eindruck, dass diese die Bedeutung der neuen Meinungsmacht der Fans noch nicht in Gänze erkannt haben. Es mangelt an Strategien, sie in die Vereinspokitik sinnvoll zu integrieren.

Nennen Sie ein Beispiel, bitte.

KAHN: Betrachten wir beispielsweise ein ganz anderes Thema: Stuttgart 21. Da gab es Demos, Debatten in den Zeitungen und im Internet, Shitstorms – ich weiß nicht, was alles. Unendlich viele Meinungen jedenfalls, bei denen einen das Gefühl beschlichen hat, die Baden-Württemberger seien annähernd geschlossen gegen diesen neuen Bahnhof. Aber woher sollte ich wissen, ob das stimmt? Braucht es nicht Mechanismen, mit denen die Relevanz der verschiedenen Meinungsäußerungen gewichtet werden kann?

Unbedingt. Wahlen zum Beispiel.

KAHN: Vor den Wahlen aber sind es oft die Medien, die Themen setzen. Unabhängig davon, ob sie damit Interessen und Stimmungslagen der Menschen wirklich treffen. Da bin ich dann wieder bei Stuttgart 21: Als die Volksabstimmung kam, ging das Neubauprojekt ganz locker durch. Oder nehmen sie das aktuelle Beispiel um die Diskussion des neuen Sicherheitskonzeptes im deutschen Fussball. Woher wollen sie wissen, ob das nicht auch hier nur eine Minderheit der Fans ist, die sich vehement dagegen ausspricht. Das heißt: Wirklich relevant ist am Ende möglicherweise etwas ganz Anderes als das, was die Medien lange Zeit vermittelt haben. Genau in diesem Spannungsfeld bewegen wir uns heute.

Oliver Kahn (43) begann seine Karriere als Fußballprofi beim Karlsruher SC. 1994 wechselte der Torwart zum FC Bayern München, mit dem er bis zum Ende seiner aktiven Zeit 2008 achtmal Deutscher Meister wurde und 2001 die Champions League gewann. 86 Länderspiele, Vizeweltmeister 2002. Seit 2008 Fußballkommentator im ZDF.

Auch interessant
Liveticker
Die Meisterschale

Liveticker zu sämtlichen Spielen, dazu alle Ergebnisse und Tabellen rund um die Erste Bundesliga gibt es hier.

Fußball-Kolumne
Experten beim Thema Fußball: Wolfgang Holzhäuser, Inka Grings und Hans Sarpei (v.l.)

Die dritte Auflage der Fußball-Kolumne. Inka Grings, Wolfgang Holzhäuser und Hans Sarpei schreiben im wöchentlichen Wechsel.

Videos
Fußballportal
Mittelrheinliga
FuPa.net

ksta.de präsentiert seit Kurzem das regionale Portal FuPa.net für den Fußballverband Mittelrhein. Ihr Verein ist noch nicht dabei? Dann aber los!

Liveticker
Die begehrteste Trophäe des europäischen Vereinsfußball: der Champions-League-Pokal

Alle Spiele und Ergebnisse rund um die Champions League finden Sie unserem Liveticker. Hier verpassen Sie keine Spielminute.

Liveticker
Der Sieger der Europa League erhält diese Trophäe.

Liveticker, Ergebnisse und Tabellen rund um die Europa League finden Sie hier.

Liveticker
Der DFB-Pokal wird jedes Jahr in Berlin ausgespielt.

Alle aktuellen Spielrunden, Termine und einen Liveticker rund um den DFB-Pokal gibt es hier.

Liveticker
So schaut die Meisterschale für den Meister in der Zweiten Liga aus.

Wie steht der 1. FC Köln in der 2. Liga da? Liveticker, sämtliche Ergebnisse und die Tabelle rund um das Unterhaus.

Liveticker
WM-Qualifikation
Die deutsche Nationalmannschaft.

Alle Spiele der Nationalelf und sämtliche Tabellen rund um die Qualifikation für die WM sind in unserem Liveticker einsehbar.

FACEBOOK
Service
Peinliche SMS

Aktuelle News: Wer nichts verpassen will, wählt den SMS-Service. Das Angebot können Sie jederzeit und nach Bedarf empfangen.

Kleinanzeigen