Von HARALD BISKUP, 06.11.04, 09:42h
Amsterdam - Er muss einer gewesen sein, der das Leben in vollen Zügen genossen hat, der vergangenen Dienstag ermordete Filmemacher, Regisseur und Kolumnist Theo van Gogh (47), ein Urgroßneffe des Malers Vincent van Gogh. Zwischen den Blumengebinden, Gestecken kleinen Kränzen, Fotos und Kondolenzschreiben die wildfremde Menschen als Ausdruck ihrer Trauer und Wut an der Stelle abgelegt haben, an der van Gogh nach den tödlichen Schüssen zusammensackte, finden sich auch Wein- und Cognacflaschen und eine Menge Bierdosen. Neben einer servierfertigen Champagnerflasche hat jemand ein von Halloween übrig gebliebenes Prachtexemplar eines Kürbisses gelegt. Auf einem Zettel steht: „Was ist der Wert unserer Meinungsfreiheit? 110 Kilo Theo van Gogh.“ Ein silbrig glitzerndes Behältnis für 16-Millimeter-Spulen soll daran erinnern, dass dem Ermordeten vermutlich sein Kurzfilm „Unterwerfung“ zum Verhängnis geworden ist, in dem frauenfeindliche Koransuren als Kalligraphien auf einem nackten Frauenkörper zu sehen sind.
Die Linnaeusstraat im Stadtbezirk Watergrafmeer im Osten Amsterdams ist eine viel befahrene Geschäftsstraße mit kleinen Läden, Cafés, Bistros und Schnellrestaurants. Immer noch will die Schlange von Menschen nicht abreißen, die den Ort des feigen Anschlags aufsuchen und Blumen niederlegen. Sie empört und ängstigt nicht nur der Mord an van Gogh, sondern auch ein am Tatort hinterlassener Brief des Täters, eines 26 Jahre alten in Amsterdam geborenen Marokkaners. Darin wird Abgeordneten und dem Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen ebenfalls mit dem Tod gedroht.
Teddybären und Fotos in allen Formaten sind an solchen Orten der öffentlichen Trauer schon beinahe typische Accessoires. Ein Kaktus soll offenbar für die Widerborstigkeit van Goghs stehen, dem „nichts und niemand heilig war“, wie Martien Pennings (59) sagt, der den Toten persönlich gekannt und „immer mit so etwas gerechnet hat“.
Er war so umstritten wie beliebt, und der Mord hat ihn zu einem Volkshelden gemacht. Natürlich trieb er seine Polemik gelegentlich auf die Spitze, etwa wenn er den Propheten Mohammed als „schmutzigen Onkel“ und als „Vergewaltiger kleiner Mädchen“ verunglimpfte. In einem Film thematisierte er die Liebe zwischen einer Holländerin und einem jungen Mann, der wie sein Mörder marokkanische Eltern hat. In Amsterdam werden die jungen Nordafrikaner „Sand-Neger“ und „Rif-Ratten“ genannt, und keineswegs nur von Leuten, die mit dem ebenfalls ermordeten Rechtspopulisten Pim Fortuyn sympathisieren.
Der Historiker Pennings hat drei Rosen für van Gogh mitgebracht, „weil der Theo ein großes Maul hatte, das Herz auf dem rechten Fleck und weil er ein guter, anständiger Junge war“. Dessen Film über die Erniedrigung muslimischer Frauen findet er „poetisch, schön und vor allem wahr“. Das Schlimmste, was den Niederlanden passieren könne, sei, dass sie ihre Meinung nicht mehr frei sagen könnten, ohne gleich abgeschlachtet zu werden. Die politischen Eliten müssten „endlich aufwachen“. Wenn man ein paar Stunden diese Wallfahrtsstätte einer erschütterten Nation beobachtet, erlebt man vor allem große Verunsicherung, wie und ob es weitergehen kann mit dem niederländischen Konsensmodell. Es machen sich schon radikale Stimmen Luft mit Parolen wie „Das Maß ist voll“ oder „Das wahre Gesicht des Islam“. Sie werden konterkariert durch eine Tafel in Klarsichtfolie, auf der in großen Lettern steht: „Mohammed mordet nicht“. Zu den Besonnenen zählt Monica Dexel, Anfang 40, die begierig van Goghs provokative Kolumnen im Anzeigenblatt „Metro“ gelesen hatte. Aber auch sie sagt: „Unsere Politiker leben auf einem anderen Planeten. Auch das toleranteste Land stößt irgendwann an Grenzen.“
Auf einem Plakat neben van Goghs Konterfei hat jemand ein Gefühl beschrieben, das viele Amsterdamer teilen: „Die Politik wollte nicht auf dich hören, Theo, aber die Menschen.“ Aus einem Delikatessenladen dringen betörend süße Düfte. Inhaber Daud, ein muslimischer Inder, rühmt die Aufgeschlossenheit seines Gastlandes. Aber er fürchtet, die Stimmung könnte kippen. Da kommt jemand und heftet einen Zettel an eine Vase mit Herbstastern: Heinrich Heine, „Die Gedanken sind frei“. Auf Deutsch.
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