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Interview: „Da kommt die Leber“

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Die Kraft der Hände: Alternative Therapien sind beliebt bei Patienten. Foto: dpa
Alternative Therapien, die nur mit der Kraft der Hände heilen, sind beliebt bei Patienten. Ein Grund dafür ist die weit verbreitete „Drei-Minuten-Medizin“, glaubt Professor Josef Beuth von der Uni Köln.
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Professor Beuth, inzwischen bezuschussen immer mehr Krankenkassen Angebote wie Chiropraktik und Osteopathie. Liegt das Heilen mit Händen im Trend?

Josef Beuth: Als Trend würde ich diese Behandlungsmethoden nicht bezeichnen. Aber sie sind bei Patienten sehr beliebt – vor allem, weil sie nicht invasiv sind und ganzheitlich erscheinen. Für Patienten ist manchmal bereits die Vorstellung, durch Berührung geheilt zu werden, etwas Fantastisches. Als Ergänzung zur weit verbreiteten Gerätemedizin erscheint das Heilen mit Händen oder Worten vielen Patienten als attraktiv. Ob es tatsächlich hilft, ist eine andere Frage.

Weil die sich die Therapeuten mehr Zeit nehmen können als Schulmediziner mit überfüllten Wartezimmern?

Beuth: Das Mehr an Zeit und Zuwendung spielt eine große Rolle. Viele Patienten beklagen heute an der medizinischen Versorgung vor allem eines: Sie kommen in eine Praxis und werden oft nur als Nummer oder als Organ betrachtet. Nach dem Motto: „Da kommt die Leber“. Den Arzt sieht man oft nur gehetzt zwischen Tür und Angel. Wenn man dann zum Osteopathen, zu Shiatsu-Therapeuten oder zum Chiropraktiker geht, steht man als Patient plötzlich im Mittelpunkt: Der macht eine ausführliche Befragung, eine körperliche Untersuchung, baut im Gespräch Vertrauen auf. Der Patient hat das Gefühl: Da will mir jemand helfen, mein Problem zu lösen. Das geht in der heutigen „Drei-Minuten-Medizin“ leider oft unter. Was nebenbei gesagt nicht an den Ärzten liegt, sondern am Vergütungssystem.

Dabei gilt aber der Erfolg vieler schulmedizinischer Ansätze, anders als der vieler manueller Therapien, immerhin als wissenschaftlich belegt.

Beuth: Wenn man die strengen wissenschaftlichen Kriterien der evidenzbasierten Medizin anlegt und die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit von manuellen Therapien an kontrollierten klinischen Studien festmacht, dann ist nicht viel belegt. Auf der anderen Seite sollte bedacht werden: In der Praxis kann nicht jeder Therapieansatz wissenschaftlich begründet werden. Bei Patienten mit akuten Befindlichkeitsstörungen oder Erkrankungen, die gesund werden wollen, ist insbesondere auch Berufserfahrung gefragt. Ich kann mir vorstellen, dass manualtherapeutische Techniken positive Wirkungen haben können, zumal ein Behandlungserfolg bis zu 35 Prozent auch durch Placeboeffekt möglich sein kann.

Die Bundesärztekammer hat 2009 in einem Gutachten zur Studienlage zur Osteopathie zwar Wirkungen – etwa bei Rückenleiden – als belegt angesehen, andererseits aber moniert, im Großen und Ganzen fehlten aussagekräftige Studien. Warum fehlen die eigentlich immer noch?

Beuth: Dazu ein kurzer Erklärungsversuch. Wir machen in der Naturheilkunde ähnliche Erfahrungen. Beispielsweise werden zu definierten Therapieansätzen Pilotstudien gemacht, die einen Patientenvorteil zeigen. Das Studiendesign von Pilotstudien entspricht aber meist nicht dem Goldstandard der evidenzbasierten Medizin. Dazu müssen sogenannte prospektiv-randomisierte Studien durchgeführt werden, die ausgesprochen teuer sind. Die Millionenbeträge, die kontrollierte klinische Studien kosten, kann sich oft nur noch die Großindustrie oder Forschungsgemeinschaften leisten.

Warum wird eigentlich – anders als in den USA – an deutschen Unis noch nicht nach Chiropraktik geforscht und darin ausgebildet?

Beuth: Deutsche Universitäten legen größten Wert auf die klassischen Fachbereiche der Medizin, eine eher konservative Ausrichtung. Ich sehe das an dem von mir vertretenen Fach Naturheilkunde. Als vor 15 Jahren das Institut für Naturheilkunde an der Uni Köln gegründet wurde, war das Thema diskussionsbeladen. Heute ist das Fach Naturheilkunde fest eingebunden in die Medizinerausbildung. Es ist immer ein langer und mühsamer Weg, etwas Innovatives zu etablieren.

Worauf sollten Patienten achten, die sich für Methoden wie Osteopathie oder Chiropraktik interessieren?

Beuth: Zunächst sollte die Ausbildung des Therapeuten hinterfragt werden. Denn: Wer nicht angemessen ausgebildet ist und am Skelett manipuliert, riskiert bei Fehldiagnose und falscher Therapie schwere Verletzungen. Wenn ich als Patient zum Osteopathen oder zum Chiropraktiker gehen würde, würde ich mir jemanden aussuchen, der ein Studium absolviert hat. Ähnlich wie bei anderen medizinischen Fachrichtungen ist die Therapeutensuche oft ein Problem: Den richtigen zu finden ist oft reine Glückssache. Osteopathie etwa ist in England, Holland und den USA ein universitäres Studium, in Deutschland ist die Ausbildung Sache von so genannten Fachgesellschaften. Chiropraktoren beispielsweise haben ein Studium und eine Vollzeit-Ausbildung absolviert – während sich Chiropraktiker und Chirotherapeuten oft nur berufsbegleitend weitergebildet haben. Diese Hintergründe sind Patienten oft nicht bekannt.

Woran erkenne ich eine guten Manualtherapeuten noch?

Beuth: Dass er seine Grenzen kennt und Patienten, wenn es sein muss, an einen Facharzt überweist.

Das Gespräch führte Michael Aust

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Quelle: Onmeda

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