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Kinder sollten Panzer stoppen

Von CARL DIETMAR, 25.02.05, 07:39h

Alte Männer mit schrottreifen Gewehren, Jugendliche, die bis zu ihrem ersten Einsatz keine Patrone verschießen durften - das war das letzte Aufgebot, das zu Beginn des Jahres 1945 den Vormarsch der Amerikaner stoppen sollte.

Bild: AGK
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Ein Wehrmachtsangehöriger unterweist Jugendliche kurz vor Kriegsende in der Benutzung einer Panzerfaust.
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Ein Wehrmachtsangehöriger unterweist Jugendliche kurz vor Kriegsende in der Benutzung einer Panzerfaust.
Alte Männer mit schrottreifen Gewehren, Jugendliche, die bis zu ihrem ersten Einsatz keine Patrone verschießen durften - das war das letzte Aufgebot, das zu Beginn des Jahres 1945 den Vormarsch der Amerikaner stoppen sollte.

Köln, im Februar 1945 - die Front rückt immer näher. In der zerstörten Stadt gibt die NSDAP-Gauleitung unablässig Durchhalteparolen aus. Gaulleiter-Stellvertreter Richard Schaller ruft bei einer Besprechung in der Kamekestraße zu heroischem Widerstand auf: „Wir werden unser Köln verteidigen. Wir verteidigen den Raum dieser Stadt, die einmal die schönste und ruhmvollste am deutschen Rhein gewesen ist und die sich nun vor dem ganzen deutschen Volk bewähren will!“

Die NS-Behörden sind damit beschäftigt, die letzten Reserven zu mobilisieren. Bereits am 5. Januar waren männliche Angehörige der Jahrgänge 1928 bis 1930, die noch nicht zum Arbeitsdienst oder als Flakhelfer eingezogen worden waren, aufgefordert worden, sich als Fronthelfer zu melden. Tausende Jugendliche kamen damals in der Berliner Straße in Mülheim zusammen, um zum „Ehrendienst der Heimatverteidigung“ anzutreten.

Die Organisation des Endkampfes hatte im September 1944 begonnen, als Hitler den Befehl zur Bildung des „Deutschen Volkssturms“ erteilt hatte. Der Erlass wurde erst drei Wochen später publiziert, als die ersten Volkssturmverbände aufgestellt waren. Propagandaminister Joseph Goebbels hatte bei dieser Gelegenheit den Dichter Theodor Körner aus der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon zitiert: „Nun Volk steh' auf und Sturm brich' los!“

Der Sturm war aber damals längst über das „Großdeutsche Reich“ hereingebrochen. Bereits im September 1944 hatten alliierte Verbände die westlichen Reichsgrenzen erreicht, zahllose Städte lagen infolge permanenter anglo-amerikanischer Luftangriffe in Schutt und Asche - besonders schwer getroffen war Köln: Keine andere deutsche Stadt ist so oft bombardiert worden, bis Kriegsende insgesamt 262-mal.

Schon 1943 war die „deutsche Jugend der mittleren und höheren Schulen“ zur Dienstleistung bei der „Luftverteidigung des Vaterlandes“ aufgefordert worden. Die Jungen, zumeist gerade mal 16 Jahre alt, wurden selbst zur Bedienung der Flak ausgebildet und eingesetzt. Manfred Hertel, Jahrgang 1924, war Fallschirmjäger - er fungierte im Herbst 1944 an der holländischen

Grenze als Ausbilder für „Kriegsfreiwillige“: „Mit der Ausbildung wurde sofort begonnen. Mich teilte man dem Granatwerferzug zu, weil ich in der Bretagne gelernt hatte, mit Granatwerfern umzugehen. Als Zwanzigjähriger mit »Fronterfahrung« gehörte ich schon zu den »alten Kämpfern«. Die Kameraden meiner Gruppe waren alle mindestens drei Jahre jünger als ich. Fast alle stammten aus dem Kölner Raum - irgendwie taten sie mir alle leid.“

Gerade diese Altersgruppe hatte bei den Kämpfen im Hürtgenwald die blutige Realität des Krieges kennen gelernt. Walter Rimkus aus Köln-Sülz (Jahrgang 1930) erinnert sich: „In der Nähe von Mariawald waren wir in ein Wehrertüchtigungslager der HJ verlegt worden. Dort erlebten wir an einem Oktobertag 1944 einen Jagdbomber-Angriff. Es war kurz nach dem Mittagessen. Es hatte verbrannte Erbsensuppe gegeben, als urplötzlich die Flugzeuge wie aus dem Nichts auftauchten. Die »Jabos« waren durch den Rauch des Schornsteins aufmerksam geworden und schossen mit ihren Bordwaffen in unsere Baracke. Drei Kameraden waren sofort tot und 23 schwer verletzt.“

Dem Volkssturm sollten nach den komplizierten Ausführungsbestimmungen zunächst alle männlichen Jahrgänge von 1884 bis 1924 angehören, also die Zwanzig- bis Sechzigjährigen, soweit sie noch nicht in der Wehrmacht oder der Waffen-SS Dienst leisteten, ein weiteres Aufgebot betraf die Jahrgänge 1925 bis 1928. So hoffte die Nazi-Parteileitung, weitere sechs Millionen Männer ins Feld führen zu können. In Köln funktionierten indessen die Verwaltungs- und Erfassungsstrukturen seit dem Oktober 1944, als die Stadt tagelang bombardiert worden war, nur noch in Ansätzen. Damals waren auch die Strom-, Telefon- und Wasserleitungen fast vollständig zerstört worden - und das Haus des Wehrbezirkskommando I in der Merlostraße war ausgebrannt.

„Wegen der chaotischen Verhältnisse wurden in Köln viele Einberufungen erst viel später verschickt“, erzählt Willy Nießen, Jahrgang 1927. Nießen war im Justizdienst tätig und galt bislang nur als „arbeitsdienstverwendungsfähig“. „Mich hat man erst zum 13. Februar 1945 zum Volkssturm einberufen.“ Nießen musste sich, während dumpfes Grollen das Kommen der Front ankündigte, auf dem Schulhof in der Simon-Meister-Straße melden, „jeden Morgen um acht, geschlafen haben wir zu Hause“. Auf Schulhöfen wurden auch in anderen Stadtteilen die neu gebildeten Kompanien ausgebildet, alte Männer, Jugendliche und sogar Kinder, alle in Zivil, die meisten erhielten nicht einmal einen Stahlhelm. Durch eine Armbinde mit der Aufschrift „Deutscher Volkssturm - Wehrmacht“ waren sie immerhin als Kombattanten im Sinne der Genfer Konvention gekennzeichnet.

„Man drückte uns zwar alte Karabiner in die Hand - um Munition zu sparen, wurden wir aber nicht an der Waffe ausgebildet“, erinnert sich Nießen. Da sich die Wehrmacht

weigerte, Waffen aus ihren Beständen abzugeben, bestand die Ausrüstung des Volkssturms zumeist aus Beutewaffen, die kein anderer haben wollte. Wie aussichtslos die Bewaffnungssituation war, zeigte sich auch bei einem in der Nähe von Köln eingesetzten Volkssturmbataillon: Eine Kompanie, bestehend aus 80 Mann, erhielt gerade mal acht italienische Gewehre, eine andere Kompanie belgische Gewehre ohne Munition sowie Revolver und Pistolen aus dem 19. Jahrhundert, eine dritte französische Karabiner des Modells 1886.

Allenfalls auf die Ausbildung der so genannten „Panzernahbekämpfungstrupps“ wurde Wert gelegt - deren Angehörige hatten als einzige Volkssturmmänner die Gelegenheit, mit der Panzerfaust scharf zu schießen - damit sie sich von der Wirksamkeit ihrer Waffe überzeugen konnten. Auch aus Hitler-Jungen wurde ein derartiger Trupp zusammengestellt, aus 15 / 16-Jährigen wohlgemerkt, die in der Wahner Heide für den Ernstfall gedrillt wurden. Im Gau Köln-Aachen durften immerhin 20 Prozent der vorhandenen Munition zu Übungszwecken verschossen werden.

Nießens Volkssturmbataillon, befehligt vom NSDAP-Ortsgruppenleiter, rückte dagegen aus, um an der Inneren Kanalstraße Schützengräben auszuheben. „Oft konnten wir gar nichts unternehmen, denn immer wieder kamen die amerikanischen Jabos, und wir suchten verzweifelt Deckung in den Kellern der zerstörten Häuser in der Umgebung.“

Doch all die Schanzen, Gräben und Panzersperren, die die Kompanien, der Winterkälte trotzend, anlegten, konnten den Vormarsch der Amerikaner nicht stoppen; wie viele Angehörige des Volkssturms beim Kampf ums Rheinland ihr Leben lassen mussten, ist nicht zu ermitteln. Zur Verteidigung Kölns standen, offiziellen Angaben zufolge, nur zwei reguläre Regimenter mit etwa 6000 Mann bereit; die Wehrmacht machte indessen keine Anstalten, Köln wie ein zweites Stalingrad zu verteidigen. Angesichts der alliierten Übermacht verhielten sich die meisten Volkssturmmänner - so schreibt der Historiker Franz Seidler - „wie die Soldaten: sie flohen“.

Auch Willy Nießens Kompanie löste sich auf - nach dem furchtbaren Luftangriff vom 2. März 1945: „Wir waren froh, überhaupt mit dem Leben davongekommen zu sein.“



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