Von MARTIN OEHLEN, 31.03.05, 07:03h
„Ich bedauere es, nicht mehr die Zeit zu haben, um meinen Gedanken Ausdruck zu verleihen“, schreibt Susan Sontag im Dezember 2004, an dessen 28. Tag sie gestorben ist. Mehr Zeit für die erste Veröffentlichung von Rainer Werner Fassbinders (1945-1982) früher Lyrik und Prosa, die soeben erschienen ist. Dabei handelt es sich um Texte aus den „Kölner Jahren“ 1962 und 1963, die den großen Filmregisseur im frühen dichterischen Ringen um Worte und Gefühle zeigen. Die amerikanische Autorin und deutsche Friedenspreisträgerin schreibt im Vorwort und „im Angesicht meiner eigenen Sterblichkeit“: „Ich wünschte, ich könnte mich weiterhin an Fassbinders unglaublichem Talent als Dichter und Erzähler erfreuen.“
Das Talent Fassbinder in Köln - das ist ein kaum beleuchtetes Kapitel. Es wurde aufgeschlagen, als der Künstler als junger Mann München und die Mutter verließ, die eine zweite Ehe geschlossen hatte. Rainer Werner rang ihr die Erlaubnis ab, zum leiblichen Vater nach Köln ziehen zu dürfen, wo er eine Abendschule besuchen wollte. Herausgeberin Juliane Lorenz schreibt über den Jugendlichen: „Freiheit, Ekstase und Rhythmus sind die Triebfedern, die seinen Geist und seinen poetischen Ausdruck von nun an bewegen.“ Schon in diesen frühen Texten deute sich an, was seine Filme später prägten: „Einsamkeit, Tod, Sehnsucht, gewonnene und verlorene Liebe, die Unmöglichkeit der Liebe, ohne die sich trotz allem nichts bewegt.“ Und dann noch: „Ein tiefes Mitgefühl für den vom Schicksal weniger beglückten und getriebenen Menschen, oft auf der Suche nach Gott, der ein Traum bleibt und den man sich erschaffen muss, um ihn zu finden.“
Die Kölner Gedichte und Prosatexte, darunter auch zwei Kurzhörspiele, hat er der Mutter als Jahrgangssammlung jeweils zu Weihnachten auf den Gabentisch gelegt. Die Kladden waren sauber getippt und mit Bildmotiven von Marc Chagall geschmückt. Den zweiten „Band“ hatte Fassbinder zudem der Erinnerung an US-Präsident John F. Kennedy gewidmet, der 1963 in Texas ermordet worden war. Seine Empörung mündet in dem Bekenntnis, einen Freund verloren zu haben: „Und nicht nur einen Freund, einen Helden, nach dessen Vorbild es sich zu leben lohnt. Für mich und für viele andere ist dieser Mann ein Held, vielleicht der einzige in unserer an wahrer Größe wirklich armen Zeit.“ Der Tränen müsse sich niemand schämen: „Es waren Tränen, die sich wahrhaft lohnten.“
Tatsächlich sind Gedichte und Prosa, die hier versammelt sind, kein Anlass, einen Dichter aufs höchste Podest zu heben. Auch hat er damit (bislang) keine Aufnahme im zweibändigen Kölner Autorenlexikon gefunden, das ansonsten praktisch jeden Dichter eingemeindet, der wenigstens einmal den Kölner Hauptbahnhof gesehen hat. Noch zaghaft und bescheiden sind verständlicherweise die ersten Versuche des 16-Jährigen, der kaum ein Gedicht ohne das Stichwort Liebe verklingen lässt. In vielen Versen auch ist es die Vergänglichkeit, die den Jüngling umtreibt, als hätte man sein Grab schon ausgehoben: „Ein bisschen Leben bleibt uns noch, der Rest / Und diese kurze Zeit, die wolln wir lieben, lieben.“ Manches schließlich wirkt wie eine unfreiwillig komische Aufwallung der Pubertät: „Jetzt ist' s so weit, jetzt bin ich wieder da / Doch du bist fern, so fern / Und früher warst du doch so nah. / Ich habe dich gern, unendlich gern.“ Doch so schlicht gestrickt diese ersten Versuche sind, so faszinierend ist es zu beobachten, wie rapide Fassbinder an Sicherheit gewinnt, wie er innerhalb der beiden Kölner Jahre offener wird im Denken und Reimen, wie er die Kunst als Raum der Freiheit erobert. Da macht schon ein Jahr der Entwicklung immens viel aus. So findet er zu seinem Zorn und zu dessen deftigen Ausdruck: „Halt's Maul! Man muss versuchen, sein Leben so zu leben, wie es am besten ist“ ruft die Hörspielfigur Oskar. Und in der „Penner-Saga“ übt sich Fassbinder in Gesellschaftskritik: „Liegt der fette Bürger / Mit gefülltem Magen schon im Bett / Schwimmt als Schweinewürger / Bald im eigenen Fett.“
Das Leben sei ein Kampf, stellt Fassbinder hier in Vers und Prosa fest. Und diese frühe Erkenntnis, meint man, hat er zumindest sein Künstlerleben lang beherzigt. Der fiebrige Eifer, mit dem er für die Bühne, die Leinwand und das Fernsehen Werk um Werk vollendet, ist legendär. Von „Liebe ist kälter als der Tod“ bis zur „Ehe der Maria Braun“, vom heiß umstrittenen „Die Müll, der Stadt und der Tod“ bis zum monströsen Dreizehnteiler „Berlin Alexanderplatz“ (plus Epilog) - Fassbinder ist das Synonym für berstendes Kunstschaffen. Dessen Anfänge nun nachlesen zu können, in Werken aus den „Kölner Jahren“ ist ein lohnendes, auch anrührendes Vergnügen.
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