Von FRANK RÄTHER, 23.03.05, 07:00h
Rund um den äthiopischen Tana-See, der Quelle des Blauen Nil, leben 2,5 Millionen Menschen von Nahrungsmittelhilfe, obwohl sie ihre Felder bewässern und von den reichen Ernten sehr gut leben könnten. Tausende Kilometer weiter südlich leitet Ägypten das Wasser des Nils zu den Farmen in der Sinai-Wüste und exportiert von dort Getreide und Gemüse nach Europa. Und dies gilt als rechtens, da Ägypten zwei Drittel des Nil-Wassers nutzen darf, Sudan fast den gesamten Rest und die anderen acht Staaten, die im Nil-Einzugsgebiet liegen, kaum etwas. Dies wurde 1929 in einem Vertrag zwischen Großbritannien, der damaligen Kolonialmacht vieler ostafrikanischer Länder, und Ägypten festgeschrieben und drei Jahrzehnte später dann leicht modifiziert. Der Grund: Großbritannien sah Ägypten mit dem Suezkanal und in seiner politischen Bedeutung in der arabischen Welt als strategisch wichtig für die gesamte Geopolitik an. Und bis heute verweigert die Weltbank Äthiopien, Uganda, Kenia und den anderen Ländern des oberen Nil-Bassins Kredite für den Bau von Dämmen und Bewässerungsanlagen.
Kein Wunder, dass zwischen Äthiopien, woher 86 Prozent des Nil-Wassers kommen, und den Staaten rund um die großen Seen, aus denen der Weiße Nil entspringt, und Ägypten als Hauptverbraucher am längsten Fluss Afrikas immer wieder heftige Spannungen auftreten. Kenia, Uganda und Tansania wollen das Wasser des Victoria-Sees zur Bewässerung nutzen, ebenso Äthiopien den Blauen Nil. Ägyptens Wasserminister Mahmoud Abu Zeid sieht darin „eine Kriegserklärung“ und warnt, sein Land werde, wenn dadurch weniger Flusswasser ankomme, „mit politischen und wirtschaftlichen Sanktionen“ antworten. Viele in der Region befürchten, dass es sogar zu einem Einsatz der Armee kommen könnte. So fragt sich etwa Äthiopiens Präsident Meles Zenawi, warum „das Wüstenland Ägypten Spezialeinheiten im Dschungelkampf trainiert“, wenn es diese Vegetation doch nur in Ostafrika gibt?
Für Ägypten bedeutet der Nil nicht nur Leben, sondern Überleben. Neun Zehntel der 66 Millionen Einwohner leben entlang des Flusses - auf nur vier Prozent des Territoriums. Der Nil versorgt das Land mit Strom und Trinkwasser und ist zudem die Grundlage der gesamten Landwirtschaft an beiden Ufern. Von den 55 Milliarden Kubikmetern, die am Oberlauf des Flusses ins Land kommen, nachdem schon zehn Milliarden Kubikmeter vom großen Assuan-Stausee verdampft sind, fließen am Ende nur noch 300 Millionen Kubikmeter ins Mittelmeer.
Als der erste Vertrag 1929 abgeschlossen wurde, waren die Regionen südlich von Ägypten bis hin zum Äquator wenig besiedelt, ohne Industrie und unentwickelt. Doch ein Dreivierteljahrhundert später hat sich die Situation umfassend verändert. Nicht nur die auf das Dreifache gestiegene Bevölkerungszahl, sondern auch die sich entwickelnde Landwirtschaft und Industrie brauchen mehr Wasser. Und bis 2025 wird sich in den meisten Staaten des Nil-Bassins die Bevölkerung noch einmal verdoppeln.
Seit einem Jahrzehnt wird, vor allem unter dem Druck der Vereinten Nationen, versucht, die Situation mit der Bildung eines gemeinsamen Rates zur Wassernutzung des Nils zu entspannen. Doch bisher wurde dort nur geredet und Papier produziert. Eine Veränderung der Quoten hingegen und eine Anpassung der Wasserverteilung an die veränderten Bedingungen gab es nicht.
Äthiopien würde gerne 3,7 Millionen Hektar bewässern - und könnte sich damit auch in den immer wiederkehrenden Dürrezeiten selbst ernähren. Doch allein schon die Hälfte dieser Fläche würde 15 Prozent des Nil-Wassers verbrauchen. Als nächster Interessent dürfte bald die Administration von Südsudan hinzukommen, die für die landwirtschaftliche Selbstversorgung ebenfalls den Nil anzapfen will. Die „fetten Jahre“ des kostenlosen und reichlichen Nil-Wassers wären für Ägypten dann vorbei. Wenn es in absehbarer Zeit keine vernünftige Einigung über eine gerechte Nutzung des wertvollen Nass gibt, so warnt der niederländische Wasserexperte Jan Luijendijk, dann „würde es einen Krieg mit Ägypten bedeuten“.
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