Von STEFFI MACHNIK, 08.11.03, 10:00h
Niehl - „Ich spürte, dass mein Leben sich für immer geändert hat.“ Mit diesen Worten beschreibt Erika Rosenberg ihre erste Begegnung mit Emilie Schindler, die zusammen mit ihrem Mann Oskar Schindler während der Nazizeit mehr als 1300 Juden das Leben gerettet hat. Der amerikanische Regisseur Steven Spielberg hat mit seinem Film „Schindlers Liste“ diesem mutigen Handeln in barbarischer Zeit ein Denkmal gesetzt.
Auf Einladung von Birgit Deumeland, Lehrerin am Erich-Kästner-Gymnasium, hielt die 52-jährige Argentinierin einen Vortrag über das Leben der Frau, deren Verdienst bei der lebensgefährlichen Unterstützung der Juden zunächst in einer Emailfabrik in Krakau, im letzten Kriegsjahr dann in einer Rüstungsfabrik in Brünnlitz nie ausreichend gewürdigt wurde. Sie stand immer im Schatten ihres Mannes. „Ich fühle mich verpflichtet, auch nach ihrem Tod die wahre Geschichte ans Licht zu bringen, nicht die von Spielberg, sondern ihre Jahre der Qual und der Angst, die doch von der Überzeugung bestimmt waren, dass jeder Mitmensch ein Recht auf Leben hat.“ Das sagt die zierliche Frau, deren Eltern, selbst Juden, 1936 nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze über Paraguay nach Argentinien flüchteten.
1990 traf Erika Rosenberg die 1907 in Alt-Moletein (Mähren) geborene Emilie Schindler zum ersten Mal, als sie - Journalistin, Dolmetscherin und Lehrerin - einen Artikel über die deutsche Einwanderung nach Argentinien schreiben wollte. Damals lebte die 83-Jährige krank, verarmt und vergessen in dem kleinen Ort San Vicente, 60 Kilometer südlich von Buenos Aires. Aus den Begegnungen erwuchs eine innige Freundschaft. „Sie wurde eine Ersatzmutter für mich“, bekennt Rosenberg, „sie half mir, ein Stück meiner eigenen Familiengeschichte aufzuarbeiten.“
Auf mehr als 400 Kassetten hat Emilie Schindler ihr Leben erzählt - im Jahr 2001 hat Erika Rosenberg eine Autobiografie unter dem Titel „Ich, Emilie Schindler“ veröffentlicht. Die mutige Frau habe die Geschichte der Rettung der Juden „in sich versteckt“, sagt Rosenberg, „und es war schwierig, mir das alles zu erzählen. Aber am Schluss war es eine Art Katharsis. Doch dafür brauchten wir Jahre.“
Aus dem Buch liest Rosenberg an diesem Abend im Studio des Niehler Gymnasiums, immer wieder unterbrochen von persönlichen Erlebnissen, denn im Laufe der Jahre wurde sie zur engen Vertrauten der Frau, deren Leistung trotz aller Wertschätzung ihres Mannes immer wieder vergessen wurde. So entwickelt sich während des beeindruckenden Vortrags ein Bild des tragischen Lebens von Emilie Schindler. Während der Dreharbeiten von „Schindlers Liste“ wird Emilie nur als eine der Überlebenden betrachtet, nicht als diejenige, die die Rettung der Juden mit ermöglicht hat. Nicht einen Cent vom Erlös des Filmes habe die alte Frau erhalten, so Rosenberg, und keine Witwenrente nach dem Tod Oskar Schindlers im Jahr 1974. Bereits 1957 hatte der Ehemann sie mittellos in Argentinien zurückgelassen. „Ich setze mich für diese Frau ein, weil sie alles im Leben riskiert hat und keine Dankbarkeit dafür erhielt. Nur eine Frau kann eine andere Frau verteidigen und dafür sorgen, dass ihre Geschichte nicht verschwindet“, ist Rosenberg überzeugt.
Deshalb hält sich die Journalistin, die auch am Goethe-Institut von Buenos Aires unterrichtet, seit 1990 regelmäßig mehrere Wochen jährlich in Europa auf und hält Vorträge über die wahre Geschichte der vergessenen Heldin Emilie Schindler. Mit Ausdauer und Zähigkeit hat sie es geschafft, dass im „Haus der Geschichte“ in Bonn Dokumente und Ehrungen einen festen Platz gefunden haben.
Berührt hat auch Sandra Schnack und Stefanie Tepper, Schülerinnen der Klasse 13 am Erich-Kästner-Gymnasium, der Vortrag der Autorin aus Südamerika. „Wenn man sieht, was sie selbst alles getan hat, und nur ihr Mann im Mittelpunkt stand, ist das sehr verletzend“, sind sich beide einig. Emilie Schindler starb 2001 in Deutschland.
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