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Die „Hölle im Hürtgenwald”

Von F. A. HEINEN, 17.02.05, 15:28h

Am 2. November 1944 fand in der Eifel die "Allerseelenschlacht" zwischen Deutschen und Amerikanern statt.

Eifel - Der Herbstnebel lässt die raue Landschaft noch unwirtlicher erscheinen. Die ersten Frostnächte haben die Blätter von den Bäumen gefegt. Steil fällt die Straße von der Eifelhöhe bei Vossenack und Hürtgen in Serpentinen ins Kalltal ab. Auf der flachen Hochebene zwischen Düren und Monschau passiert man die stummen Zeugen jener erbitterten Schlacht, die hier vor 60 Jahren geschlagen wurde. Tausende Soldatengräber markieren hier das Zentrum eines fünf Monate andauernden Gemetzels, das die Amerikaner später als "Schlacht im Hürtgenwald" bezeichneten.

Man muss kein Militärfachmann sein, um sofort zu erkennen, dass dieser Landstrich jeden Verteidiger bevorteilt. Dichte, nahezu undurchdringliche Wälder hindern jeden Angreifer am Fortkommen, die Verteidiger können aus dem Dunkel des Waldes, aus befestigten Bunkerstellungen feuern. Die Topographie schließt den effektiven Einsatz von Panzertruppen nahezu aus.

Dennoch versuchten die amerikanischen Truppen im Herbst 1944, von Aachen aus quer durch die Eifel nach Osten Gelände zu gewinnen. Eine Entscheidung, die rückblickend schier unverständlich erscheint. Der direkte Weg in den Großraum Köln-Bonn über die Tiefebene bei Düren wäre militärisch sehr viel günstiger gewesen. Womöglich hätten sie in drei oder vier Tagen am Rhein gestanden.

In manchen Geschichtsbüchern kann man lesen, die Amerikaner hätten befürchtet, dass die Wehrmacht beim US-Vormarsch in den Raum Düren die Eifel-Talsperren sprengen würden. Die Folge wäre eine Überflutung des unteren Rurbereichs gewesen, mit womöglich unkalkulierbaren Verlusten.

Tatsache ist, dass das amerikanische Oberkommando im Oktober 1944 seine Truppen in die blutigsten Kämpfe schickte, die sie nach der Invasion auf dem europäischen Kriegsschauplatz erlebten. Fünf Monate dauerte das erbitterte Ringen um die Eifel-Talsperren. Es führte die GIs direkt in die "Hölle im Hürtgenwald", wie es der Buchautor Wolfgang Trees formulierte. Die amerikanischen Truppen verloren auf dem Weg von Stolberg bis nach Schleiden rund 55 000 Mann durch Verletzung, Gefangennahme und Tod. Die genaue Zahl der Todesopfer beziffert der Bonner Historiker Michael Schröders auf etwa 20 000 bis 22 000 Mann. Auf der anderen Seite kamen rund 13 000 Wehrmachtsangehörige bei der Eifel^schlacht ums Leben.

Im Kriegsherbst 1944 kämpfte die Wehrmacht an drei Fronten. Im Osten war die Rote Armee durch einen gewaltigen Einbruch in die deutsche Mittelfront Richtung Ostpreußen und Weichsel vorgestoßen; auch in Südosteuropa ging der sowjetische Vormarsch mit der Eroberung des Balkanraumes voran. An der Südfront waren die Alliierten bereits im Mai durchgebrochen, hatten Rom besetzt und die Wehrmacht zum Rückzug gezwungen. Im Westen hatte der Krieg im September 1944 eine kurze Atempause eingelegt, die US-Truppen waren schneller zu den deutschen Grenzen vorgestoßen, als sie erwartet hatten, und rüsteten sich für den erneuten Angriff. Die Ziele waren klar definiert: Einnahme der Rur- und Urfttalsperre, danach Vorstoß zum Rhein. Ausgangspunkte für die Amerikaner waren ihre Stellungen im Raum Monschau, Aachen und Stolberg.

Die GIs waren materiell und personell überlegen, aber die Verteidiger auf deutscher Seite hatten die Zeit genutzt, um ihre Stellungen auszubauen. Dabei konnten sie sich teilweise auf Westwallbunker stützen. Im Vorfeld ihrer eigenen Stellungen waren breite Minengürtel verlegt worden. Die Artillerie feuerte teilweise Sprenggranaten, die bereits in den Baumkronen krepierten und furchtbare Verletzungen verursachten. Angreifende US-Panzer wurden abgeschossen, bevor sie auf der Hochebene ihre Kampfkraft entfalten konnten. Die Überlegenheit der US-Luftwaffe kam bei den Waldkämpfen nicht zum Tragen. Außerdem waren die Amerikaner den Winterkampf nicht gewohnt. Und der Winter 1944 war der kälteste seit Jahrzehnten. Bei Temperaturen von bis zu 20 Grad minus erfroren viele Soldaten auf beiden Seiten.

Der Kampf ging oft Mann gegen Mann, gängige Waffen waren Spaten, Flammenwerfer und Handgranate. Es kam vor, dass morgens die Amerikaner ein Dorf einnahmen, um abends wieder daraus verdrängt zu werden. Manche Orte wechselten Dutzende Male den Besitzer.

Die wohl verlustreichste Schlacht im Hürtgenwald war die "Allerseelenschlacht". Die Amerikaner griffen am 2. November bei Vossenack an. Die US-Panzer rasselten ins steile Kalltal hinunter, um auf der gegenüberliegenden Anhöhe Schmidt zu erreichen. Von Bergstein her feuerte deutsche Artillerie, Schmidt musste wieder von den GIs geräumt werden. 28-mal wechselte in dem kleinen Dorf in den folgenden Wochen die Herrschaft. Zeitweilig standen die Amerikaner in den Trümmern der Sakristei, und die Wehrmacht schoss vom Kirchenschiff aus. Acht US-Infanterie-Divisionen und zwei Panzerdivisionen wurden im Hürtgenwald aufgerieben. Unter allen US-Einheiten, die im Zweiten Weltkrieg kämpften, erlitt die 28. US-Infanteriedivision im Hürtgenwald innerhalb einer Woche die höchsten Verluste überhaupt. Ein Regiment der 4. Division verlor allein bei den Kämpfen zwischen Hürtgen und Großhau 2678 seiner insgesamt 3000 Männer.

Der Schriftsteller Ernest Hemingway, der selbst im Hürtgenwald kämpfte, schrieb später: "Wir bekamen viel Ersatz, aber ich dachte, es sei einfacher, sie dort, wo man sie auslud, zu erschießen, anstatt dass man später versuchen musste, sie dort zurückzuholen, wo sie getötet worden waren." General James Gawin, Kommandeur der 82. US-Fallschirmjägerdivision, befand nach dem Gemetzel in der "Todesfabrik" Hürtgenwald: "Es war die verlustreichste, unproduktivste und am schlechtesten geführte Schlacht, die unsere Armee geschlagen hat."

Im Dezember 1944 starteten die Amerikaner schwere Bombenangriffe auf ihr eigentliches Ziel, die Eifel-Talsperren. Die Staudämme hielten jedoch trotz des Einsatzes von Spezialbomben stand. Bereits am 16. November legten Luftangriffe die Rur-Städte Düren, Jülich und Heinsberg in Schutt und Asche.

Im Januar 1945 endlich gelang es den GIs, entscheidend an Boden zu gewinnen. Am 2. Februar folgte der Durchbruch bis kurz vor Schleiden, zwei Tage später fiel die Urfttalsperre in die Hand der GIs, am 9. Februar die Rurtalsperre. Damit war das Ziel des Kampfes in der Eifel erreicht.

Zurück blieb ein riesiges Trümmerfeld. Dörfer und Kleinstädte waren in Wüsteneien verwandelt, der Wald nahezu vollständig zerschossen, weite Flächen vermint, Tausende Tote waren zu bergen. Bis heute finden Waldarbeiter Gebeine gefallener Soldaten, und der Kampfmittelräumdienst rückt automatisch an, wenn neue Häuser gebaut werden. Überall im Boden stecken noch Bomben, Granaten und Minen. Es wird wohl noch Jahrzehnte dauern, bis der Hürtgenwald einigermaßen munitionsfrei sein wird.


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