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lit.Cologne: Kurzer Abend mit Kofi Annan

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Kofi Annan wirkte stets höflich, Moderatorin Tina Mendelssohn etwas schlecht auf ihren Gast vorbereitet. Foto: Stefan Worring
Der frühere UN-Generalsekretär Kofi Annan stellte im Gespräch mit Ex-Außenminister Joschka Fischer seine Biografie „Ein Leben in Krieg und Frieden“ vor. Die als „Höhepunkt der Litcologne“ angekündigte Veranstaltung hielt nicht ganz, was sie versprach.  Von
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Es wird nicht jeden Tag Geschichte geschrieben, auch wenn zwei Personen der Zeitgeschichte anwesend sind. So geschehen beziehungsweise eben nicht geschehen, als der frühere Generalsekretär der Vereinten Nationen (UN), Kofi Annan, und der frühere deutsche Außenminister Joschka Fischer in der Universität zu Köln zum Abschluss der lit.Cologne über „Ein Leben in Krieg und Frieden“ sprachen. So der Titel der Autobiografie des Ghanaers, der von 1997 bis 2006 an der Spitze der Weltorganisation stand.

Albtraum eines Moderators

Das Faszinierende, das Dramatische – am Buch wie an der Person – ist, dass Annans natürliche Autorität, seine Aura, seine Wortgewalt, seine Nachdenklichkeit fast alle Menschen in ihren Bann gezogen hat, auch noch zieht, wie der Abend in Köln zeigt – in Ansätzen zumindest, und leider nur kurz. Denn am Ende entlässt eine etwas überfordert wirkende Moderatorin nach wenig mehr als einer Stunde ein Publikum, das den Eindruck gewinnen konnte: Tina Mendelsohn ist mitunter schlecht vorbereitet, und die Gäste absolvieren mehr eine Pflichtveranstaltung: Kofi Annan mit der ihm angeborenen Höflichkeit, Joschka Fischer mit seiner ätzenden Schärfe, die für einen Moderatoren schlimmstenfalls zum Albtraum werden kann.

Gleich drei Mal korrigiert Fischer die vom 3Sat-Kulturmagazin bekannte Moderatorin: Unilever sei ein niederländischer und kein britischer Konzern (richtig: es handelt sich um eine britisch-niederländische Fusion); als Mendelsohn die 7500 für den Balkan zugesagten UN-Soldaten kurzerhand zur Hälfte von 47.500 erklärt, wird sie von dem Grünen mit sichtlichem Vergnügen zurechtgerückt. Und schließlich weist er er die Moderatorin etwas gequält-generös darauf hin, dass ein Teil in ihrer Übersetzung von ihm gar nicht gesagt worden sei. Zurückhaltender übrigens war der Ex-Außenminister, als der Gast aus Ghana Fischers Satz „I’m not convinced“, den er auf der Münchner Sicherheitskonferenz dem damaligen US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld entgegenschleuderte, mit US-Außenminister Colin Powell in Verbindung brachte. Fischer weiß eben, wann Höflichkeit und professionelle Zurückhaltung angebracht sind. Moderatorin Mendelsohn hält sich nach den „Korrekturen“ merklich zurück und stellt die Übersetzung der auf Englisch geführten Diskussion ein.

Dabei hat diese Diskussion zweifelsohne ihre Spannung, was natürlich an den Personen, ihrer Geschichte und am Thema liegt. Als Botschafter der Weltgemeinschaft und Krisenmanager an den weltweiten Brandherden ist Kofi Annan zu einem der international bekanntesten Politiker geworden - 2001 erhielt er den Friedensnobelpreis, für die Vereinten Nationen, aber auch für sein persönliches Engagement. Der 1938 in Ghana geborene Sohn aus einer wohlsituierten Familie berichtet von einer „Kultur des Konsens“, in der er aufgewachsen sei, was ihn im Grunde auf diesen weiten Weg zur und in den UN gebracht hat. Fast fünf Jahrzehnte wirkte er für die Vereinten Nationen, koordinierte die UN-Blauhelmoperationen in Somalia, Ruanda und im ehemaligen Jugoslawien und war UN-Sonderbeauftragter in Zagreb. Fast zehn Jahre stand er als erster Schwarzafrikaner an der Spitze der Organisation. Die Bekämpfung von Armut und Ungleichheit, mehr Bildung sowie die Überwindung der technologischen Kluft zwischen dem Süden und dem Norden erklärte er zu „Milleniumszielen".

Auch und gerade die „dunklen Kapitel“ in Ruanda (800 000 Tote) und das Massaker von Srebrenica prägen seine Vision von der Aufgabe der Vereinten Nationen, auch wenn er natürlich die „Grenzen unserer Macht" erkennt, wie man sehr eindringlich auch im Buch nachlesen kann. Der grausame Bürgerkrieg in Bosnien, das Desaster in Somalia und der Völkermord in Ruanda, bei denen sich die Massaker unter den Augen der UN-Blauhelme ereignet hatten, lassen bei Annan den Entschluss reifen, die Vereinten Nationen zu einer Organisation zu formen, die nicht länger nur zuschaut, sondern die sich einmischt. Nach seiner Wahl zum UN-Generalsekretär setzte Kofi Annan deshalb alles daran, „dass wir militärische Einsätze mit der Billigung der UN ausrüsten, dass sie auch wirkungsvoll eingreifen und vor allem die Zivilbevölkerung schützen können". Er formulierte das Konzept einer Schutzverantwortung, einer „responsibility to protect". Wobei klar wird: Auch die Vereinten Nationen sind nur so gut, so stark, wie sie von den einzelnen Mitgliedern gemacht werden. In diesem Zusammenhang eben erwähnt Annan die Schwierigkeiten, eine durchsetzungsfähige Truppe unter UN-Mandat auf die Beine zu stellen. Eine Lizenz zur Kriegführung im Namen des Friedens und Interventionen ohne verbindliche Regeln lehnt er stets ab.

Parforceritt durch die Konfliktzonen

Hier streifen die Diskutanten den Irak-Krieg, der Alleingang der USA wird erläutert, Fischers berühmter Satz, mit dem er seine Skepsis äußert, wird er erwähnt. Die gegenseitige Wertschätzung der beiden Politiker ist spürbar, Annan empfängt Fischer gar mit den Worten, er sei „mein Lieblings-Außenminister“ gewesen. Und auch sonst ist die Einschätzung der beiden Herren, die den Weltfrieden im Blick haben, aber bei ihrem Parforceritt durch die Konfliktzonen nur über Krieg reden, von Einheitlichkeit geprägt. Bis hin zu dem Joschka Fischers Urteil: „Der Gewinner der Instabilität im Mittleren Osten ist der Iran“. So sei bis vor dem Einmarsch der Amerikaner der Irak Staatsfeind Nummer Eins für den Iran gewesen, Ironie der Geschichte, dass Staatsfeind Nummer Zwei Bagdad und Diktator Saddam Hussein ausgeschaltet habe.

Wie schwierig die Missionen sind, zeigt nicht zuletzt Annans Rolle als Syrien-Vermittler. „Mein Mandat im Syrien-Konflikt habe ich im August 2012 niedergelegt, weil es keine echte Unterstützung im Weltsicherheitsrat gab. Die Großmächte unterstützten zwar meinen Friedensplan, aber als es darauf ankam, blockierten sie sich gegenseitig", schreibt Kofi Annan in seinem Buch, führt es auch in Köln aus. „Als ich meine Vermittlungsmission beendete, sagte ich zur Begründung, wenn die Welt sich nicht einig ist und gemeinsam Druck auf die Kriegsparteien in Syrien ausübt, wird es ein jahrelanges, sinnloses Blutvergießen in Syrien geben. Die letzten Monate haben mir auf grausame Weise Recht gegeben." Als er seine Mission beendet, beklagt man rund 7000 Tote in dem Konflikt, heute liege die Zahl um das Zehnfache höher. Auf dem Podium in Köln zwischen Annan und Fischer gibt es hier die einzige Meinungsverschiedenheit: Waffen für die syrische Opposition? Für Fischer ist das der Weg zu einer Beendigung des Konflikts. „Wir sprechen mittlerweile von einer militärischen Lösung“. Annan hält dagegen: Beide Seiten bekommen schon genug Waffen.

Schade, dass dieser als „Höhepunkt der lit.Cologne“ angekündigte Abend von der Darbietung so deutlich unter Niveau ablief. Am Ende verschwinden Annan und Fischer mehr oder weniger grußlos von der Bühne, Tina Mendelsohn bleibt etwas verloren zurück. Die Gäste strömen nach Hause.

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