Von STEFAN KRÜCKENc, 06.04.05, 07:22h
Waffensen - Die Angst kam, als er in der „Tagesschau“ sah, dass nun auch das FBI hinter ihm her war. Dass Krankenhäuser in Hongkong, eine der größten Banken Finnlands und überhaupt Millionen Rechner von seinem Werk betroffen waren. Dass vielleicht die russische Mafia dahintersteckte. Oder Terroristen. „Oweia, das FBI“, dachte er, dachte an seine Schulklasse in Rothenburg an der Wümme, in der doch alle die Wahrheit kannten, über ihn und seinen Computerwurm.
„Eigentlich wollte ich bloß“, sagt Sven J. jetzt sehr leise und senkt die Stimme, bis ein Flüstern übrig ist: „den anderen Virus aufhalten.“ Er starrt auf die Tischplatte, als öffne sich dort gleich ein Notausgang. Sven J. ist ein schlaksiger Teenager, 1,85 Meter in einem weiten Sweatshirt, Jeans und Turnschuhen. Um den Mund, aus dem man jeden Satz und jedes Wort herausziehen muss, sprießen ein paar Pickel.
Sven J. ist der Erfinder der Computer-Würmer „Netsky“ und „Sasser“. Wegen ihm konnten Flugzeuge der Delta Airlines nicht starten, musste die britische Küstenwache wieder mit Seekarte und Bleistift navigieren. Bei der EU-Kommission in Brüssel funktionierte kaum etwas, und in Australien saßen Tausende Reisende fest, weil Züge stehen blieben. Sven J., heute 18, hat gezeigt, wie verletzbar die Welt der Computer sein kann.
Seine Geschichte beginnt in Waffensen, einem Dorf in den weiten Feldern Niedersachsens. Sven ist 13, als ihm seine Eltern einen Computer schenken. Bald wird Programmieren zu seiner Leidenschaft, neben dem Angeln, er mag die Einsamkeit. Sven ist ein Einzelgänger, der selten Parties besucht und keinen Alkohol trinkt, er spielt Fußball beim TV Hassendorf, mehr gibt es eigentlich nicht zu berichten. Weil er im Beruf später mit Computern arbeiten will, besucht Sven die Berufsfachschule für Informatik in Rotenburg an der Wümme.
Es ist Januar 2004, als er von „Mydoom“ hört, einem PC-Wurm, der sich zu einer Plage im Internet entwickelt. Ihm kommt eine Idee: Wie wäre es, ein Programm zu entwickeln, dass sich noch schneller verbreitet als „Mydoom“? Fortan vertieft sich Sven täglich bis zu zehn Stunden in sein Projekt. Sein Freund Ole (Name geändert) will zuerst helfen, steigt aber aus, weil ihm die Sache zu kompliziert erscheint. Doch Sven halten Startprobleme nicht auf. „Man kann sehr kreativ sein“, schwärmt er noch heute, „das ist, als ob man ein Bild malt.“
In seiner Begeisterung wird der schweigsame Teenager mitteilsam. Seine Mitschüler sind stets über den aktuellen Entwicklungsstand informiert, nur die Eltern ahnen nichts. Im Kellerraum neben Svens Zimmer, von einer Wand aus Sperrholz getrennt, hat der Stiefvater sein Büro. Haupteinsatzgebiet der kleinen Firma: Hilfe bei PC-Problemen. In der Nacht auf den 14. Februar, nach drei Wochen und 2000 Befehlszeilen, ist der Wurm fertig. Sven fühlt sich, „als ob ich eine Eins geschrieben habe“, und beginnt damit, E-Mail-Adressen aus dem Internet zu fischen. Der Schädling durchsucht, sobald eine Mail geöffnet wird, die Festplatte des Rechners nach Adressen und schickt sich selbst weiter.
Immer größer werdend kriecht der Wurm aus Waffensen durchs Internet; die Antiviren-Firma, die ihn zuerst entdeckt, tauft ihn „Netsky“. „Ein schöner Name“, findet Sven, und seine Schulklasse freut sich mit ihm. Er, der sonst zu schüchtern ist, ein Referat zu halten, genießt die Aufmerksamkeit - und sie befeuert ihn, immer neue Varianten zu schreiben. In einer Woche schafft er fünf, bis Ende April 29 „Netsky“-Versionen. Am Ende sind es so viele, dass den Antiviren-Firmen die Namen auszugehen drohen. „Netsky“ bombardiert Millionen PC-Nutzer mit sinnlosen Mails und verstopft das Internet. Aus dem Schneeball ist eine Lawine geworden, über die Anfang März das ARD-Nachtmagazin berichtet. „Das ist ja fett“, staunen die Kumpels. Nur manchmal kommt Sven der Gedanke, dass es Ärger geben könnte, aber wie soll man ihn schon finden?
Kurz vor seinem 18. Geburtstag am 29. April widmet er sich dem nächsten Plan. Der neue Wurm soll eine in Fachkreisen bekannte Sicherheitslücke im Betriebssystem Windows von Microsoft ausnutzen und sich ohne Zutun der PC-Nutzer vermehren. Was noch fehlt, ist ein Code, der ihm erlaubt, in fremde Rechner einzudringen. Warum er es tat? „Die Leute sollten sehen, wie unsicher ihre Computer sind“, sagt Sven, „das sollte ein Warnschuss sein.“ Er findet den Code im Internet, wo Seiten existieren, auf denen man das Virenschreiben üben kann; es ist sogar halbgebildeten Laien möglich, Virenskripte herunterzuladen und leicht abgeändert im Internet loszulassen.
Der Experte Sven benötigt sechs Stunden, bis der Wurm vollendet ist, den man später „Sasser“ taufen wird. Sven schickt ihn als E-Mail ab, er ahnt nicht, dass es der vielleicht teuerste Mausklick seines Lebens wird. „Mal schauen, was die Kumpels dazu sagen“, denkt er. Doch bald gibt es Probleme: „Sasser“ verbreitet sich anfangs nicht und schaltet obendrein befallene Rechner aus. Schnell schreibt Sven drei neue Varianten; der Wurm legt zwar nun los, lässt aber noch immer die infizierten Computer abstürzen. Offenbar ein Fehler im Code, den er eingearbeitet hat. So war das nie geplant.
Sven wird unruhig. Was dann passiert, verfolgt er fassungslos in den Nachrichten: Millionenschäden. CIA. FBI. Panik. Es ist Mittwoch, 5. Mai, als Sven seine letzte Sasser-Variante mit einer flehentlichen Bitte versieht, doch endlich das Sicherheitsproblem zu beseitigen. Der Konzern Microsoft, dem der Fehler ebenfalls bekannt gewesen war und der vergeblich seine Kunden gewarnt hatte, verschärft noch am selben Tag die Jagd: Man setzt 250 000 Dollar Belohnung für Hinweise aus, die zur Festnahme des „Sasser“-Programmierers führen. Sven denkt darüber nach, Teile seiner Festplatte zu löschen und ruft so ziemlich jeden an, um zu erzählen, dass er nichts mehr mit Würmern zu tun haben will. Während er noch einige Daten verschlüsselt, trifft sich sein Freund Ole, in einem Bremer Hotel mit einem Wurmjäger von Microsoft.
Freitag, 7. Mai, halb drei. Sven ist aus der Schule gekommen und hat sich wie immer sofort an den Rechner gesetzt, da klingelt es an der Tür. Männer in Anzügen betreten das Haus, nicht vom FBI, aber immerhin Beamte des niedersächsischen Landeskriminalamts. Jemand zeigt den Durchsuchungsbefehl, dann bauen sie Computer ab, stecken CDs ein. Sven sitzt zitternd auf dem Bett und bringt kein Wort heraus. „Ich dachte, mein Herz bleibt stehen“, berichtet er mit tonloser Stimme. Während eines dreistündigen Verhörs im Polizeipräsidium von Rotenburg gibt er alles zu.
Als er abends wieder nach Hause kommt, sitzt der Stiefvater schweigend am Küchentisch, die Mutter weint. Bald besuchen Dutzende Journalisten das Dorf, das nur in Karten mit kleinem Maßstab auftaucht. Chaostage in Waffensen. Die Programmierer von „Mydoom“, den „Netsky“ gelöscht hatte, stellen aus Rache sein Foto und seine Anschrift ins Netz. Sven empfängt wüste Beschimpfungen, sogar Morddrohungen.
„Am schlimmsten wird der Prozess“, fürchtet Sven und duckt sich dabei, als erwarte er Schläge. Allein die Vorstellung, dem Richter antworten zu müssen, vor all den Zuschauern, den Anwälten, lässt ihn schon jetzt unruhig schlafen: „Das wird wie auf einer Bühne“, stößt er hervor, „wie am Pranger!“
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22. April 2012,
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