Von PETRA PLUWATSCH, 08.04.05, 07:04h
Paris war ein Blumenmeer, voll von Menschen, an jenem 19. April 1980, als Jean-Paul Sartre auf dem Friedhof von Montparnasse zu Grabe getragen wurde. In einer Endlosschleife sehen wir die Aufnahmen von seiner letzten Fahrt auf den Boulevards von Paris: die schwere, blumengeschmückte Limousine, die dem nachfolgenden Leichenwagen den Weg bahnt. Die trauernden Menschen, die zu Tausenden die Straßen säumen. Die Aufnahmen bilden den Schlusspunkt einer Ausstellung unter dem schlichten Titel „Sartre“, mit der Frankreich bis zum 21. August 2005 seinen berühmten und bis heute umstrittenen Autor und Philosophen ehrt.
Der Anlass der opulenten Schau ist ein zweifacher. Vor 100 Jahren, am 21. Juni 1905, wurde Jean-Paul Sartre geboren, vor 25 Jahren, am 15. April 1985, starb der charismatische Querdenker, dessen Philosophie von der absoluten Freiheit und Einsamkeit des Individuums eine ganze Generation beeinflusst hat. Mehr als 400 - zum Teil bislang unveröffentlichte - Exponate sind in den hohen, abgedunkelten Räumen der Bibliothèque Nationale am Rande von Paris ausgestellt: Briefe, Tagebucheintragungen und Manuskriptblätter. Filmausschnitte. Aufnahmen von Roman-Verfilmungen und Theateraufführungen. In ihnen, besser: in der Gesamtheit der Ausstellungsstücke offenbart sich ein unruhiger Geist, dessen Antriebsfedern sowohl produktive Neugierde als auch nimmermüde Lust an der intellektuellen Auseinandersetzung waren.
Jahr um Jahr durchmisst man an der Hand der Ausstellungsmacher dieses zunächst wenig spektakuläre Leben, das in einer großbürgerlichen Wohnung in Paris begann und knapp 75 Jahre später in einem städtischen Krankenhaus endete. Wir sehen das Foto eines zarten Knaben, der, kaum mehr als zwei Jahre alt, verloren in die Kamera blickt. Der Vater ist gerade gestorben, einige Jahre später wird die Mutter ein zweites Mal heiraten und mit der Familie von Paris nach La Rochelle ziehen.
Wir erfahren, dass Hector Malots Roman „Sans Famille“ („Heimatlos“) die Lieblingslektüre des vaterlosen Jungen ist. Noch bevor er selber lesen kann, weiß Jean-Paul ganze Seiten auswendig zu zitieren, ein Einsamer auch damals schon, der sich als Erwachsener als Mensch ohne Bindungen stilisieren wird.
Eine aufgeschlagene Kladde dokumentiert die erste Begegnung zwischen dem Philologie-Studenten Sartre und der damals 21-jährigen Simone de Beauvoir im Juli 1929. Das Paar soll einander ein Leben lang verbunden bleiben. Sie wisse, notiert die junge Frau in ihrem Tagebuch, dass Sartre ihr niemals wehtun werde, und sie wisse auch, dass sie vor ihm sterben werde. Die Schriftstellerin und Essayistin irrte in beiden Punkten. Sartre war auch anderen Frauen zugetan, sie selber starb am 14. April 1986, sechs Jahre nach dem Tod des Lebensgefährten.
1931 beginnt Sartre, inzwischen Philosophielehrer an einem Gymnasium in Le Havre, mit der Niederschrift seines ersten Romans. Mehr als sechs Jahre arbeitet er an seinem literarischen Debüt, das zu einem seiner Hauptwerke werden soll. „Melancholia“ betitelt der junge Autor die Geschichte des Antoine Roquentin, den ein wachsender Ekel vor der Welt erfüllt. Fast rührend nimmt sich das von Sartre selbst gezeichnete Deckblatt auf kariertem Papier aus, das in der Ausstellung zu sehen ist.
Unter dem Titel „La Nausée“ („Der Ekel“) erscheint der Roman 1938 im Pariser Gallimard Verlag: Der Schriftsteller Sartre ist geboren. Rastlos durchmisst er fortan ein Leben, das sich definiert durch die schriftliche Fixierung des Wortes. Sartres Output in jenen Jahren ist beachtlich. Es entstehen weitere Romane: „L'Âge de raison“ („Zeit der Reife“), „Le sursise“ („Der Aufschub“). Sartre profiliert sich als Theaterautor („Die Fliegen“, „Die schmutzigen Hände“). In seinem philosophischen Werk „Das Sein und das Nichts“ postuliert er 1941 auf 700 Seiten seine Überzeugung von der grenzenlosen Freiheit des Einzelnen, der hineingeboren wird in eine fremde, jeden moralischen Anspruchs entkleidete Welt. Sartre gilt seither als Hauptvertreter des atheistischen Existenzialismus, der an eine Welt ohne Gott, ohne Gnade und ohne Reue glaubt.
An seinen Schriften wie an seinem Handeln scheiden sich bis heute die Geister. Sartre wird zum Berufs-Intellektuellen, einer, der sich einmischt und zu - fast - jedem Thema etwas zu sagen hat. Genüsslich inszeniert er sich selber an den blank geputzten Tischen des Café de Flore, wo er stundenlang sitzt und schreibt. Auf diese Weise, auf Stühlen und an Tischen, „die niemandem gehören“, heißt es in seinen Memoiren, gelange er „zu einer Art von Einsamkeit und Abstraktion“. Der kleine Mann, der sich ein Leben lang seines Aussehens schämte, ist der ewige Rebell. Keinen politischen Irrtum scheut er und ist doch stets bereit zur Umkehr. Jahrelang sympathisierte er mit dem Kommunismus, um sich 1968, nach dem Ende des Prager Frühlings, endgültig von ihm abzuwenden. 1974 reiste der fast 70-Jährige nach Stuttgart-Stammheim, um die RAF-Häftlinge zu besuchen. Sein Fazit nach dem Treffen mit Andreas Baader: „Was für ein Arschloch!“
Im Jubiläumsjahr ist Sartre in Frankreich präsent wie zu seinen Lebzeiten. Umfassende Zeitungsbeilagen, Ausstellungen und Symposien widmen sich dem Leben des Mannes, der sich als Einsamer sah und doch über seinen Tod hinaus von der Welt vereinnahmt wurde wie kaum ein anderer Philosoph und Schriftsteller der 20. Jahrhunderts.
Die Ausstellung in der Bibliothèque Nationale läuft bis zum 21. August. Der Katalog kostet 48 Euro.
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