31.08.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Goldenes Buch: „Palavern bei Sekt ist nicht ihr Ding“
04. February 2009
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Goldenes Buch: „Palavern bei Sekt ist nicht ihr Ding“

Michael Kreuzberg zeigt Monika Hauser (l.) und Edina Müller, wer sich in der Vergangenheit ins Goldene Buch eingetragen hat. BILD: BJ

Michael Kreuzberg zeigt Monika Hauser (l.) und Edina Müller, wer sich in der Vergangenheit ins Goldene Buch eingetragen hat. BILD: BJ

Brühl -

„Brühl hat mich geprägt. Und deshalb freue ich mich ganz besonders über die Wertschätzung, die ich hier und jetzt erfahre.“ Edina Müller ist das Blitzlichtgewitter längst nicht mehr fremd. Mit der Basketball-Rollstuhl-Nationalmannschaft vertrat die 25-Jährige Deutschland im September vergangenen Jahres bei den Paralympics in Peking. Mit der Silbermedaille im Gepäck kehrte sie nach Brühl zurück.

Wenige Wochen später wurde sie mit ihrem Team als „Mannschaft des Jahres 2008“ ausgezeichnet. In Anerkennung ihrer Leistungen trug sie sich nun ins Goldene Buch der Stadt Brühl ein - eine der höchsten Auszeichnungen, die Brühl zu vergeben habe, wie Bürgermeister Michael Kreuzberg sagte. Das Beispiel Edina Müller zeige, dass es auf den Betroffenen selbst und seine Einstellung ankomme, schwierige persönliche Umstände mit Willenskraft zu meistern. Im Jahr 2000 hatte sich ein Blutschwamm im Rückenmark der jungen Sportlerin gebildet, der zunächst unerkannt blieb. Als sie operiert wurde, war es bereits zu spät. Seitdem ist sie querschnittsgelähmt. Es sei ein steiniger Weg gewesen, sagte Edina Müller in ihrer Ansprache. Aber sie habe von vielen Seiten Unterstützung erfahren, insbesondere von ihrer Mutter, ihrer Tagesmutter, den Lehrern des Max-Ernst-Gymnasiums, Dozenten - und schließlich von Adam, ihrem Freund, der - selbst Sportler - seine kanadische Heimat aufgegeben habe und ihr nach Köln gefolgt sei.

Im Anschluss an die junge Medaillenträgerin trug sich auch Dr. Monika Hauser in das „Gästebuch“ der Stadt ein. Die 49-jährige Gynäkologin, in der Schweiz geboren, gründete 1993 die Frauenrechtsorganisation „Medica Mondiale“ mit dem Ziel, kriegstraumatisierten Frauen medizinische und psychologische Hilfe zu leisten. Für ihre Initiative nahm sie zahlreiche Auszeichnungen entgegen, zuletzt den alternativen Nobelpreis 2008. Seit 1999 lebt Hauser mit ihrer Familie in Brühl-Ost. Die Ärztin sei keine Frau, die nach Orden strebe, sagte Kreuzberg in seiner Laudatio. Zwar setze sie alle Hebel in Bewegung, um Aufmerksamkeit zu erzielen, aber nie für sich selbst, immer für ihre Arbeit. „Das »Palavern« bei Sekt und Lachsschnittchen ist nicht Ihr Ding. Sie sprechen mit »Medica Mondiale« für Frauen, die keine Lobby haben.“ Die Medizinerin nutze jede Chance, auf das große Elend in den Kriegs- und Nachkriegsgebieten hinzuweisen. Aus diesem Grund überließ er ihr auch rasch das Rednerpult. Sie berichtete, dass nicht nur Frauen in Kriegsgebieten durch Missbrauch traumatisiert seien. „40 Prozent aller Frauen haben Erfahrung mit dieser Form von Gewalt, auch in Deutschland“, zitiert Hauser eine Studie. „Und reden sie darüber, wird ihnen bedeutet, besser zu schweigen“, so ihre Erfahrung. Es bleibe ein Tabu-Thema, dadurch würden Frauen zusätzlich traumatisiert. Sie wisse von Kölner Bordellen, in denen „minderjährige Mädchen aus der Ukraine deutschen Männern zur Verfügung stehen“. „Es ist auch ein zutiefst deutsches Thema, für das mehr Sensibilität entwickelt werden muss.“