ZeitungsanzeigenAbo | Mediadaten
Schriftgröße

Der Tod war alltägliche Erfahrung

Von ALEXANDRA KLAUS, 17.02.05, 15:28h

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs haben Kinder ihre Unbeschwertheit längst verloren. Sie spielen in Trümmern, verleben angstvolle Nächte im Bombenhagel. Dann müssen sie auch noch helfen, den Wahnsinn zu verlängern. Zeitzeugen schildern ihre Erinnerungen an eine Kindheit im Krieg.

Das Gemälde "Schneeschmelze auf dem Rigi" hängt noch an derselben Stelle, an der es schon vor 60 Jahren hing. Das Wohnzimmer ist dasselbe, in dem Irene Wolters vor 60 Jahren als Neunjährige im Bombenhagel ihre heilige Kommunion feierte. Wenn die Kölnerin heute in ihrem Elternhaus sitzt und das Bild von der Schweizer Berglandschaft betrachtet, treten ihr manchmal Tränen in die Augen. Denn es ruft Erinnerungen wach an ihre Mutter, eine Schweizerin, die auf tragische Weise getötet wurde, als der Krieg im Rheinland eigentlich schon zu Ende war.

"Als am 6. März 1945 die Amerikaner vormittags durch unsere Straße zogen, fielen meine Eltern und ich uns glücklich in die Arme, in der Hoffnung, den Krieg einigermaßen gut überstanden zu haben", erinnert sich Irene Wolters, die die letzten Kriegsmonate als Zehnjährige in einem beinahe menschenleeren Vier- tel verbracht hatte. Die Nachbarn waren fast alle evakuiert worden, weil die Gegend Widerstandsgebiet werden sollte. Doch der Vater hatte sich geweigert, das Haus aufzugeben. "Als nun die Befreier kamen, hing meine Mutter die Schweizer Nationalflagge aus dem Fenster und wollte dann meiner Schulfreundin und deren Mutter helfen, ihre Habseligkeiten wieder aus unserem Luftschutzkeller nach Hause zu tragen", schildert Wolters. Auf der Straße wurden Mutter und Freundin von einem Geschoss eines deutschen Offiziers getroffen, der weiterkämpfen wollte. Noch in der Nacht starben beide. "Ich musste mit ansehen, wie mein Vater im Hof zusammen mit einem Nachbarn aus Bohlenbrettern zwei Särge zimmerte." Der damalige Pastor von St. Albertus Magnus gestattete, dass beide als letzte Kriegsopfer von Köln am Krieler Dom beerdigt werden durften.

Der Tod wurde für Kinder zur alltäglichen Erfahrung. Leichen lagen in den Straßen, Angehörige und Freunde wurden getötet. Marlies Hack etwa sollte als 14-Jährige in ihrem Heimatort Kall 1944 zu Schanzarbeiten herangezogen werden, was ihre Mutter zu verhindern wusste: "So hat meine Mutter mir das Leben gerettet, denn schon am nächsten Tag waren zwei meiner Freundinnen tot - von einer Granate im Graben getroffen." Bruno Rödder (Jahrgang 1937), der mit seiner Mutter und drei Geschwistern aus Köln nach Ruppichteroth (Rhein-Sieg-Kreis) geflohen war, erinnert sich, wie Deserteure von SA- und SS-Männern durch das Dorf getrieben wurden. "Wir Kinder zogen hinterher, wurden dann aber zurückgeschickt. Wir verbargen uns hinter Sträuchern und hörten die Schüsse und Schreie aus der Entfernung. Ich könnte noch heute die Stelle zeigen, an der die armen Soldaten hingerichtet wurden." Weil die Väter meist an der Front kämpften, waren auch schon die Kleinsten gezwungen, in der Familie Verantwortung zu übernehmen. "Ich musste kochen, Strümpfe stopfen und stricken", erzählt Franz Köpp, der als Sechsjähriger 1944 mit der Familie aus dem zerbombten Haus in Rodenkirchen nach Köln-Weiß geflohen war. "Und wir mussten Organisationstalent beweisen, aus nichts was machen." So hätten die Kinder im Rhein winzige Fischchen mit Heuschrecken-Ködern geangelt und diese dann in Rapsöl gebacken, das sie nach einer Schiffsbombardierung aus dem Rhein abgeschöpft hatten. Ein geregelter Schulbetrieb war seit Beginn des Krieges nicht mehr möglich. Außerdem herrschte durch Einberufungen Lehrermangel. "Wir haben in unserem Bunker in Weiß eine Tafel aufgestellt und das Abc gelernt, aber eigentlich stand uns nicht der Sinn nach Lernen", erinnert sich Franz Köpp. Teilweise wurden auch ganze Schulen umgesiedelt. So schildert Bruno Schweikert aus Frechen, dass sein Gymnasium in Lünen a. d. Lippe 1943 nach Pommern evakuiert wurde. Der Vater des damals Elfjährigen entschied, die Familie nach Roetgen in der Eifel zu bringen. "Der Lünener Schuldirektor Dr. Kramer drohte meinem Vater, dass ich nach dem »Endsieg« in Deutschland keine höhere Schule mehr besuchen werde, weil ich nicht mit der Schule ging", berichtet Schweikert. Für die Kriegskinder gab es wenig Möglichkeiten, der brutalen Realität des Kriegs für ein paar Augenblicke zu entfliehen. Im Freien war das Spielen zu gefährlich, außerdem mangelte es an Spielzeug. Wenige Kinder waren so glücklich wie Marlies Hack, die ein "Mensch-ärgere-dich-nicht"-Brett besaß. "Wir mussten immer improvisieren. Aus Pappkartons bastelten meine Freundin Rita und ich uns eine Puppenstube, mit Möbeln aus Streichhölzern", sagt Irene Wolters. Granatsplitter seien bei den Kindern begehrte Sammlerobjekte gewesen, die sie blank polierten und mit Freunden tauschten. Dass der Krieg Einzug in das kindliche Spiel hielt, bestätigt auch Franz Köpp: "An einer Vierling Flak konnte man wunderbar dran rumdrehen, und in den Trümmern spielten wir Krieg. Das war spannend, und die Erwachsenen machten es uns ja vor."

Bitterer Ernst wurde dieses "Kriegsspiel", wenn die Einberufung zum Arbeitsdienst oder als Flakhelfer erfolgte. In Köln mussten alle "Männer" der Jahrgänge 1927 bis 1930 ab 5. Januar 1945 ihren Dienst beim "Baueinsatz Westwall" antreten. Tausende versammelten sich an der Berliner Straße in Mülheim, um zum Einsatzort transpor- tiert zu werden. Ähnlich verhielt es sich im gesamten Rheinland. Unter dem Titel "Missbrauchte Jugend" schildert Paul Schmidt aus Neunkirchen-Seelscheid in den "Heimatblättern", wie er als 14-Jähriger mit seinen Schulkameraden an den Westwall geschickt wurden, um Gräben auszuheben. "Zu unserer eigenen Sicherheit beeilten wir uns mit dieser Arbeit sehr. Je tiefer wir die Gräben und Löcher gruben, desto größer war der eigene Schutz vor den feindlichen Tieffliegern", schreibt Schmidt.

Die Furcht war auch bei den Kindern groß, die die letzten Kriegswochen überwiegend in Bunkern verbrachten. Den Einmarsch der Amerikaner Anfang März empfanden sie daher nahezu alle als Befreiung. Bruno Rödder erinnert sich: "Es zeigte sich, dass die Amis ganz nette Kerle waren. Der erste Satz, der uns in englischer Sprache beigebracht wurde, war: »Häw ju Tschoklät?« Und dieser Satz hat uns Kindern oft Erfolg gebracht."


Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Newsticker


Anzeige


Bundesliga Liveticker


Anzeige





Bildergalerien


RHEINLAND WETTER



Special


ksta-blogs.de



Blog zur ksta.tv-Sendung



Aktion


Aktion





Aktuelle Verkehrsinfos


Termine

Veranstaltungssuche

 

Veranstaltungs-Tipps

Manic Street Preachers

22. April 2012,
E-Werk Köln

 

Mein ksta.de


ksta.de auf Facebook

KSTA auf Facebook

Meistgelesene Artikel


Stadtmenschen Community


Extra


Die 5 beliebtesten Pausenspiele

Mahjongg Fortuna
Zuma
Zuma »
1507 Spieler
Bookworm
Bookworm »
1263 Spieler
Bubble Shooter
Bubble Shooter »
1034 Spieler
Bejeweled 2
Bejeweled 2 »
956 Spieler

Brutto / Netto Rechner

Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.) Steuerklasse

Dienste