Von F. A. HEINEN, 17.02.05, 15:28h
Am 700 Meter hohen "Weißen Stein" bei Udenbreth, dem höchsten Punkt der NRW-Eifel, pfeift der Wind im Dezember ziemlich frisch. Wo heute bei Schnee die Wintersportler talwärts wedeln, markierte vor 60 Jahren ein unbeschreiblicher Granatenhagel den Beginn des letzten Großangriffs der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.
Um 5.35 Uhr am 16. Dezember 1944 begann die Ardennen-Offensive. Es war der verzweifelte - und letztlich irrationale - Versuch Adolf Hitlers, der Niederlage im Westen zu entgehen. Die Strategie des Diktators sah vor, mit starken gepanzerten Einheiten zwischen Monschau und Echternach durch die Eifel und die belgischen Ardennen westwärts bis zur Maas und nach Antwerpen vorzustoßen. Über die belgische Hafenstadt bezogen die US-Truppen einen großen Teil ihres Nachschubs.
Im Vorfeld des Großangriffs wurden die bis dahin am Westwall stationierten deutschen Truppen durch kampfstarke Einheiten ersetzt, darunter auch SS-Truppen. Diese Soldaten hinterließen bei einem der letzten noch lebenden Zeitzeugen einen nachhaltig schlechten Eindruck. "Das geht mir bis heute nahe", sagt der 77 Jahre alte Johann Hoffmann aus Losheim an der deutsch-belgischen Grenze. "Das" war ein Kriegsverbrechen, welches bis heute wohl in keinem Geschichtsbuch auftaucht, dessen Augenzeuge Grenzbewohner Hoffmann im Herbst 1944 wurde, wie er dem "Kölner Stadt-Anzeiger" berichtete.
Damals lagen sich am Westwall Deutsche und Amerikaner gegenüber. An der Seite der GIs kämpften belgische Partisanenverbände unter der Bezeichnung "Armée Blanche" (Weiße Armee). Zwei Weißarmisten gerieten im Vorfeld der Offensive schwer verwundet in Gefangenschaft. Wenige Tage später kam der Befehl: "Gefangene werden nicht gemacht." Augenzeuge Hoffmann beobachtete, wie daraufhin zwei Wehrmachtssoldaten die beiden Belgier zu einem nahen Granattrichter führten und sie dort erschossen. Aber in weniger als zwei Wochen waren die beiden Schützen selbst tot. Der eine starb durch eine Mine, der andere durch Granatsplitter.
Militärisch gesehen war die Truppenkonzentration an der Westgrenze ein irrwitziges Unterfangen angesichts der Tatsache, dass die Rote Armee im Osten bereits an der Reichsgrenze stand. Hinzu kam, dass die Wehrmacht in der Eifel zwar moderne Waffensysteme aufgefahren hatte, aber der Nachschub reichte allenfalls für wenige Tage. Den Treibstoff beispielsweise sollten sich die deutschen Panzerspitzen in den überquellenden Spritdepots der Amerikaner in den Ardennen selbst erobern.
Um die offenkundigen Schwächen der deutschen Truppen etwas abzufedern, arbeitete die Wehrmacht mit mancherlei Tricks. So war der als außerordentlich kaltblütig geltende SS-Obersturmbannführer Otto Skorzeny - er hatte 1943 den gefangenen italienischen Faschistenführer Mussolini aus der Haft befreit - mit einer ganz speziellen Einheit dabei. In amerikanischen Fahrzeugen und Uniformen sollten Skorzenys Männer blitzschnell vorstoßen und jenseits der Front für Verwirrung bei den US-Truppen sorgen. Außerdem sollten sie bis zur Maas die wichtigen Brücken sichern. Dieser - anfangs sogar erfolgreiche - Einsatz in fremder Uniform nahm für etliche Beteiligte ein schlimmes Ende. Da für sie die Haager Landkriegsordnung nicht galt, wurden etliche nach der Gefangennahme kurzerhand exekutiert.
Daneben sollte eine tausend Mann starke Fallschirmjägertruppe ("Unternehmen Greif") hinter den US-Linien abgesetzt werden, um dort den deutschen Verbänden den Weg zu bereiten. Doch starker Wind wehte die Fallschirmjäger so weit auseinander, dass ihre militärische Wirkung völlig verpuffte.
Die zunächst überraschten Amerikaner verteidigten sich im nördlichen Kampfabschnitt verbissen; dort blieb der deutsche Angriff vor Elsenborn bald stecken. Erfolgreicher waren die Angreifer im Südabschnitt, wo sie rasch vorankamen. Die am weitesten vorgestoßenen Einheiten sahen vor sich in sieben Kilometern Entfernung das Etappenziel Maas, bevor auch ihr Angriff zum Stehen kam.
Bis heute hat das amerikanische Wort "Nuts" (wörtlich: "Nüsse") in dem Ardennen-Städtchen Bastogne eine ganz besondere Bedeutung. Dort bieten die Geschäfte anlässlich des 60. Jahrestags der Ardennen-Offensive T-Shirts und Pullover mit der Aufschrift "Nuts" zum Kauf an. Damit erinnert die Bevölkerung an den US-General McAuliffe, der von der Wehrmacht mit seiner 101. Luftlandedivision in Bastogne eingekesselt worden war. Die Deutschen schickten damals einen Parlamentär mit der Aufforderung zu den Amerikanern, sich "ehrenvoll" zu ergeben. "Nuts" antwortete der hartgesottene McAuliffe - im Sinne von "Quatsch". Es blieb dabei, und einige Tage später wurden die eingekesselten Fallschirmjäger von herbeigeeilten US-Truppen befreit.
Wenige Tage nach dem Beginn der Ardennen-Offensive klarte das Wetter auf, so dass die US-Luftwaffe ihre erdrückende Überlegenheit voll zur Geltung bringen konnte. Am 30. Dezember leiteten die Amerikaner eine Gegenoffensive ein, Ende Januar ´45 war die Wehrmacht auf ihre Ausgangsstellungen im deutsch-belgischen Grenzgebiet zurückgeschlagen worden. Gut zwei Monate später überquerten die Amerikaner den Rhein.
Die Bilanz von Hitlers letztem Großangriff: Mehr als 17 000 deutsche und über 8500 amerikanische Soldaten waren gefallen, Tausende wurden vermisst oder verwundet. Militärisch war die Ardennen-Offensive ein Fehlschlag, der letztlich den amerikanischen Vormarsch nur um wenige Wochen verzögerte.
Nach dem Krieg wurden 73 Angehörige einer SS-Einheit wegen der Erschießung von 82 Kriegsgefangenen an einer Straßenkreuzung bei Malmedy-Baugnez angeklagt. In erster Instanz wurden 22 Todesurteile verhängt, von denen allerdings keines vollstreckt wurde. Zwischenzeitlich war nämlich bekannt geworden, dass die Verhörmethoden der US-Militärpolizei wenig mit Rechtsstaatlichkeit gemein hatten. Diese Tatsache nutzen rechte Agitatoren bis heute gerne zur Legendenbildung. Was bleibt, ist die Tatsache, dass 82 wehrlose amerikanische Kriegsgefangene an der Straßenkreuzung ermordet wurden.