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Festliche Stimmung in der Trümmerwüste

Von ELKE BIESEL, 17.02.05, 15:28h

Weihnachten 1944 in Köln: Von der Kunst, ein Mahl zu bereiten, während die Bomber immer näher kommen. Die Stadt ist zerstört, dennoch regt sich in ihr Leben. Zeitzeugen erzählen, wie sie die Feiertage erlebten.

Auf dem schon leicht vergilbten Schwarz-Weiß-Foto trägt Robert-Günter Thiele ein langes, spitzenbesetztes Messdiener-Gewand. Der lang aufgeschossene 15-Jährige steht mit zwei anderen Jungs und mehreren Geistlichen vor dem Altar - ein Schnappschuss für das Familienalbum. Christmette 1944. Am 24. Dezember gegen Mitternacht ging Familie Thiele nach alter Tradition in den Gottesdienst in Köln-Dellbrück, der wie Robert-Günter Thiele sich erinnert, gut besucht war. Ein Festmahl hatte es zuvor nicht gegeben, nur sein Bruder war bei Freunden eingeladen und durfte Kaninchenbraten essen. "Ich habe ihn beneidet", sagt Thiele. Er selbst, gerade erst zurückgekehrt vom Schanzeinsatz am deutschen Westwall bei Aachen, bekam an diesem Abend immerhin zwei Geschenke: eine große Blutwurst und einen deutschen Klassiker: Joseph von Eichendorffs Novelle "Aus dem Leben eines Taugenichts".

Leibliche und geistige Nahrung in einer Zeit, in der es von beidem nur noch wenig gab. "Hunger haben wir eigentlich immer gehabt", sagt Robert-Günter Thiele. Trotzdem gab es überall Versuche, aus dem Wenigen etwas zu machen, das an bessere Zeiten erinnerte. In einem alten Rezeptbuch von Ruth Weise ist es nachzulesen: Makronen aus Weizenflocken, die ohne ein Ei auskommen und mit nur 40 Gramm Butter. Printen aus Rübenkraut und immerhin 750 Gramm Weizenmehl. Im eisigen Winter 1944 wohnte auch Ruth Weise in Dellbrück, das ihr, die noch bis 1943 in der Innenstadt gelebt hatte und dann in Eupen evakuiert war, noch "sehr heil" erschien. 1944 sei das schlimmste Kriegsjahr für Köln gewesen, schreibt Adolf Klein in seinem Buch "Köln im Dritten Reich". 88 Luftangriffe zählt er, davon zehn allein im Dezember. "Das linksrheinische Köln war zerstört und praktisch leer", sagt Ruth Weise. Der große Exodus hatte im Herbst 1944 begonnen. Alle Bürger, die nicht in Versorgungs- und Rüstungsbetrieben arbeiteten, wurden von der NSDAP aufgefordert, in den Westerwald, nach Thüringen oder Sachsen zu ziehen. Von September bis November 1944 schrumpfte die Zahl der Einwohner Kölns von 445 000 auf 254 000, Ende Dezember waren es nur noch 178 000. Wie es damals in Köln aussah, beschreibt ein britischer Korrespondent so: "Ganze Industriezweige sind seit Wochen zum Stillstand gekommen. Die Einwohner Kölns leben in ihren zerstörten Häusern auf der Existenzstufe von Höhlenmenschen, ohne Gas und Strom."

Auch Margot Caspar sollte ihr Heim in Höhenhaus verlassen. "Wer schulpflichtige Kinder hatte, musste raus, sonst bekam er keine Lebensmittelmarken mehr", erinnert sie sich. Die damals 14-Jährige wollte aber nicht weg. "Wir ahnten doch, dass der Krieg in Köln bald zu Ende sein würde, und dann sollten wir noch nach Osten ziehen?" Margot Caspar, die entgegen allen Aufforderungen nie zu den Treffen des Bundes Deutscher Mädchen (BDM) gegangen war, meldete sich im Winter 1944 freiwillig zum Volkssturm. "Da saß ich mit anderen Mädchen im Bunker und wir stopften Strümpfe für die Soldaten. So konnte meine Familie in Köln bleiben."

Für Ruth Weise hingegen ist der Krieg untrennbar mit der Erfahrung der Flucht verbunden. "Im Dezember 1944 waren wir schon viermal ausgebombt worden", erzählt sie. Immer wieder ein neues Quartier suchen, immer die Sorge um Eltern und Geschwister. "Wir waren ständig auf der Flucht" - vor den Bomben, den Tieffliegern und später der näher rückenden Front. "Der Geschützdonner war seit dem Oktober 1944 ein ständiges Hintergrundgeräusch", sagt Weise. Damals als sie nach jeder Nacht im Luftschutzkeller nur froh war, noch am Leben zu sein, blieb keine Zeit darüber nachzudenken. Im Rückblick wird die Geschichte jener Jahre für sie immer ungeheuerlicher.

Zum Spielen blieb der 14-Jährigen keine Zeit. Die Freundinnen waren fort, und das junge Mädchen fühlt sich eigentlich schon erwachsen. "Als älteres Kind war man voll gefordert. Es ging jeden Tag ums Überleben, Organisieren war da alles. Und dann belegte einen auch noch die Hitlerjugend mit Beschlag." Bis heute kann Ruth Weise den Fahneneid auswendig - "ewig diese schreckliche Singerei" - und erinnert sich an unzählige Sammeleinsätze: Papier, Wolle, Bucheckern, Brombeerblätter, alles wurde verwertet und getauscht.

Für den Weihnachtsabend 1944 hat sie für die kleine Schwester Puppenkleider aus Stoffresten genäht und aus Zigarettenpapier kleine Sterne für den Baum gebastelt, der von irgendwoher aufgetaucht war. "Wir haben versucht, für die Kleinen ein wenig Weihnachtsstimmung zu schaffen." Am Tisch der Familie saßen auch einige Soldaten, die im selben Haus einquartiert waren. "Das waren Männer aus dem Afrikacorps", erinnert sich Weise, "und zwei Russen. Der eine erzählte uns, dass die Stalinisten seine Familie verschleppt hatten und er deshalb in die deutsche Armee eingetreten war. Wir haben die Kerzen aus der Notration angezündet, ich habe aus dem Weihnachtsevangelium gelesen und dann haben wir alle zusammen mit belegter Stimme »Oh du Fröhliche« gesungen."

Kein Alarm habe sie in dieser Nacht in den Keller geschickt, meint Ruth Weise. Ein paar Kilometer entfernt jedoch verbrachten Menschen auch diese Nacht wie so viele andere im Bunker. "Zusammen mit meiner Freundin bin ich am Abend in den Wald gegangen, um uns ein Bäumchen zu organisieren", erzählt Margot Caspar. "Wir hatten eins gefunden, da sahen wir am Himmel die Lichterketten der "Fallschirmchen" (auch "Christbäume" genannt, Anm. d. Red.), mit denen die Flugzeuge vor dem Bombenabwurf alles taghell erleuchteten. Wir haben den Baum fallen lassen und sind nur noch zum Bunker gelaufen."

Höhenhaus ist am 24. Dezember 1944 verschont geblieben. Die amtliche Kölner Statistik verzeichnet zwischen 18.15 Uhr und 19.25 Uhr lediglich 490 Sprengbomben auf verkehrswichtige Ziele wie den Flughafen Butzweilerhof und den Bahnhof Köln-Nippes.

Für Familie Kaufmann in Bickendorf war es ein ganz besonderer Tag. Die Eltern feierten ihre Silberhochzeit, und im Herbst hatte die Mutter nach einem schweren Bombenangriff versprochen: "Wenn wir an Weihnachten noch leben, brate ich für alle eine Gans." Die war extra aus Berchtesgaden geholt worden und schmorte schon im Ofen als der Drahtfunk die anfliegenden Bomberverbände ankündigte. "Die hundertfach eingeübten Handgriffe für die plötzliche Flucht in den Keller wurden diesmal durch eine neue Disziplin »Gans auf den Balkon stellen« ergänzt", schreibt Karl Kaufmann in seinen Erinnerungen.

Als die Familie unversehrt wieder aus dem Keller kam, war die Gans mit Glassplittern aus zerstörten Fenstern gespickt, aber etwas anderes nahm aller Aufmerksamkeit in Anspruch. Über der Venloer Straße schwebte ein englischen Flieger an seinem Fallschirm herunter. "Wenn der in falsche Hände gerät, wird er totgeschlagen", sagte Karl Kaufmanns Vater. Und in der Tat wurde der Flieger umringt und beschimpft, aber einem Nachbarn der Kaufmanns gelang es, ihn in ein Gefangenenlager zu bringen. In Weihnachtsstimmung, schreibt Kaufmann, sei danach niemand mehr gewesen.

Noch unmittelbarer betroffen von den Einschlägen jenes Abends war der Augenzeuge Willi Weirauch. In dem Band "Frontstadt Köln" schreibt er: "Meine Eltern und ich hockten geduckt am Boden und wurden durch den Luftdruck der explodierenden Sprengbomben in eine dichte Staubwolke gehüllt. (...) Dann, gegen Ende des Angriffs, ließ eine fürchterliche Explosion die Erde erbeben: Der Munitionszug (im Bahnhof Nippes, Anm. d. Red.) war in die Luft geflogen. (...) Als wir nach oben kamen, sahen wir die »Weihnachtbescherung«. (...) Der bereits von mir geschmückte kleine Weihnachtsbaum war samt Fensterrahmen im Vorgarten gelandet. »O Tannenbaum, O Tannenbaum, wohin bist du geflogen«, sang mein Vater in seiner durch nichts zu erschütternden Art."

Der zerstörten Stadt hat der junge Robert-Günter Thiele, damals Mitglied der katholischen Jugend, in einem Gedicht ein Denkmal gesetzt. "Verschwunden sind die Straßen, die schönen Kirchen all, aus Trümmern ragt hervor nur des Hohen Domes Hall", dichtet er im Januar 1945. Aber auch von "Terrorbombern" und "Mördern, die nichts mehr hält", ist in den neun Strophen die Rede. Rührend und entsetzlich zugleich empfindet Thiele heute seine Worte von damals. "Ich habe das Vokabular der NS-Ideologen übernommen trotz all der Widerstände, die es doch in unseren Reihen gab." Auch im Rückblick behält dies für ihn etwas Unerklärliches.


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