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Interview mit Traudl Baumgartner: „Brustamputation ist nicht zwingend“

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Brustkrebs-Früherkennung: Je früher Brustkrebs entdeckt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Foto: dpa
Aus Angst vor Krebs hat sich Angelina Jolie beide Brüste entfernen lassen. Traudl Baumgartner berät Frauen mit Krebs-Veranlagung und ist selbst betroffen. In Deutschland eröffnen Ärzte die Möglichkeit einer Amputation, empfehlen sie aber nicht.  Von
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Köln

Frau Baumgartner, Angelina Jolie hat sich als Risikopatientin prophylaktisch ihre Brüste entfernen lassen. Können Sie diese Entscheidung nachvollziehen?

Traudl Baumgartner: Ich kann es nachvollziehen, aber ich hätte es nicht gemacht. Allerdings ist es in den USA viel üblicher als hier, sich prophylaktisch die Brüste amputieren zu lassen. Wir korrespondieren auch mit einem Netzwerk in den USA und die Frauen dort können nicht verstehen, warum sich die meisten Frauen hier nicht vorsorglich amputieren lassen, sie halten das für leichtsinnig. Angelina Jolie stand außerdem sicher unter dem Eindruck des Todes ihrer Mutter, die ebenfalls an Krebs erkrankt war. Wer das erlebt hat weiß, dass er das nicht möchte.

Woran liegt es, dass sich in Deutschland nur sehr wenige Frauen für eine Amputation entscheiden?

Baumgartner: In den USA ist die Krankenversicherung nicht so gut wie bei uns und es gibt Regionen, wo es keine guten Brustkrebszentren gibt. In Deutschland haben wir viele gute Brustzentren und 15 Zentren für familiären Brust- und Eierstockkrebs, da ist die Versorgungslage gut. Ich glaube, dass eine prophylaktische Amputation nicht notwendig ist, es geht auch mit guten Früherkennungsprogrammen, und die haben wir hier. Leider gibt es auch Fälle, wo Risikopatientinnen im Früherkennungsprogramm sind und schließlich trotzdem erkranken und sterben. Aber selbst wenn ich keine Brüste mehr habe, habe ich keine hundertprozentige Sicherheit, denn das Drüsengewebe beschränkt sich ja nicht nur auf die Brüste. In Deutschland eröffnen Ärzte die Möglichkeit einer Amputation, aber sie empfehlen sie nicht. Und die meisten Betroffenen, die ich kenne, wollen ihre Brüste behalten. Ich finde es auch gut, dass man diese Möglichkeit hat, auch wenn das Risiko zu erkranken dann höher ist.

Was sind denn die Alternativen zu einer vorsorglichen Operation?

Baumgartner: Wenn ich einen BRCA-Test gemacht habe und Mutationsträgerin bin, komme ich ins intensivierte Früherkennungsprogramm. Das bedeutet: Regelmäßig Abtasten der Brüste, jedes halbe Jahr Ultraschall und  Mammographie im Wechsel und einmal im Jahr MRT (Magnetresonanztomographie). Außerdem hängt das Brustkrebsrisiko eng mit dem Risiko zusammen, an Eierstockkrebs zu erkranken Man empfiehlt deshalb Hochrisikopatientinnen, sich ab einem Alter von 40 Jahren die Eierstöcke entfernen zu lassen. Wenn in der Familien  Frauen bereits früher an Eierstockkrebs erkrankt sind, auch früher.  Lasse ich mir die Eierstöcke entfernen, sinkt das Risiko an Brustkrebs zu erkranken um etwa die Hälfte, weil die Tumore zumindest am Anfang hormonstimuliert sind.

Wann übernimmt die Krankenkasse die Kosten für einen BRCA-Test?

Baumgartner: Da gibt es ganz klare Kriterien, die auch auf unserer Homepage nachzulesen  (http://www.brca-netzwerk.de/risikofaktoren-brustkrebs.html). Wenn diese erfüllt sind, zahlen die Krankenkassen, das ist Standard. Die Beratung und Testung sollte am besten in einem der 15 dafür spezialisierten Zentrum für familiärem Brust- und Eierstockkrebs erfolgen.

Übernehmen die Krankenkassen auch den Wiederaufbau der Brüste, falls die Frau für eine Operation entscheidet?

Baumgartner: Da gibt es viele unterschiedliche Erfahrungen. Im Grunde genommen muss der Wiederaufbau bezahlt werden. Aber es gibt große Abweichungen zwischen den Krankenkassen wenn es um die Technik des Wiederaufbaus geht – das ist ein weites Feld, da muss man sich gut erkundigen. Das ist leider bislang eine nicht gut gelöste Frage.

Macht es auch Sinn einen solchen Test zu machen, wenn ich nicht zur Risikogruppe gehöre?

Baumgartner: Meines Erachtens nicht. Diese Mutation ist ja nicht sehr verbreitet. Es kommt schon vor, dass das Gen über die Männer vererbt wurde und lange Zeit keine Frau erkrankt ist, aber das ist sehr, sehr selten. Wenn man als Risikopatientin in seiner Familie nachfragt, erfährt man zum Beispiel von Großtanten, die jung verstorben sind und über die vielleicht nur nicht mehr geredet wird. Wenn man keinen Anlass zur Vermutung hat kann man eigentlich auch davon ausgehen, dass man das mutierte Gen nicht hat.

Wie genau kann der Test die Wahrscheinlichkeit, dass ich an Brustkrebs erkranke, ermitteln?

Baumgartner: Letzten Endes ist es nur eine Statistik. Es gibt unterschiedliche Faktoren, die von Frau zu Frau verschieden sind, und die sind so komplex, dass man es nie genau wissen kann. Noch gilt die Faustregel: Wer das BRCA 1-Gen hat, hat ein über 80 prozentiges Risiko, bis zum 80. Lebensjahr an Brustkrebs zu erkranken und eine 40-50prozentige Wahrscheinlichkeit, an Eierstockkrebs zu erkranken. Bei BRCA2 hat man ein Risiko von etwa 70 Prozent, an Brustkrebs zu erkranken. Auch das Risiko, an Eierstockkrebs zu erkranken, ist niedriger als bei BRCA 1 und man erkrankt in der Regel erst später. Es gibt aber demnächst neue Zahlen, dann wird man sehen ob sich das vielleicht etwas nach unten relativiert.

Scheuen sich viele Frauen davor, den Test machen zu lassen?

Baumgartner: Ja, einige Frauen haben Angst davor. Einige kommen auch vor dem Test zu uns und lassen sich beraten, weil sie nicht sicher sind, ob sie ihn machen lassen sollen. Für mich war es auch ein schwieriger Schritt. Als ich das erste Mal mit 31 Jahren erkrankt bin, gab es diesen Test noch gar nicht. Als ich das zweite Mal erkrankt bin, wollte ich dann wissen, ob ich das Hochrisiko-Gen habe, denn für mich ging es um die Entscheidung: Beide Brüste weg oder behalten. Ich habe mich dann amputieren lassen. Meine Bedenken waren ganz stark aus Gründen des Datenschutz. Wer erfährt alles davon, dass ich diese Veranlagung habe? Werde ich Schwierigkeiten haben, mich krankenversichern zu lassen? Momentan gibt es zwar in Deutschland einen Schutz davor, dass das Ergebnis öffentlich wird. Aber wer weiß, wohin das in Zukunft geht. Natürlich hätte die Versicherungswirtschaft ein Interesse daran zu wissen, wer so eine Vorbelastung hat.

Wie finden Sie es, dass Angelina Jolie öffentlich Stellung zu ihrer Vorbelastung Amputation bezieht?

Baumgartner: Ich bin da zwiegespalten. Einerseits habe ich mich gefreut, dass sie den Mut hat, das offen zu sagen. Bevor man sich dazu entscheiden muss man aber abwägen, ob der Rest der Familie das auch gut findet . Eine Erbkrankheit ist nicht das Thema eines einzelnen Menschen, sondern immer einer ganzen Familie. Ich würde jeder Frau sagen: Überleg dir gut, wem du was sagst. Was ich auch nicht gut finde ist, dass sie die Entscheidung für die Amputation so nahe legt. Ich finde es wichtig zu sagen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt.

 

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Quelle: Onmeda

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