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Terror in den Trümmern

Von JAN W. BRÜGELMANN, 17.02.05, 15:10h

Grausam wüteten die Nazi-Schergen in Köln während der letzten Kriegsmonate. Zwangsarbeiter, politische Gegner, Deserteure - keiner war vor den Greifkommandos sicher.

Die Kellertreppe ist niedrig und schmal. Wahrscheinlich wurden die unglücklichen Opfer hinuntergestoßen, wo sie vor den Füßen des Aufsichtsbeamten aufschlugen. Links und rechts von seinem Diensttisch aus führt der Keller zu zehn Zellen. Ursprünglich nur für ein oder zwei Gefangene eingerichtet, hausten hier in den letzten Kriegsmonaten in jeder Zelle bis zu 20 Menschen. Es roch bestialisch nach Exkrementen und Blut.

Durch ein Oberlicht drangen Geräusche aus dem Kölner Alltag in das kleine Gefängnis - aber auch die Schreie der gequälten Gefangenen nach draußen. Immerhin lag das Gefängnis mitten in der Stadt - im EL-DE-Haus am Appellhofplatz.

Sein Zeugnis hat der Häftling Askold Kurow, damals 19 Jahre alt, in die Wand seiner Zelle geritzt. Zahlreiche weitere Inschriften zeugen von dem Martyrium der Insassen. Das Souterrain des EL-DE-Hauses hat auch 60 Jahre nach Kriegsende wenig von seiner beklemmenden Atmosphäre verloren. Hier hielt die "Geheime Staatspolizei" (Gestapo) ihre Opfer fest, und in dem kleinen Hinterhof ermordeten die Schergen des Regimes ihre Opfer mit Hilfe eines transportablen Galgens, an dem sieben Opfer gleichzeitig erdrosselt werden konnten.

Überall im Reich schlug in den letzten Kriegsmonaten das dem Untergang geweihte Regime noch einmal zurück. "Wir können untergehen", so Adolf Hitler Anfang 1945, "aber wir werden eine Welt mitnehmen." Ausländische Zwangsarbeiter wurden in Köln von den Greifkommandos aus Gestapo und Polizei ebenso rigoros verfolgt wie vermeintliche Deserteure, Defätisten und gewöhnliche Kriminelle. Auch mit alten politischen Gegnern wurde eine letzte Rechnung beglichen: Die Repräsentanten der Vor-Nazi-Zeit, nach 1933 lediglich aus den Ämtern entfernt, mussten um ihr Leben fürchten. Mehrere von ihnen fanden sich Wochen vor der Befreiung Kölns im KZ Messelager in Deutz wieder, von wo aus sie auf ihre letzte Reise Richtung KZ Buchenwald geschickt wurden.

Doch Zwangsarbeiter wie Askold Kurow waren die leichtesten Opfer. Mehrere Zehntausend Menschen aus eroberten Gebieten mussten in und um Köln Sklavenarbeit verrichten. Sie hatten keinerlei Rechte. Viele von ihnen stammten aus Osteuropa und waren damit in den Augen der Nazi-Fanatiker "Untermenschen". Wenn man die Russen schon militärisch nicht besiegen konnte, so konnte man sie zu Hause straflos tot schlagen. Seit Anfang November 1944 mussten die Kölner Häscher auch nicht mehr bei ihren Vorgesetzten in Berlin fragen, wenn sie Zwangsarbeiter exekutieren wollten. Sie alleine entschieden, wer der "Sonderbehandlung", so die zynische Umschreibung der Ermordung, zugeführt wurde.

Kölns Gestapo-Männer waren in der Endphase des Regimes Herren über Leben und Tod. Ein nicht sonderlich begründeter Verdacht, ein kleines Vergehen genügten, und die Opfer wurden umgehend eingesperrt. Weil das Gefängnis im EL-DE-Haus rasch überfüllt war, wurden die Verfolgten auch in der Haftanstalt Klingelpütz sowie weiteren "Außenstellen" in Brauweiler und Rheinbach festgehalten.

Eine einzige Exekutionsliste im Hinterhof des EL-DE-Hauses umfasste einmal 72 Namen. Die Leichen wurden von der Kölner Müllabfuhr abtransportiert, auf einem Friedhof liegen nachweislich 792 Gestapo-Opfer, von denen 473 "sonderbehandelt" worden waren. In Köln wurde noch einmal ein entsetzlicher Blutzoll entrichtet, denn die Amerikaner waren nach der Eroberung Aachens am 21. Oktober 1944 nicht weiter nach Osten Richtung Rhein marschiert, sondern orientierten sich eher nach Süden.

Die 88 schweren Luftangriffe des Vorjahres haben ganze Straßenzüge und Viertel in unterkellerte Ruinenlandschaften verwandelt - und anschließend erneut umgepflügt. Die rund 40 000 Menschen, die im linksrheinischen Köln verblieben waren, hausten inmitten von Chaos und Anarchie. Gleichzeitig boten die Ruinen der geschundenen Stadt all denen ausreichend Möglichkeiten zum Untertauchen, die auf den baldigen Einmarsch der Amerikaner setzten und unbedingt vermeiden wollten, noch kurz vor zwölf "verheizt" zu werden. Zu den Menschen gehörten geschätzte 4000 Zwangsarbeiter und Deserteure, die nichts mehr zu verlieren hatten.

Doch die Illegalen hatten keine Lebensmittelkarten, wer überleben wollte, musste stehlen. In den Augen der Gestapo waren die Verzweifelten, die häufig auch bewaffnet waren, "Volksschädlinge", welche sich in "Banden" zusammenrotteten, die es zu bekämpfen galt. In den Trümmern der Stadt kam es dabei zu dramatischen Auseinandersetzungen. Am Großen Griechenmarkt lieferte sich im Dezember 1944 eine bewaffnete Gruppe eine zwölfstündige Schießerei mit den Verfolgern, die zum Schluss einen Wehrmachtstrupp mit Dynamit und Flammenwerfer zur Hilfe rufen mussten. Am Thürmchenswall entkam kurze Zeit später eine Gruppe den Häschern nur, weil sie sich mit einem Maschinengewehr und Handgranaten verteidigen konnte, die man auf dem Kölner Schwarzmarkt bekam.

In einem Bericht nach Berlin bezifferte die Kölner Generalstaatsanwaltschaft am 30. Januar 1945 die Zahl der "Banden" auf "ungefähr 20", denen 29 Morde zur Last gelegt wurden. Für die Statthalter besonders alarmierend: Fünf Opfer waren NSDAP-Funktionäre wie Ortsgruppenleiter Heinrich Soentgen, der am 28. September 1944 von einem Deserteur erschossen worden war, als "er auf dem Fahrrad fuhr", wie es im Gestapo-Bericht empört hieß. Auch Kölns Gestapo-Chef Hoffmann kam ums Leben, er starb bei einer Schießerei mit Aufständischen.

Zur Abschreckung wurden zwei öffentliche Erhängungen durchgeführt. Am 25. Oktober 1944 starben elf Männer, unter ihnen fünf russische Zwangsarbeiter. Am 10. November - den Galgen in der Ehrenfelder Hüttenstraße hatte man eigens stehen gelassen - ließen 13 Deutsche ihr Leben, unter ihnen fünf jugendliche "Edelweißpiraten". Fotos belegen, dass die erste Exekution von zahlreichen Schaulustigen beobachtet wurden.

Als Reaktion auf den zähen Kleinkrieg in den Trümmern wurden zwei Gestapo-Sonderkommandos gebildet. Besonders brutal gebärdete sich dabei das "Kommando Kütter", befehligt von Gestapo-Kommissar Ferdinand Kütter, das gegen "Terrorbanden" operieren und die politische Opposition aufrollen sollte.

Diese Regimegegner, rund 200 Männer und Frauen, hatten sich im "Nationalkomitee Freies Deutschland" gesammelt, einem losen Bündnis von Oppositionellen mit unterschiedlichen konfessionellen und politischen Hintergründen, das von einer aus Kommunisten bestehenden Fünfergruppe geleitet wurde und in Zellen gegliedert war.

Als wilde Plakate mit Texten wie "Hitlers Tod - Frieden, Freiheit, Brot" an den Mauern der zerstörten Häuser auftauchten, sahen sich die Häscher provoziert. Im November 1944 hatte die Gestapo die gesamte Leitung des Komitees während einer Razzia im Haus Sülzgürtel 8 verhaftet. 59 weitere Mitglieder wurden ebenfalls fest gesetzt. Kütters Fanatismus kannte keine Grenzen. Kurz vor dem Einrücken der Amerikaner am 6. März ließ er seine Gefangenen ins vermeintlich sichere Rechtsrheinische treiben und wollte noch am 12. April 72 Häftlinge hinrichten lassen. Der Vormarsch der US-Armee stoppte das Vorhaben und Kütter erschoss sich.

Askold Kurow, der sich vor 60 Jahren vor dem sicheren Tod wähnte, gelang wenig später unter abenteuerlichen Umständen die Flucht aus dem EL-DE-Haus. Der Überlebende des Nazi-Terrors wurde daheim in der Sowjetunion der Kollaboration mit den Deutschen beschuldigt. Kurow, der die Hölle im Souterrain am Appellhofplatz durchschreiten konnte, überlebte auch das Strafbataillon im Ural. Er starb am 3. Juli 2000 mit 74 Jahren.

Das NS-Dokumentationszentrum im EL-DE-Haus ist geöffnet:
Dienstag-Freitag 10-16 Uhr,
Samstag, Sonntag 11-16 Uhr.
Telefon: 02 21/2 21-2 63 31.
www.nsdok.de


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