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Letztes Duell im Schatten des Doms

Von JAN W. BRÜGELMANN, CARL DIETMAR UND ASTRID WIRTZ, 05.03.05, 09:23h, aktualisiert 08.03.05, 12:10h

Der 4. März 1945 war ein Dienstag, und Frühling lag in der Luft. Unaufhaltsam rückten die US-Panzer vor - bis sie den Rhein erreichten. Am nächsten Tag, so hatten es die Kommandeure der „3rd Armored Division“ beschlossen, sollten 15 000 Soldaten zum finalen „Push“ auf die Metropole antreten - oder auf das, was von ihr übrig geblieben war.

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Panzer der US-Armee stehen in der zerstörten Innenstadt von Köln.
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Panzer der US-Armee stehen in der zerstörten Innenstadt von Köln.
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Die Türme des Doms dienten den Alliierten als Orientierungshilfe beim Anflug auf Köln.
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Es war ein Dienstag, und Frühling lag in der Luft. Unaufhaltsam rückten die US-Panzer vor - bis sie den Rhein erreichten.

Aurio Pierro hatte ein mulmiges Gefühl - und damit stand er nicht alleine. Am 4. März 1945 lag der 24-jährige US-Soldat mit seiner Einheit wenige Kilometer nördlich der Kölner Stadtgrenze. Am nächsten Tag, so hatten es die Kommandeure der „3rd Armored Division“ beschlossen, sollten Pierro und knapp 15 000 weitere Soldaten zum finalen „Push“ auf die Metropole am Rhein antreten - oder auf das, was von ihr übrig geblieben war.

„Meine Kameraden und ich hatten während der Ardennen-Offensive drei Monate vorher hautnah mitbekommen, was es heißt, gegen fanatische Nazi-Soldaten zu kämpfen“, erinnert sich der inzwischen 84-jährige Pierro, der im US-Bundesstaat Massachusetts lebt. „Traue keinem Deutschen, Hitler hat nicht umsonst ganz Europa mit dem Krieg überziehen können“, wurde den jungen GIs immer wieder eingebläut, die neun Monate nach ihrer Landung in der Normandie mehr als 800 Kilometer weit zum Rhein vorgestürmt waren und dabei schwere Verluste erlitten hatten.

Am Morgen des 5. März rückten die Amerikaner vor. „Das Rasseln der Panzerketten erschütterte den Boden, und dann donnerte es gegen die Haustür: »Aufmachen!«“. Anne F., Jahrgang 1931, erinnert sich noch ganz genau: „Eine meiner Schwestern, die etwas Englisch konnte, erklärte einem Offizier, dass keine deutsche Soldaten im Hause seien.“ Die misstrauischen Amerikaner ließen sich dennoch alle Räume zeigen, und so musste auch Anne F. einen Soldaten in den zweiten Stock führen. „Also stieg ein bibberndes 14-jähriges Mädchen mit dem Soldaten die Treppen hinauf. Ich musste die Türen öffnen, die Rollläden hoch ziehen, die Betten aufdecken - und das alles mit einem Gewehr im Rücken. Können Sie sich vorstellen, wie mir zumute war?“ Für die Amerikaner waren die Hausdurchsuchungen lebenswichtig. Schon mehrfach hatten sie die Erfahrung gemacht, dass ihre Soldaten auch dann noch von Heckenschützen beschossen wurden, nachdem sich reguläre Truppen oder Volkssturm-Angehörige ergeben hatten.

Die nordwestlichen Stadtteile Kölns wurden von den Amerikanern besetzt, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. In Worringen etwa hatte sich eine Gruppe von Volkssturmmännern an der St.-Tönnis-Straße verschanzt. Agnes Glasmacher, Jahrgang 1924, blickt zurück: „Das waren Jugendliche mit Panzerfäusten. Doch einige Männer nahmen ihnen die Waffen ab. Mein Onkel hat die Jungen angeschrien: »Ihr wullt doch nit mit su 'ener Ääpelsquetsch (Kartoffelstampfer, die Red.) Amerika ophalde?«“

In mehreren Keilen rückte die US-Army auf die Kölner Innenstadt vor. Aus Worringen und Pulheim ging es für die „3rd Armored Division“ immer geradeaus Richtung Zentrum, die 104. Infanterie-Division kam aus Westen und sollte die Gegend zwischen Aachener und Luxemburger Straße sichern. Zwei Kameramänner fuhren in den beiden Kommandos der „3rd Armored Division“ mit und filmten kurz nach Erreichen der Stadtgrenze, wie sich Hunderte von deutschen Soldaten ergaben und Zivilisten weiße Fahnen schwenkten.

Zu kurzen Scharmützeln mit den Verteidigern kommt es immer wieder, nur am Flughafen Butzweiler Hof liefern sich US-Panzer ein längeres Gefecht mit deutschen Artilleriestellungen. In Klettenberg erhält eine deutsche Geschützstellung einen Volltreffer. 20 Soldaten sterben.

Am Nachmittag des 5. März - nur vereinzelt fielen noch Schüsse - hatten erste US-Einheiten Nippes erreicht. Zusammen mit seinem Vater erwartete Volkssturmmann Willi Nießen (Jahrgang 1927) die Amerikaner im Keller eines zerstörten Hauses in der Geldorpstraße, seine Einheit hatte sich nach dem verheerenden Bombenangriff vom 2. März aufgelöst. Die Nießens sahen noch versprengte deutsche Soldaten, die sich zur Hohenzollernbrücke durchschlagen wollten. „Wir hatten gerade den Keller verlassen, als einige US-Panzer in unsere Straße einbogen. Ein Stoßtruppführer kam auf uns zu. Uns rutschte das Herz in die Hose, doch er redete beruhigend auf uns ein: »You are lucky, the war is over for you!« und bot uns Zigaretten an. Dann ging er wieder zum ersten Panzer, und die Kolonne rollte weiter.“

Im Bunker an der Herthastraße in Zollstock saßen Elfriede Hack und ihr Vater schon seit Tagen.

„Wir konnten nicht mehr in unsere Wohnung am Zollstocksweg“, sagt die heute 80-jährige, „die Geschützfeuer kamen immer näher.“ Und damit die Angst. „Werden sie uns alle abmurksen.“ Was würden sie mit den Frauen machen? „Die Neger werden euch alle vergewaltigen.“ So unkten noch am Morgen die letzten Nazis im Bunker. Doch dann waren sie plötzlich verschwunden.

Noch 60 Jahre später kann sich William Ruth im US-Bundesstaat Ohio noch gut erinnern, wie misstrauisch viele Deutsche den US-Truppen begegnen. „Ihre eigene Propaganda hatte ihnen alle möglichen Horrorszenarien eingeredet“, erzählt Ruth, der mit einer Versorgungseinheit der „3rd Armored Division“ am 8. März in das befreite Köln kam. Doch bestätigt Ruth die Geschichten vieler anderer US-Veteranen, die deutsche Städte eroberten. „Die Kinder brachen das Eis. Sie kamen zu uns, wir gaben ihnen Süßigkeiten und etwas zu essen, und als sie wiederkamen, brachten sie die älteren Geschwister oder die Eltern mit.“

Otto Greve, Polizeihauptmann aus Sülz, schildert in seinem Erlebnisbericht, wie die Angehörigen der Kölner Polizei den Befehl erhielten, sich am 4. März um 18 Uhr vor dem Bunker in der Schnurgasse zu sammeln. „Hier werden die Polizeireviere in Kompanien eingeteilt, ich werde Führer der 3. Kompanie - so schnell geht das militärisch, obwohl ich doch seit 1918 nichts mehr vom Soldatensein wissen wollte.“ Greve, Jahrgang 1890, Weltkrieg-I-Teilnehmer, führte seine miserabel bewaffnete Kompanie am nächsten Tag „still und heimlich an den Ruinen entlang, durch die Zülpicher Straße zur Uni, Lindenthalgürtel, Stadtwaldgürtel zur Fürst-Pückler-Straße“, wo eine Befehlsstelle eingerichtet wurde.

Als bei Schusswechseln einige seiner Leute verwundet, einer getötet wurde, befahl Greve den Rückzug. Auch seine Kompanie wollte

sich über die Hohenzollernbrücke auf die „Schäl Sick“ retten - „doch in der Nähe des Gürzenich sehen wir eine dicke, schwarze Wolke hochsteigen, wir zittern in einer gewaltigen Explosion, da flüstert einer: »Die Hohenzollernbrücke ist hochgegangen!«“ Auch den anderen auf dem Westufer verbliebenen Soldaten ist nun klar, dass mit der Brücke die letzte Fluchtmöglichkeit in den Rhein gesunken ist (siehe „Wann wurde die Hohenzollernbrücke gesprengt?“)

Der 6. März 1945 ist ein Dienstag, Frühling liegt in der Luft. Nach einer ruhigen Nacht treten die US-Soldaten an, um den letzten Widerstand in der völlig verwüsteten Stadt zu brechen. Die Ruinen indes boten fanatischen Nazi-Kämpfern zahlreiche Verstecke, aus denen heraus sie das Feuer auf die Amerikaner eröffneten. Doch jeder Widerstand ist zwecklos, die „3rd Armored Division“ will den Sack endlich zumachen. Gegen 14 Uhr rollt ein US-Panzer durch Unter Sachsenhausen. Er ist keine hundert Meter mehr vom Dom entfernt, als ein vereinzelter, am Rand der Domplatte verbliebener deutscher Panzer das letzte Duell sucht. Doch der deutsche Panzerkommandant hat sich verrechnet. Nachdem er den ersten amerikanischen Pershing-Panzer abgeschossen hat, gerät er selbst ins Visier eines zweiten US-Panzers. Durch die Marzellenstraße hindurch feuert der 19-jährige Schütze Clarence Smoyner drei Granaten ab. Kameramann James Blake filmt aus seiner Deckung heraus, wie die deutsche Panzerbesatzung verzweifelt versucht, aus dem brennenden Wrack auszusteigen. Das letzte Gefecht im Schatten des Doms kostet noch einmal sieben Männer das Leben - vier Deutsche, drei Amerikaner. Dann war der Krieg im linksrheinischen Köln zu Ende, die „Schäl Sick“ musste noch bis zum 15. April auf die Befreiung warten.

Alle Folgen unter:

www.ksta.de/kriegsende



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