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Der Mensch als Bündel von Redensarten

Von MICHAEL HESSE, 25.02.05, 07:12h, aktualisiert 25.02.05, 11:39h

Eitorf - Der katholische Kirchenkritiker Drewermann sprach in der Evangelischen Kirche. Das Christentum nennt er eine therapeutische Religion: Hilfe statt erhobener Zeigefinger.

Das Christentum nennt er eine therapeutische Religion: Hilfe statt erhobener Zeigefinger.

Eitorf - Der exaltierte Kirchen- und Papstkritiker Eugen Drewermann fesselte sein Publikum mehr als 90 Minuten lang. Es gelang ihm, ohne allzu kräftige Salven Richtung Rom und Vatikan zu schießen. Schließlich begibt sich auch ein Revolutionär wie er irgendwann in seichtere Gewässer. Das hat auch den Vorteil, viel tiefer blicken zu können als auf der hohen, aufgewühlten See. So gingen die zumeist protestantischen Besucher der evangelischen Kirche in Eitorf mit Drewermann, dem Katholiken, auf Entdeckungsreise in der oder besser ihrer Seele.

Denn Drewermann beherrschte es nahezu perfekt, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich jeder persönlich angesprochen fühlen konnte. Pfarrer Rolf Thumm hatte den gemaßregelten Theologen zu einem Vortrag zum Thema „Jesus von Nazareth - Befreiung zum Frieden“ gebeten. Der Untertitel der Veranstaltung, der frei nach Luther gewählt wurde, „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ stellte eher die Erfordernisse des Lebens dar.

Drewermann erörterte Hilflosigkeit, Haltlosigkeit und Verzweiflung des Menschen, diese sollten das Publikum hinführen zu einer Erneuerung einer Mitleidsethik. Bis dahin waren einige Etappen zurückzulegen über den Ursprung des Guten und Bösen, Kritik an den politischen Verhältnissen, allgemeiner Fortschrittsskepsis bis zur Frage nach dem rechten Umgang mit Schuld. Drewermann entfächerte die Kategorien theologischer Morallehren gekonnt, vor allem da er sich immer wieder der besten Erläuterungstechnik bediente: der konkreten Anschauung aus dem Leben.

Lebendige Beispiele

Um das Leid zu mindern empfahl der Theologe eine Praxis des Mitleids und Mitgefühls, auch weil er hierin einen Kern der Lehre des Neuen Testaments und Jesus erblickte. Die Besucher der evangelischen Kirche wurde mit vielen Beispielen und Episoden aus dem Leben bedacht. Und dabei legte Drewermann gekonnt den Finger in die zivilisatorischen Wunden. So deutete er das Anspruchsdenken, das der Einzelne nicht gegenüber der Gemeinschaft, sondern in der Erwartungshaltung sich selbst gegenüber hat, als Wurzel seelischer Krankheit. Er zitierte den Psychologen Alfred Adler, der 1915 als Schüler Sigmund Freuds geglaubt hatte: „Alle seelischen Erkrankungen resultieren aus einer Lüge.“

Immer wieder bediente er sich einer psychoanalytischen Exegese von Bibelstellen. So deutete er den Begriff der „Besessenheit“ im Kontext persönlicher Identität: „Wer bin ich? Ein Bündel von Redensarten. Jeder weiß, wer ich zu sein habe“, deutete der Theologe auf Erwartungen der Anderen hin, die ihre Mitmenschen in eine uneigentliche Selbstauslegung hineindrängen. Freiheit kommt eben genau da ins Spiel, wo sich Menschen der Etikettierungen entledigen. Das geschieht aber auch bei den so genannten Schicksalsschlägen, wenn plötzlich die Welt des gewohnten Ablaufs in sich zusammenstürzt und nichts mehr ist, wie es dem Selbstverständnis entspricht. „Wenn die Energie des Außenmotors stottert und etwas zerbrochen ist, eine Vision oder ein Ziel nicht mehr erreichbar ist, dann benötigt man jemanden, der kommt“, verwies Drewermann auf die Rolle Jesus von Nazareth, der gerade deshalb der Obrigkeit suspekt wurde, weil er die Menschen mündig machte - oder ihnen in Anspielung auf den Untertitel der Veranstaltung lehrte, ihre Freiheit zu gebrauchen.

„Das Christentum ist eine therapeutische Religion“, sagte Drewermann, „der Mensch braucht keinen gehobenen Zeigefinger, sondern einen Menschen, der hilft.“



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