Von MICHAEL KRAJEWSKI, 02.04.05, 07:03h
Zum 175. Jahrestag der Staatsgründung leistet sich Belgien im Brüsseler Palast der Schönen Künste eine ausgedehnte Ausstellung. Vor drei Jahren wurde Harald Szeemann mit den umfangreichen Recherchen für das Jubiläum betraut - es wurde seine letzte Ausstellung. Der renommierte Schweizer Kurator, bekannt geworden mit innovativen Präsentationen wie „When Attitudes become Form“ (1969) oder „Der Hang zum Gesamtkunstwerk“ (1983), wegweisend als Leiter der Documenta V in Kassel (1972), starb im Februar am Tag der geplanten (und dann verschobenen) Eröffnung.
Er hat die Einrichtung seinem Sohn Jérôme Szeemann am Krankenhausbett skizziert, sie aber nicht mehr selbst vornehmen können. Im 1928 eröffneten Jugendstil-Palast von Victor Horta richtete er gemeinsam mit den Kuratoren des Hauses in 26 Kabinetten und Sälen mit über 500 Exponaten einen ungewöhnlichen Parcours hochrangiger Kunstwerke, aber auch utopischer Entwürfe und privater Obsessionen ein.
Zum Auftakt spaziert man unter Panamarenkos Flugmaschinen her, die Freitreppe hinauf zu einem leuchtenden Karussell von Carsten Höller, der in Antwerpen geboren ist. Doch vermag das Kirmesgefährt keinen schwindelnden Rausch zu erzeugen; es dreht sich nur kurz, vor- und rückwärts - und wird so als Metapher für das zweisprachige Land der Flamen und Wallonen lesbar. In der Nähe schmückt eine Narrenkappe den Totenkopf in einem Gemälde Walter Swennens; davor dekoriert Rainer Ganahl seinen Schokoladenbarren mit dem Motto „Don't eat Belgian Chocolate“ (Esst keine belgische Schokolade).
Wie die Warnung vor den kulinarischen Genüssen kann man die ganze Ausstellung allein auf Belgien und seine Eigenarten münzen. Doch ganz Universalist, suchte Szeemann „Visionäre“ nicht ausschließlich in der Kunst und nicht ausschließlich in Belgien. So ist einer Galerie prominenter Belgier, denen Brüssel je eine Straße widmet, beiläufig das Selbstporträt des Franzosen Antonin Artaud beigestellt. Natürlich begegnet man den Großen der belgischen Malerei. Ensor, Magritte, Delvaux bis hin zu Luc Tuymans sind vertreten mit ungewöhnlichen und randständigen Beispielen. Szeemann hat gerne das Überraschende zusammengetragen: Der Weg führt vorbei an Meskalinzeichnungen von Henri Michaux, Flughafenreliefs und amorphen Glasobjekten von Georges Vantongerloo hin zu Fernand Khnopffs elegant erotischen Tierfrauen und obzönsten Phantasien des Symbolisten Felicien Rops. James Ensor ist eine Dokumentation seines Treffens mit Albert Einstein 1933 gewidmet.
Immer wieder unterbrechen Dokumente und Modelle den Rundgang: Schriftstücke des Friedens-Nobelpreisträgers Henri Lafontaine, der Anfang des letzten Jahrhunderts die Idee einer Weltregierung entwickelte; Plakate der feministischen Bewegung; das Original des Atomium oder Kastenschränke aus dem „Mundeum“. Die heute vergessene, damals vom Völkerbund unterstützte Institution sammelte auf Millionen Karteikarten Informationen aus allen Wissensgebieten der Welt.
Man begegnet dem exzentrischen Steinmetz Eben Ezer, Erbauer eines von apokalyptischen Reitern gekrönten Turms bei Lüttich, und Johan van Geluwe, dem Gründer eines Museums volkstümlicher Derbheiten. Kontraste, aber auch überraschende Kontinuitäten entstehen - etwa die des Schweins in hundert Jahren belgischer Kunst, von Felicien Rops, dessen gestiefelter weiblicher Akt, den Eber Pornorkrates an der Leine spazierenführt, über die zärtliche Ferkelbestattung des Videokünstler Thierry Zéno von 1974 bis hin zum tätowiertem Borstenvieh des Zeitgenossen Wim Delvoye. Den belgischen katholischen Mystizismus spiegeln monumentale, barock verzierte Votivkerzen, Thierry de Cordiers gemaltes „Selbstporträt als Christus“ oder Frank Maieus Jesus, den der Bildhauer hinter dem Kreuz hervorlugen lässt.
Aus der eigenwilligen Melange von Künstlern, Nonkonformisten, Literaten und Individualisten ragen vereinzelt explizit politische Stellungnahmen heraus: Georges Adéagbo, noch vor kurzem in Kölner Museum Ludwig zu sehen, wendet sich Belgiens Kolonialgeschichte mit einer bissigen Installation zu. Für ihn untypisch deutlich kommentierte 1963 der Konzeptkünstler Marcel Broodthaers das blutige Abenteuer am Kongo mit dem Objekt „Das Schwarze Problem in Belgien“: schwarze Eier auf zeitgenössischen Zeitungs-Schlagzeilen über die Unruhen in der Kolonie.
Die Abfolge erzeugt so peu à peu ein visionäres Reich im Kopf des Besuchers. „Es geschah in unserer Nähe“ untertitelte Szeemann diesen ungewöhnlichen Parcours durch 175 Jahre belgische Kultur. Man sieht, man begreift und staunt, was dieses kleine Land hervorgebracht hat.
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