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Kopfroman

Von MARKUS SCHWERING, 11.12.04, 09:27h

Javier Marias' neuer Roman „Dein Gesicht morgen“ hat das Zeug zu einem Thriller, aber der Autor lässt das Potenzial ungenutzt. Eine endgültige Beurteilung fällt allerdings schwer, da der zweite Teil noch nicht erschienen ist.

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Der Autor Javier Marias
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Der Autor Javier Marias
„Dein Gesicht morgen“ hat das Zeug zu einem Thriller, aber der Autor lässt das Potenzial ungenutzt.

Die spannendste Stelle ist die letzte Seite, ein regelrechter Cliffhanger: In dem Gefühl, verfolgt zu werden, hat der Ich-Erzähler seine Wohnung erreicht. Kurz darauf klingelt es, und die mutmaßliche Verfolgerin - Dame mit Hündchen - muss Jaime Deza unbedingt sprechen. Der Leser muss sich gedulden, denn der zweite Teil von Javier Marias' Roman „Dein Gesicht morgen“ erscheint in Spanien gerade erst. Ob man sich auf die Fortsetzung freuen soll?

Tatsächlich verbietet sich angesichts der Hängepartie eine abschließende Bewertung. Vorderhand gibt es da viel Ungereimtes, einstweilen schlecht Vernähtes, blinde Motive. Was etwa hat es mit dem - an eben dieses Motiv im „Parzival“ erinnernden - Blutstropfen auf der Treppe auf sich? Solches wird hoffentlich in der Fortsetzung zu würdigen Konklusionen geführt - dies eine Annahme, die eine gewisse Beißhemmung nahe legt. Trotzdem: Die Lektüre des ersten Teils - „Fieber und Lanze“ - ist eine Enttäuschung, wie sie gerade von diesem Autor nicht zu gewärtigen war.

Es gilt, sich durch eine zerdehnte, handlungsarme Story zu quälen; sich von einer Welle aufgeblasen-verschwafelter Philosopheme und Gedankenspiele überrollen, von verschachtelten Satzungetümen martern zu lassen. Die Figuren degradieren zu essayhaltigen Gefäßen; unscheinbarste Gesten, Bemerkungen, Gedanken werden sogleich von der Reflexion angefallen und derart zerkaut und zerfleddert, dass alles Leben entweicht.

Dabei hat der Roman von Anlage und Thematik her das Zeug zu einem echten Thriller. Besagter Deza, ein Madrilene - die Figur hat starke autobiografische Anteile und ist dem Leser bereits aus Marias' Roman „Alle Seelen“ bekannt -, kehrt nach England zurück, wo er vor Jahren (in Oxford) als Spanischdozent gearbeitet hat. Jetzt übernimmt er einen Job bei der BBC in London. Auf einer Abendparty im Haus seines alten professoralen Freundes Peter Wheeler in Oxford lernt er einen gewissen Tupra kennen, von dem sich alsbald herausstellt, dass er Leiter einer Abteilung des britischen Geheimdienstes ist. Auch Wheeler ist, wie Deza an besagtem Abend, in der folgenden Nacht und am nächsten Morgen in langwierigen und von vielen assoziativen Schüben durchbrochenen Gesprächen mit seinem Mentor erfährt, während des Zweiten Weltkrieges Angehöriger der sagenhaften Spionage-Sondereinheit M 16 gewesen. In ihr arbeitete übrigens auch der aus der Graham-Greene-Biografie bekannte Doppelspion Kim Philby.

Deza wird nun dank Wheeler und Tupra in die Geheimdienstkreise hineingezogen. Der Grund: In ihren Augen verfügt er über die seltene und für die Profession unschätzbare Fähigkeit, allein durch Beobachtung von Menschen und ihres Benehmens vorherzusagen, wie diese sich später verhalten werden, wer loyal sein und wer Verrat üben wird: „Wie ist es möglich, dass ich heute nicht dein Gesicht morgen kenne, das schon da ist oder hinter dem entsteht, das du zeigst, oder hinter der Maske, die du trägst, und das du mir erst dann vorführen wirst, wenn ich es nicht erwarte?“

Leider wird dieses Potenzial nicht entfaltet - Deza bleibt bei Tupra mehr oder weniger in Trockenübungen stecken, die in ermüdenden Dialogen abgearbeitet werden. Auf diffuse Weise verschränkt sich der „Dein Gesicht morgen“-Komplex mit einem weiteren Zentralmotiv, das bereits im ersten Satz aufklingt - mit einer Aufforderung, die das opulente Werk übrigens in einen bemerkenswerten Widerspruch zu sich selbst setzt: „Man sollte niemals etwas erzählen ...“ Erzählung ist zwar immer Fiktion, kann aber, einmal in der Welt, nicht zurückgenommen werden und wird selbst zu einer missbrauchsanfälligen Wirkungsmacht. Und wer ein Geheimnis kennt, hat nur die Wahl, Komplize oder Verräter zu werden. Durchdekliniert wird dieses Thema dann auch von Wheeler anhand der „Feind hört mit“-Kampagne im Weltkrieg, die den Menschen das Sprechen und Schwatzen austreiben wollte.

Auf Dezas Seite entspricht dem die erinnernde Aufarbeitung des Spanischen Bürgerkriegs, die zu den stärksten Passagen des Romans gehört: Dass damals die republikanische Seite auf ähnlich gnadenlose Weise gegen ihre tatsächlichen oder vermeintlichen Feinde vorging wie die Franco-Seite - diese Erkenntnis ist geeignet, viele Mythen zu zerstören. Der Lichtblick im gedankenvollen Einheitsgrau rettet aber das Buch nicht. Bis auf weiteres ist der neue Marias ein Kopfroman, und zwar einer von der unerfreulichsten Sorte - ohne Humor, ohne Anmut, ohne erzählerischen Drive.

Javier Marias: „Dein Gesicht morgen“ , Teil 1: „Fieber und Lanze“. Aus dem Spanischen von Elke Wehr, Klett-Cotta, 490 S., 24.50 Euro



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