Von GEORG IMDAHL, 01.04.05, 07:03h
L. Fritz Gruber zählte zu den seltenen Persönlichkeiten der Kulturszene, die über die Jahrzehnte hinweg ihrer Leidenschaft nachgehen, um irgendwann festzustellen, dass sie bereits zu Lebzeiten als Legende in die Geschichte eingegangen sind. Dem 1908 in Köln geborenen Weltbürger, der gestern im hohen Alter von 96 Jahren in seinem Wohnhaus in Köln gestorben ist, hat die reiche rheinische Fotoszene Impulse und Triebkräfte zu verdanken wie keinem anderen Sammler, Vermittler, Autoren und Mäzen. Leo Fritz Gruber, der seinen Vornamen so markant abkürzte, war ein Pionier im Ausstellen und Propagieren der zeitgenössischen Fotografie nach 1945. Seine glanzvolle und weithin sichtbare Bühne waren in den Jahren von 1951 bis 1980 die von ihm erfundenen und konzipierten „Bilderschauen“ anlässlich der „photokina“ - jener Messe, mit der Köln sich nach dem Zweiten Weltkrieg schlagartig zu einem Zentrum der Fotografie machte und die ebenfalls auf seine Planungen zurückging.
Grubers Programm hatte es wahrlich in sich: So rehabilitierte er in den frühen 50ern das Werk August Sanders, dessen monumentales Porträtwerk „Antlitz der Zeit“ im Dritten Reich unterdrückt worden war. Oder er richtete zwei bedeutende Retrospektiven von Man Ray und Albert Renger-Patzsch gleichzeitig aus, wofür sich die Museen heute mehrere Jahre Zeit nähmen. Es folgten wichtige Ausstellungen über den Weimarer Chronisten Dr. Erich Salomon - er wurde in Auschwitz ermordet -, über die Agentur „Magnum“ bis hin zu seinem „Imaginären Fotomuseum“.
Genialer Kenner
Geschätzt wurde Gruber aber nicht nur als genialer Ausstellungsmacher und Organisator und als profunder Connaisseur. Gruber wurde glühend verehrt, auch von den zahlreichen renommierten Fotografen, die mit ihm Freundschaft schlossen, darunter Otto Steinert, Richard Avedon, Helmut Newton. Sie erkannten in ihm Weltoffenheit, vornehme Noblesse und Bildung, die ein Fundament für seine Toleranz und eine heitere Gelassenheit bildeten. Noch im hohen Alter strahlte er diese Tugenden selbstbewusst aus, und bis ganz zuletzt blieb der hagere Mann, stets begleitet und umsorgt von seiner Frau Renate Gruber, hellwach, interessiert an der Öffentlichkeit und auch den jüngsten Strömungen der Fotografie, an denen ihn etwa das Werk Andreas Gurskys interessierte. Ohne diese Aufgeschlossenheit wäre diese kölnische Biografie, die der Stadt zur Ehre gereicht, ohne Bitterkeit vielleicht nicht zu bewältigen gewesen. Gruber hatte in den letzten Jahren der Weimarer Republik mit unerschrockener Entschlossenheit die Zeitschriften „Kölner Kurier“ und „Westdeutscher Kurier“ mitbegründet und herausgegeben, deren Stoßrichtung sich gegen die Nazis richtete. 1933 ging er, gemeinsam mit dem Philosophen Julius Lipps, nach London, bevor er nach dem Krieg die Herkulesarbeit der photokina schulterte.
Auf den Geschmack des Ausstellens war Gruber 1928 durch den Besuch der Kölner „Pressa“, einer Weltausstellung des gedruckten Wortes, gekommen. Beflügelt hatte ihn zudem die Freundschaft mit Gunter Sander, dem Sohn des berühmten Chronisten „Köln, wie es war“. Gruber fühlte sich der Fotografie als einem Medium verpflichtet, in dem sich ethischer und moralischer Impuls geltend macht. Er forderte ein klares, vor allem persönliches „Bekenntnis“ des Fotografen zu einer eigenen „Wahrheit“.
Als Gruber in den frühen 70er Jahren, damals längst eine weltberühmte Figur der Szene, seine Sammlung im Kölnischen Kunstverein präsentierte, hatte ihm Kurt Hackenberg, Kulturdezernent in besseren Zeiten, unmissverständlich beschieden: „Gruber, das muss in Köln bleiben!“ Der Sammler verstand und verkaufte der Stadt zunächst rund 900 Aufnahmen, um ihr in den folgenden Jahren weitere rund 2000 Arbeiten in mehreren Tranchen zu schenken. Unter den Ikonen finden sich die „Schlafende“ von Man Ray, Edward Steichens Porträt der Gloria Swanson, Ansel Adams „Rose auf dem Treibholz“. Heute wird dieser Fundus vom Kölner Museum Ludwig beherbergt.
Eine letzte Genugtuung mag diesem wahren Gentleman die Ehrendoktorwürde durch die Philosophische Fakultät der Universität zu Köln gewesen sein, die Gruber Ende Januar verliehen worden ist. Wie immer Wissenschaft sich theoretisch definieren mag, ohne eine der Welt zugewandte Praxis des Lebens und Forschens lässt sie sich nicht begründen. Auch dafür bietet Grubers Vita ein Exempel. Die Wertschätzung, die er in Köln genossen hat, bezeugt sich nicht zuletzt in einem Kölner Restaurant, das seinen Namen „L. Fritz“ trägt. Ausgestellt sind dort Bildnisse des stilbewussten und eleganten Doyens aus Köln. Zwei Operationen am Fuß hatten Gruber in den letzten vierzehn Tagen geschwächt. Er sei ohne zu leiden friedlich eingeschlafen, teilte seine Gattin mit. Noch im April steht im Museum Ludwig eine Trauerfeier zu Ehren Grubers an.
Er hätte nie gedacht, dass er einmal so alt werde, hatte der „Grandseigneur der Fotografie“ an seinem 95. Geburtstag gesagt. Jetzt verlieren Köln und die Fotoszene einen Mentor, dessen Leben und Werk das 20. Jahrhundert auf einzigartige Weise umspannt.
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