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Irgendwie muss der Brotkasten voll werden

Von SEBASTIAN ZÜGER, 26.08.04, 07:25h

Die Industrie klagt, das Internet boomt. Eigentlich nahe liegend, neue Musik im WWW zu veröffentlichen. Das Köln-Berliner Netlabel Ideology tut genau das.

Bild: Rakoczy
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Wähnen sich für die Zukunft der Musikindustrie auf der richtigen Seite: Jörg Friedrich, Christian Sierpinski und Moritz Sauer sind die Köpfe der Internet-Plattenfirma Ideology.
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Wähnen sich für die Zukunft der Musikindustrie auf der richtigen Seite: Jörg Friedrich, Christian Sierpinski und Moritz Sauer sind die Köpfe der Internet-Plattenfirma Ideology.
Die Industrie klagt, das Internet boomt. Eigentlich nahe liegend, neue Musik im WWW zu veröffentlichen. Ein Köln-Berliner Netlabel tut genau das.

Die erste c / o-pop liegt in den letzten Zügen. Drüben im Tanzbrunnen haben Franz Ferdinand gerade ausgerockt. Christian Sierpinski, 28, war auch da und seine Laune ist prächtig. Mit dem Schwung eines gelungenen Konzertbesuchs hat er sich soeben in einen Sessel im „Hallmackenreuther“ am Brüsseler Platz fallen lassen - allerdings nicht, um von den schottischen Senkrechtstartern zu erzählen. Er selbst ist das Thema, er selbst und seine Kollegen Moritz Sauer, 29, und Jörg Friedrichs, 31. Gemeinsam mit Volker Tripp, einem in Berlin beheimateten Bruder im Geiste, betreiben sie das Netlabel Ideology, das auf seiner Homepage gerade ein kleines Jubiläum feiert: Die zehnte Musik-Veröffentlichung ist vor kurzem an den Start gegangen.

Velure heißt das professionell produzierte Bandprojekt, das, wie Moritz erzählt, mit seiner Mischung aus Drum'n'Bass, TripHop und Dub in seiner Heimat Australien „schon Hallen füllt“ und dementsprechend Maxis und Alben verkauft. Mit einer Veröffentlichung in Europa hat es noch nicht geklappt, weshalb Velure nun das Internet nutzen, „um für sich Promo zu machen“. Denn Geld - daraus machen die drei Label-Heads keinen Hehl - lässt sich mit einer Internet-Veröffentlichung nicht verdienen. Auch der Download der Fünf-Track-EP von Velure kostet keinen Cent, obwohl die in MP3 und Ogg komprimierten Songs Hifi-Qualität besitzen. Und wer einen halbwegs modernen Farbdrucker besitzt, kann sich sogar das grafisch aufwändig gestaltete CD-Booklet zum Selberbasteln auf den heimischen Rechner ziehen. Schöne neue Musikwelt?

So viel steht für die Ideology-Gründer fest: Mit ihrem Netlabel stehen sie auf der sicheren, der guten Seite. „Die herkömmliche Plattenindustrie, wie wir sie kennen, gibt es jetzt seit vielleicht 100 Jahren“, sagt Moritz. „Vorher ging das ja auch anders. Da reisten zum Beispiel Barden durchs Land und trugen ihre Lieder vor.“ Allerdings: Selbst die mussten irgendwie den Brotkasten voll kriegen, neudeutsch: Einnahmen akquirieren. Das weiß auch Mo., wie Moritz sich nennt, wenn er eigene Beats programmiert: „Der Musik-Vertrieb über Plattenfirmen wird zu einer reinen Promotion-Angelegenheit. Davon können nur Künstler profitieren, die schon etabliert sind.“ Alle anderen müssen sich zwangsläufig auf die Suche nach neuen Vertriebswegen machen. „Geld kann man als Underground-Künstler zurzeit nur über Auftritte verdienen“, sagt Jörg. „Da könnten Netlabels ein guter Weg sein, sich einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erarbeiten.“ Christian schränkt allerdings ein: „Unser Netlabel ist zurzeit nur ein Versuch. Wir nutzen unsere Kreativität, um neue Modelle zu testen.“ Denn schließlich sei offensichtlich: „Auch die Träume der Leute in der klassischen Musikindustrie, die gegen Netlabels wettern, funktionieren nicht mehr. Ein Künstler schafft etwas, nimmt es auf und lässt es für die beste Klangqualität im sündhaft teuren Studio mastern. Aber Geld kriegt er, wenn überhaupt, nur noch für den 8bit-Klingelton von seinem Stück.“

Handys zum zwitschern bringen? So tief wollen Ideology nicht sinken. Über Releases zum Anfassen aber, so richtig auf CD oder Maxi, denken sie schon nach: „Wir würden unsere Künstler schon gerne finanziell unterstützen“, sagt Jörg. „Ein exklusives Vinyl könnte da eine Möglichkeit sein, aber auch Merchandise-Produkte wie T-Shirts oder ähnliches.“ Sofort allerdings beeilt sich Christian klarzustellen: „Für normale Releases wird man bei uns nie zahlen müssen.“

Über die Zeit, die alle vier Label-Beteiligten in das gemeinsame Projekt investieren, denkt keiner weiter nach. „Es gibt ja noch eine soziale Komponente“, sagt Moritz. „Und die ist unbezahlbar.“ So fächert sich das Portfolio beständig weiter aus. Christian versteht Ideology längst nicht mehr als reine Musik-Plattform: „Wir sind eher ein Verlagskörper.“ So hat es das Label mittlerweile auf sieben im weiten Feld der Computerkunst zu verortende, also rein bildnerische Veröffentlichungen gebracht. Das liegt nahe, schließlich eignen sich moderne Rechner als Werkzeug für alle möglichen Spielarten der Kunst, gleich ob Musik, Grafik oder Film.

Als zum gegenwärtigen Zeitpunkt rein idealistisch betriebenes Projekt bleibt für Ideology da allenfalls die Gefahr, sich zu verzetteln. Doch da ist Christian nicht bange: „Wir haben in den vergangenen anderthalb Jahren, in denen wir konkret daran arbeiten, gesehen, dass das alles gut zusammenläuft. Um es mal ganz hochtrabend auszudrücken: Die einzelnen Bereiche stehen ständig im inspirativen Dialog.“

Wie dieser Dialog in der Praxis funktioniert, zeigt die Netlabelnight am morgigen Freitag ab 22 Uhr im „Sensor“ in der Essigfabrik, Siegburger Straße 110. Neben Mo., Sudio und Elliptic von Ideology präsentieren sich die Netlabels Tokyo Dawn Records, Stadtgruen, Parkstudios, Ageema und Thinner.

Musiker, die vorgestellt werden möchten, wenden sich an den „Kölner Stadt-Anzeiger“, Ruf: 224-2323 / 2297, E-mail: KSTA-Stadtteile@mds.de, Anschrift: Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln. Bewerber sollten aktuelle Musikproben zusenden, auf CD oder als Sound-Datei mit einer E-mail. Musikbeispiele der Bands, die in der Reihe präsentiert werden, sind im Internet zu hören.



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