Von ALEXANDRA KLAUS, 18.02.05, 07:32h
Köln - „Ihr müsst hier ja viel mehr aushalten als wir an der Front.“
Ein Satz, gesagt von einem deutschen Soldaten zu den Frauen, die mit ihm in einem Keller der zertrümmerten Stadt Köln Zuflucht gesucht hatten vor den immer schneller, immer heftiger niedergehenden Bombardements der Alliierten.
Ein Satz, der Marlene Rath (Jahrgang 1926) 60 Jahre lang im Gedächtnis geblieben ist, weil er das in Worte fasste, was für Frauen jenseits der Gefechtsstellungen gegen Ende des Krieges zur alltäglichen Erfahrung wurde: Die ständige Angst vor der Bombardierung. Der leichte Schlaf in Alltagskleidern, weil man immer bereit sein musste, in den Schutzbunker zu rennen. Die alles bestimmende Frage, wie der knurrende Magen zu besänftigen sei. Die so weit führte, dass die junge Frau Rath auf ihrer Arbeitsstelle bei der Kölner AOK einmal ein Butterbrot, das ihre Mutter für sie beschafft hatte, heimlich auf der Toilette der Geschäftsstelle aß, damit ihre Kollegen es ihr nicht neideten. Die Sorge um Väter, Söhne, Männer und Freunde, die an der Front kämpften. Der Anblick von Toten, die in den Straßen lagen. Die weggetragen und beerdigt werden mussten.
Ein großer Teil der Bevölkerung hatte die Stadt aus Angst vor Bombenangriffen oder weil die Wohnung zerstört war, verlassen. Bei Kriegsausbruch zählte Köln rund 768 000 Einwohner, bei Kriegsende sollen nur noch etwa 40 000 Menschen in den Trümmern der Stadt gelebt haben. Auch Elisabeth Glunz (Jahrgang 1920) war in der letzten Phase des Krieges aus ihrer elterlichen Wohnung im Severinsviertel in das Eifeldorf Rohr bei Blankenheim geflohen, während ihre Eltern mit der jüngeren Schwester in Köln zurückblieben. „Ich war dort in Sicherheit, und vor allem hatten die Menschen auf dem Lande genug zu essen, während in Köln die Lebensmittel immer knapper wurden“, begründet Glunz ihre Flucht. Doch die Sorge um die Familie - und das Heimweh - zogen sie zurück in die zerbombte Stadt. Den Alltag dort („Da waren nur noch Frauen und Kinder und alte Männer“) schildert sie als einen täglichen Kampf um das Notwendigste zum Überleben. Nachdem die Wäschefabrik, in der sie als Nachseherin für die Stoffe arbeitete, bombardiert worden war, musste die junge Frau - wie so viele - ohne Einkünfte überleben. Die Beschaffung von
Lebensmitteln wurde zur Hauptaufgabe. „Während die Bauern in der Eifel als Selbstversorger immer frisch gebackenes Brot, Fleisch oder auch Gemüse hatten, mussten wir uns in Köln jeden Tag mit unseren Lebensmittelmarken anstellen, um auch nur ein paar Gramm Butter zu bekommen“, schildert Glunz. Deshalb seien viele Frauen regelmäßig zu Landwirten ins Vorgebirge gefahren, um Vorräte zu hamstern. „Einmal hatte eine Dame aus unserer Hausgemeinschaft in Köln aus einem Schrebergarten Kartoffeln bekommen. Da haben wir Frauen aus dem Haus uns alle zusammen- gesetzt und überlegt, was wir damit machen könnten. Heraus kam eine Wassersuppe, aber sie schmeckte wunderbar“, lacht Glunz.
In den letzten Kriegsmonaten hatten Frauen die Last an der Heimatfront zu tragen. Wie eine Studie des Kölner NS-Dokumentationszentrums ausführt, mussten Frauen bereits seit Sommer 1941 im Anschluss an den Arbeitsdienst den so genannten Kriegshilfsdienst bei Behörden, in Krankenhäusern, Verkehrs- und Rüstungsbetrieben leisten. Als gegen Ende des Krieges immer mehr Männer an die Front gehen mussten, wurden Frauen darüber hinaus im Flugmeldedienst und als Flakhelferinnen eingesetzt und galten somit als Wehrmachtsangehörige. Ferner übernahmen Frauen die Evakuierung der städtischen Bevölkerung (etwa die „Kinderlandverschickung“), waren im Luftschutz tätig oder arbeiteten in Lazaretten. So wie sich Frauen mit einem Schlag in Tätigkeiten wiederfanden, die bislang - vor allem nach jahrelanger NS-Propaganda - Männern vorbehalten waren, veränderte sich auch ihr Äußeres: „Wir hatte nur noch »Butzen« an, Männerkleidung, die praktisch war“, sagt Glunz.
„Dienstverpflichtet“ war auch Carola Stausberg (Jahrgang 1911). Die Werklehrerin war in einer Kölner Oberschule für die Ausbildung von Jugendleiterinnen und Kindergärtnerinnen verantwortlich. „Aber es wurden immer weniger Schüler, und ich lehrte am Ende nicht mehr, sondern musste mit meiner Klasse Güter für die Winterhilfe fertigen“, erinnert sich Stausberg. Von den Schuhen, die sie damals mit
ihren Schülern aus geflochtenem Stroh und Lederresten für Bedürftige zusammennähte, hat sie ein Musterexemplar über die Jahrzehnte hinweg bis heute in einem Karton aufbewahrt.
Auch ihr Dasein als „Trümmerfrau“ begann schon vor dem Ende des Krieges: „Es war doch niemand anders da als wir Frauen, die den Schutt aus den Straßen räumen konnten“, sagt Stausberg. Sie berichtet ebenso wie die anderen Zeitzeuginnen, dass Frauen zu Reparaturarbeiten an zerstörten Häusern herangezogen wurden. „Nach einem Fliegerangriff fielen von einem Gebäude am Eigelstein die Balken auf die Straße, die haben wir dann weggeschleppt“, erzählt Marlene Rath. Mit schwerem Spaten in der Hand habe sie außerdem in der Nähe des Butzweilerhofs Schützengräben ausgehoben. „Da waren nur Frauen“, bekräftigt sie.
Die Befreiung der Stadt am 6. März 1945 durch die US-Truppen erlebten die Zeitzeuginnen sehr unterschiedlich. Für Elisabeth Glunz etwa hatte die Begegnung mit den Amerikanern etwas Bedrohliches. „Nachdem die deutsche Bevölkerung in Deutz durch die Amerikaner entlaust worden war, ging ich über die provisorische Brücke nach Hause. Ich war mutterseelenallein und hatte Angst, weil ich von Vergewaltigungen durch den Feind gehört hatte“, schildert sie ihre damaligen Gefühle. Doch sie kam wohlbehalten nach Hause.
Als wahre Befreiung hingegen erlebte Marlene Rath in Longerich den Einmarsch der Alliierten. „Es wurde durchgesagt, der Krieg sei zu Ende. Wir hatten Betttücher als Friedenszeichen aufgehängt. Dann sahen wir die US-Soldaten kommen, ganz
langsam gingen sie vor. Als sie endlich ankamen, wurden die Gewehre der Deutschen auf einen Haufen zusammengelegt und angezündet. Es ging alles sehr friedlich zu.“
Wie für die meisten Frauen in der zerbombten Stadt war für Carola Stausberg der Krieg am 6. März nicht zu Ende, weil ihr Mann noch nicht heimgekehrt war. „Erst Wochen später machte ich eines Tages die Türe auf, er stand vollkommen ausgezehrt und mit Lappen um die zerschundenen Füße auf der Schwelle. Dann ist er vor Erschöpfung umgekippt. Ich dachte, er stirbt. Nur ganz langsam hat er sich erholt“, schildert Stausberg ihr persönliches Kriegsende.
Auch nach der Befreiung hatten Frauen die Hauptlast des Alltags weiterzutragen. Viele Männer waren gefallen, andere kriegsversehrt oder noch nicht aus der Gefangenschaft zurückgekehrt. Und so waren es wieder Frauen, die für die Familie sorgten, das öffentliche Leben in Gang hielten - und als „Trümmerfrauen“ die zerstörte Stadt wieder- aufbauten.
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