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Dänemarks dunkler Fleck

Von HANNES GAMILLSCHEG, 22.03.05, 06:57h

Die Ahnenforschung bringt ans Licht, worüber lange geschwiegen wurde. Die Virgin Islands waren einst dänische Kolonien, die von afrikanischen Sklaven bewirtschaftet wurden.

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Einst Kolonialbesitz, heute Urlaubs-Idyll: die Jungferninseln.
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Einst Kolonialbesitz, heute Urlaubs-Idyll: die Jungferninseln.
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Camilla Marlene Jensen und ein Bild ihres Großvaters.
Grafik: Böhne
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Grafik: Böhne
Die Ahnenforschung bringt ans Licht, worüber lange geschwiegen wurde. Die Virgin Islands waren einst dänische Kolonien, die von afrikanischen Sklaven bewirtschaftet wurden.

Kopenhagen - Fünf Jahre lang hat Camilla Marlene Jensen in Südafrika gelebt und sich dort, wie sie sagt, sofort heimisch gefühlt. „Später begann ich nachzudenken: Warum hat mich Afrika schon immer interessiert?“ Bekannte hatten sie manchmal gefragt, ob sie nicht „afrikanisches Blut in den Adern“ habe, obwohl sie hellhäutig ist wie die meisten Dänen. Das krause Haar, obwohl blond, und ihre hohen Backenknochen geben der jungen Frau etwas apart Exotisches. „Quatsch“, hatte sie stets erwidert: Alle aus ihrer Familie waren hell wie sie.

Alle? Da gab es den Großvater, von dem sie lange Zeit nichts wusste. Er war verschwunden, kaum dass er eine Tochter gezeugt hatte, Camillas Mutter. Die wurde vom späteren Mann ihrer Mutter adoptiert, vom wirklichen Vater redete man in der Familie nicht mehr. Eine Geschichte, die die Neugier in Camilla weckte. Sie begab sich auf Spurensuche und fand die Adoptivpapiere. Darin las sie den Namen ihres Großvaters: Ernst Jensen. Dänischer konnte er kaum heißen, und ebenso dänisch sah er auch aus. Also hatte sie doch keine exotische Herkunft?

Um das Kapitel Spurensuche abzuschließen, rief Camilla bei der Frau an, die Ernst Jensen später geheiratet hatte. Ob sie etwas von dessen Vorfahren wüsste? Da erinnerte sich die alte Dame: „Sein Großvater kam aus Afrika. Nein, nicht aus Afrika. Aus Westindien.“ In diesem Moment verstand die 32-jährige Dänin, dass sie von den Sklaven abstammt, die vom späten 17. bis ins frühe 19. Jahrhundert an Afrikas Goldküste, dem heutigen Ghana, geraubt und in die Karibik verfrachtet wurden, um in den damaligen dänischen Kolonien auf den Westindischen Inseln auf Zuckerplantagen zu arbeiten. Und zu sterben.

Bei Recherchen in den dänischen Archiven bestätigte sich ihre Vermutung. Des Großvaters Großvater hieß nicht Jensen und war nicht weiß. Er hieß Charles Pickering und war der Sohn einer Sklavin auf St. Croix. Als Siebenjähriger war Charles nach dem Tod seiner Mutter von der Familie, der sie gedient hatten, nach Dänemark geschickt worden. In den Sklavenregistern fand Camilla zurück bis zu einer Frau namens Violet, die in Afrika von Sklavenhändlern gefangen und auf jene Inseln verschifft worden war, die heute Virgin Islands heißen - und 1917 von Dänemark an die USA verkauft wurden. Über sieben Generationen kann Camilla Marlene Jensen ihren Stammbaum bis an Afrikas Küste zurückverfolgen. „Ich bin eine afrokaribische Dänin“, stellt sie nach dreijähriger Suche nach ihren Wurzeln fest.

Dass die Dänen auch damals schon Meisterbürokraten waren mit einem Steuerwesen von unnachahmlicher Akribie, erleichtert heute den Nachfahren der einstigen Sklaven die Suche nach ihren Ahnen. In keinem anderen Land gibt es Sklavenregister, die den dänischen vergleichbar sind, denn man brauchte die Angaben für die Steuererhebung. Sklaven galten als Eigentum, ihr Besitz war mit einer Kopfsteuer belegt. Um Steuerschwindel zu verhindern, mussten die Register vollständig sein - mit Namen und Daten, wer wen „besaß“, wer starb, wer hinzugekauft wurde und mit welchem Schiff er kam. So steht im Kopenhagener Reichsarchiv nun 2,5 Kilometer Archivmaterial, das Auskunft gibt über ein verdrängtes Kapitel dänischer Geschichte.

Doch es ist „verblüffend, wie wenig man sich in Dänemark dafür interessiert hat“, sagt der Historiker George Tyson von den Virgin Islands, der ein Projekt über die afrikanischen Wurzeln des so genannten Westindien betreut. „Die Plantagen auf den Inseln haben viele Dänen sehr reich gemacht, doch niemand fragt danach, wie dieser Reichtum zustande kam.“ Für die harte Arbeit in tropischer Sonne wurden 100 000 Afrikaner auf dänischen Sklavengaleeren übers Meer verfrachtet, Zehntausende weitere starben unterwegs. „Doch wir hören nie von ihnen“, sagt der Journalist Alex Frank Larsen, der eine Fernsehdokumentation über die Sklavennachfahren gedreht hat. Die prunkvollen Palais, die vom Erlös der Zuckerfelder gebaut wurden, schmücken Kopenhagen noch heute. „Doch nirgends eine Gedenktafel, nirgends ein Monument, das an die Sklaven erinnern würde“, sagt Larsen. „Als mein Sohn aufs Gymnasium ging, standen in seinem Geschichtsbuch anderthalb Zeilen, dass wir die Westindischen Inseln an die USA verkauft haben. Die Zeit ist unsichtbar gemacht worden, weil sie nicht ins Bild des guten Dänemark passt.“

Jetzt konfrontiert die Suche der Nachkommen nach ihren Wurzeln Dänemark mit seiner Rolle als Sklavenhändlernation. „Diese Zeit können wir nicht einfach verschweigen“, sagt Camilla Marlene Jensen; „das war ja kein kurzes Kapitel, das waren mehr als 200 Jahre.“ Doch kaum einer der 100 000 Sklaven und ihrer Kinder, Enkel und Urenkel fand einen Platz im Bewusstsein der Dänen. Camilla ist eine Ausnahme, bei ihr haben die Vorfahren Gestalt angenommen. Zunächst während der Arbeit in den Archiven, dann bei Reisen in die Karibik. Sie zeichnete den Lebenslauf ihres Ururgroßvaters Charles Pickering nach, der schon als 16-Jähriger als Schiffsjunge aufs Meer ging und bereits mit 48 in einer Kopenhagener Armenklinik starb. Sie fand das Haus auf St. Croix, in dem ihre Urururgroßmutter Dienstbotin war, und die verfallene Sklavenhütte, in der sie wahrscheinlich wohnte.

„Es ist wichtig, seine Wurzeln zu kennen“, meint Camilla Marlene Jensen. „Ich will die Leute daran erinnern, dass auch Dänemark seinen Anteil am Sklavenhandel hatte.“ Nicht um falsche Schuldgefühle auszulösen: „Schlechtes Gewissen können wir zu nichts gebrauchen.“ Aber sie wünscht, dass in Kopenhagen ein Zentrum für „unser tropisches Kulturerbe“ errichtet wird, „damit auch dieser Teil unserer Geschichte im Bewusstsein verankert wird. Ich fühle, dass ich meinen Vorvätern ihre Identität zurückgeben muss“, sagt die junge Frau.



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