Von CARL DIETMAR, 02.03.05, 07:25h, aktualisiert 02.03.05, 08:50h
Alle Straßen waren verschüttet, ein Durchkommen fast unmöglich. Unser Weg durch Köln führte über einen einzigen Schutthaufen, nur mit größter Mühe konnten wir über die Trümmer hinwegklettern; Lastwagen mit Toten und Verwundeten, Krankenträger mit ihren Bahren mühten sich über die Trümmer, überall lagen Tote herum. Nach vielen Umwegen kamen wir endlich in der Breite Straße an, ein Schutthaufen war alles, was vom Pressehaus übrig geblieben war - zum Glück hatten die Keller gehalten, so dass alle mit dem Schrecken davongekommen waren; die Rohre waren
zum größten Teil geplatzt, in allen Räumen stand Wasser.“
Es war der 2. März 1945, als Eugen Funk, mehr als 30 Jahre lang Korrektor beim Stadt-Anzeiger, diese
Worte in sein Tagebuch schrieb. Funk schilderte, wie seine Volkssturmeinheit nach dem Ende des Angriffs aus der Universität in die Innenstadt „abrückt“ - in Richtung Pressehaus, das durch 15 Bombentreffer zerstört worden war.
Veronika Dold aus Wesseling hat den Angriff in Zollstock erlebt, sie arbeitete damals bei der Firma Pohlig. „Gegen 9 Uhr kam direkt Großalarm - und schon fielen die Bomben. Der Himmel war schwarz vor lauter Maschinen, es war unmöglich, bis zur Herthastraße zu kommen, so rannten wir voller Panik in den Keller unseres Verwaltungsgebäudes. Und dann schlugen die Bomben in nächster Nähe ein, der Keller bewegte sich wie ein Schiff im Orkan - ich dachte, jetzt ist das Ende da, ich hatte mich damit abgefunden, dass ich hier nicht mehr herauskam.“ Doch nach einigen Stunden ununterbrochener Detonationen, die Veronika Dold wie dieEwigkeit vorkamen, wurde es plötzlich still. „Die ganze Pohligstraße war ein einziger Bombentrichter.“
Köln war von Kriegsbeginn an bevorzugtes Ziel alliierter Bomber - keine andere deutsche Stadt ist so oft angegriffen worden, von Mai 1940 bis zum 2. März 1945 insgesamt 262-mal. Die Kölner hatten auch den ersten flächendeckenden Großangriff auf eine deutsche Stadt erleiden müssen, den berüchtigten „1000-Bomber-Angriff“ vom Mai 1942, bei dem Tausende ums Leben gekommen waren. Nach den schweren Angriffen im Juni / Juli 1943 sah sich die Kölner NS-Führung sogar zu Trauerkundgebungen für die vielen Toten veranlasst. Spätestens seit Oktober 1944 war Köln ein einziges Trümmerfeld - im Februar 1945 lebten noch etwa 120 000 Menschen in Kellern, Erdlöchern und notdürftig in Stand gehaltenen Erdgeschosswohnungen, stets neue Luftangriffe fürchtend; seit dem 27. Februar lag die Stadt zudem unter Beschuss amerikanischer Artillerie.
Obwohl alliierte Aufklärer gemeldet hatten, dass es in Köln nichts mehr zu zerstören gab, wollten die Amerikaner - die bereits Zülpich und Lechenich erobert hatten und sozusagen vor den Toren Kölns standen - auch die letzten deutschen Widerstandsnester ausschalten. Und so versetzten 32 Wellen englischer und amerikanischer Bomber der Stadt den Todesstoß. Über den Angriff am 2. März gibt es keine Statistik, die behördlichen Aufzeichnungen beschränken sich auf die Registrierung der Anfangszeit des
Alarms; Zeitzeugen berichten indessen übereinstimmend, dass es einer der schwersten Angriffe war, selbst massive Hochbunker schwankten unter den Detonationen der tonnenschweren Sprengbomben. Im Keller des Polizeipräsidiums an der Krebsgasse, das bis dahin nur leicht beschädigt worden war, kamen 150 Beamte und SS-Männer ums Leben, Gas-, Wasser- und Stromversorgung brachen endgültig zusammen. Der Schutt der bisherigen Luftangriffe wurde buchstäblich „umgepflügt“.
Elmar Heimerzheim, Jahrgang 1928, beobachtete an der Ecke Gocher / Mauenheimer Straße, wie viermotorige Bomber, „vornehmlich schwarz gestrichene Nachtbomber der Engländer“, ihre tödliche Last über der Stadt abluden: „Deutsche Jägerabwehr gab es keine, die Flak schoss so gut und schlecht wie immer. Der Dom wurde erneut mehrfach getroffen, Sprengbomben- und Minen-Teppiche brachten Fensterhöhlenfassaden und Brandmauern zum Einsturz, Häuserzeilen krachten wie Kartenhäuser in sich zusammen, viele Menschen fanden unter
den Trümmern ihr Grab.“ In der Innenstadt wurden die romanische Kirche Groß St. Martin und das Rathaus durch schwere Treffer
weitgehend zerstört. Willy Nießen, Jahrgang 1927, erlebte den Angriff als Angehöriger einer Volkssturmeinheit am Inneren Grüngürtel. Es habe praktisch keine Vorwarnung gegeben: „Als die Flak zu schießen begann, waren die Lancaster schon über uns, wir suchten im nächsten Keller Schutz, dann ging es los, als kämen Güterzüge runter. Die Druckwelle einer detonierenden Luftmine riss die schweren Stahltüren aus den Angeln - und uns alle auf den Boden, wir waren wie betäubt.“
Dann verlagerten sich die Einschläge in Richtung Innenstadt, man konnte das Dröhnen der viermotorigen Bomber hören, „das ging in Mark und Knochen“. Die Explosionen der Sprengbomben im Stadtkern nahm Nießen als unterirdisches Grollen wahr. „Wir waren zu zehnt im Bunker - nach dem Angriff gingen wir auseinander, ich habe keinen meiner Einheit wiedergesehen.“ So wie Nießen dachten viele Volkssturmmänner - sie gingen einfach ihrer Wege. Und annähernd 80 000 Menschen flohen in den nächsten Tagen aus der Stadt.
Die Alliierten hatten ihr Ziel erreicht: Köln war sturmreif gebombt worden.
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